Die Vier von der Werkstatt

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Vier fleißige Radfahrer des RV Ohmenheim (links der Vereinsvorsitzende Hubert Baum) haben ein Projekt gestartet, mit dem sie rund 70 Flüchtlingen aus der Ukraine ein Stück Freiheit verschafften. Willi Mayer (Zweiter von links), Philipp Wengert, Initiator Karl-Heinz Grunschel und Willi Brütting (nicht auf dem Foto) haben sich viele Stunden in die Werkstatt gestellt und gebrauchte Räder wieder flott gemacht.
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Wie Radfahrer des RV Ohmenheim Geflüchteten ein Stückchen Freiheit und Lebensqualität schenken.

Neresheim

Ende März, als es so richtig los ging mit der Flüchtlingswelle, hatte Karl-Heinz Grunschel den Gedanken: Ich könnte eigentlich auch was machen. Irgendwas für die Frauen mit ihren Kindern. Und als leidenschaftlicher Radfahrer lag für ihn die Idee „irgendeine Rad-Aktion“ natürlich nicht weit.

Was ein Rad alles bewirken kann

„Wenn diese Familien die Möglichkeit hätten, Rad zu fahren“, dann ist das einerseits schlicht von praktischem Nutzen, beim Einkaufen oder um anderes zu erledigen, aber es hat auch noch einen ganz anderen, mindestens genauso großen Wert: Radfahren tut gut. Das wissen die Mitglieder des Radfahrvereins Ohmenheim nur zu gut. Einfach raus, sich bewegen, die herrliche Landschaft genießen, sich den Härtsfeldwind ein wenig um die Nase wehen lassen. „Ich hab' mir gedacht, dass das vielleicht auch helfen könnte, das Trauma aus der Kriegserfahrung ein wenig zu lindern“, erklärt Grunschel seine Motivation.

Die Idee stand. Erst schloss er sich mit seinem Vorstand Hubert Baum kurz, ging dann aufs Rathaus wegen einer Annonce im Amtsblatt. Wegen eines Lagerraumes für die Räder. In dem auch Platz ist zum Montieren. Niemand meldete sich, obwohl er von mehreren Leerständen bei Scheunen, Stadeln und Ställen wusste. Enttäuschung. Soll ich das Projekt jetzt wirklich sterben lassen?, überlegte sich der Kachelofenbaumeister. Die ganze Straße hatte er schon abgeklappert. Aber Aufgeben ist nichts für den 74-Jährigen. So machte er weiter mit dem Klinkenputzen. Glück hatte er schließlich bei Anneliese Baur in der Vorstadtstraße. Wo vor 20 Jahren Schweine und Traktoren ihren Platz hatten, gibt es nun welchen für ausrangierte Drahtesel und fleißige Rentner, die diese wieder fit machen.

Nachdem der Raum Anfang April gefunden war, schaltete er zwei weitere Anzeigen im Amtsblatt. Erstens – klar – suchte er nun gebrauchte Räder, die er – nach ihrer Reparatur - den Flüchtlingen dann zur Verfügung stellen kann. Und zweitens: Mitstreiter. Die fand er in dem ehemaligen Kfz-Mechaniker Philipp Wengert (67), dem Kfz-Mechanikermeister Willi Meyer und Lehrer Willi Brütting (74). Dann ging's auch zügig los.

Mit einem Fläschle WD40

Bremsen kontrollieren, die Schaltung einstellen, Schalt- und Bremszüge erneuern, Beleuchtung instandsetzen. Meyer misst bei einem „Patienten“ mit dem Multimeter Spannung, Stromstärke, Widerstand. „Wenn bei der Beleuchtung zu viel kaputt ist, machen wir eine Elektrische hin. Das ist dann günstiger“, erklärt Philipp Wengert, der sich – gemeinsam mit einem Fläschle WD 40 - gerade ein grünes Epple mit Standschäden und recht rostiger Kette vorgeknöpft hat und anschließend eine Proberunde durch den Hof dreht. Sehr gut. Läuft. Grunschel kämpft mit einem schwarzen Winora, bei dem das Licht so verbaut ist, dass er nur schwer rankommt.

Zwei bis drei Räder schaffen sie an einem Vormittag. Bei einem blauen Corratec ist der Rahmen geschweißt. Das wird ein Fall fürs Ausschlachten, denn die Sicherheit der künftigen Fahrer der reparierten Räder hat selbstredend oberste Priorität. Bremsen, Beleuchtung, Bereifung. Danach schauen die ehrenamtlichen Monteure immer. „Vorher geht keins raus.“

Der RV übernimmt die Kosten

Die Kosten für die Ersatzteile trägt der Verein, Fahrrad Schill aus Dorfmerkingen stellt diese zu einem günstigen Preis zur Verfügung. Ein gebrauchtes Rad, das sofort auslieferbar war, hat der Betrieb zusätzlich gespendet. Öfter ist es auch so, dass die Vier Ersatzteile von zuhause mitbringen, um die Reparatur eben so günstig wie möglich zu halten. Jeden Montagfrüh ist Schaff-Treff in Anneliese Baurs Hof oder Werkstatt. Je nach Wetter. Und wenn ein Anruf kommt „ich hätt' Dir da ein Rad“, dann schnappt sich Grunschel sein Bussle und sammelt es ein. Selbiges kommt auch zum Einsatz, wenn wieder ein paar Räder fertig sind. Ist das Bussle voll, liefert der Ofenbauer eine Ladung aus. Die Gastfamilie bekommen seine Handynummer. Wenn von den privat untergebrachten Flüchtlingen jemand etwas braucht, liefern die vier Rentner Damen-, Herren- oder Kinderrad. Je nach Bedarf. Doch der Großteil geht ans Kloster.

Brütting, Wengert, Meyer und Grunschel. Sie sind alle Rentner und Radfahrer im RVO, Meyer seit 1982 in der Radsportgruppe. Früher waren sie mit ihren Rennrädern unterwegs, vor zehn, fünfzehn Jahren sind sie auf Mountainbikes umgestiegen und im Gelände unterwegs. „Karl-Heinz kennt die tollsten Strecken und jeden Weg.“

Zusammenhalten ist Ehrensache

Warum sie sich so gut auskennen und fachgerecht reparieren können? „Zu der Zeit, als wir gelernt haben, hatte jede Werkstatt noch Auto und Fahrräder in der Reparatur“, erklärt Kfz-Meister Willi Meyer. Und warum er sich auf Grunschels Aufruf gemeldet hat? „Ganz klar, weil wir halt zusammenhalten.“ Normalerweise unternehmen sie in ihrer Freizeit von Ohmenheim aus ihre Touren mit dem Rad. Mal nach Tauchenweiler, zum Bucher Stausee, nach Dillingen oder Lauingen. „Nichts ist vor uns sicher“, grinst Meyer. Jetzt haben sie ihre Zeit für einen guten Zweck investiert. „Ich wollte gerne einen Beitrag leisten, um die Not der Flüchtlinge etwas abzumildern und ihnen die Möglichkeit geben, sich hier besser zu integrieren“, beschreibt Brütting.

Im Moment ist Pause. 68 Räder sind ins Kloster und nach Schweindorf ausgeliefert, mehr Bedarf ist gerade nicht. Doch wenn neue Flüchtlinge dazu kommen, stellt sich der fleißige RVO-Trupp sofort wieder in die Werkstatt. Und ein paar Räder haben sie startklar in Reserve.

Hm, die Kette läuft nicht vernünftig. Da muss Philipp Wengert (links vorne) auf jeden Fall ran. Fotos: Panja Tillmann-Mumm

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