Ein Ausbruch mit unfassbarer Wucht

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Das Wohnheim „Haus am Sohl“ in Neresheim der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb. Ziel des 33-köpfigen Betreuerteams ist, den Bewohnern ein familienähnliches gemeinsames Leben mit umfassender Selbstständigkeit und Selbstversorgung zu ermö
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Wie die Menschen in der Behindertenhilfe Ostalb im Haus am Sohl in Neresheim vier Wochen Isolation erlebt haben.

Neresheim

Trotz Impfen und strenger Einhaltung aller Vorgaben: Im engen familiären Zusammenleben der Menschen mit Behinderung in Neresheim schlug das Virus mit aller Macht zu und führte dabei ihr Leben in eine schlimme Isolation.

„Die Macht des Ausbruchs hat uns praktisch den Boden unter den Füßen weggezogen. 17 Mitarbeiter und 18 Bewohner hatten sich binnen weniger Tage infiziert. Drei mussten auf Intensiv. Zwei sind leider verstorben“, blickt Gisela Graf-Fischer, die Bereichsleiterin Wohnen in der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb erschüttert auf vier kaum fassbare Wochen im „Haus am Sohl“ zurück. Ihr Fazit vorab: „Man hätte wohl früher boostern müssen. Aber durch die Impfung hatten 32 Infizierte nur leichte Verläufe.“ Die Betreuer waren alle in Quarantäne und fielen wegen Arbeitsverbot aus.

Zeitweise ging Vertrauen verloren

Mit dabei beim Pressetermin sind Daniel Weber, 32, Teamleiter im Haus am Sohl in Neresheim und Christa Mittring, 63, Standortleiterin Wohnen in Neresheim. „Wir haben zeitweise das Vertrauen der Menschen verloren“ fassen sie die Problematik zusammen. Die Historie dahinter: Schon beim ersten Lockdown 2020 musste komplett isoliert werden. „Wir mussten ins Gefängnis“, beschreiben es die befragten Bewohner. Dann die Hoffnung Impfen. „Da hat man gedacht, man bekommt kein Corona mehr“, blicken die Bewohner zurück und auch die Betreuer wähnten sich in Sicherheit. Dazu die Öffnung ab Mai 2021. Es gab Hoffnung auf einen ruhigen Sommer. Dazu wieder die intensiv gelebte Inklusion in der Härtsfeldstadt mit Teilnahme am öffentlichen Leben. Anschließend das Warten auf die Booster-Impfungen. Dann der Schock: Genau in die Schnittstelle mit Verschärfung der Schutzmaßnahmen und Freigabe der Booster-Impfung, schon fünf Monate nach der zweiten Impfung, begann am 12. November der heftige Ausbruch: „Man hat uns vertraut, dass wir alles für die Inklusion und die Selbstständigkeit für die Menschen mit Behinderung tun. Dann mussten wir von heute auf Morgen mit Schutzkleidung unsere Bewohner versorgen. Kaum einer von ihnen hat das verstanden“, blickt Christa Mittring zurück. Aggressionen wurden teilweise frei. Es gab auch panische Reaktionen und die Situation verschärfte sich von Tag zu Tag. „Mit Vollschutz wie auf einer Intensivstation Kochen, Duschen, den Bewohnern helfen. Das hat an den Kräften gezehrt. Man war schon nach ein paar Minuten komplett verschwitzt und arbeitete mehrere Stunden in Vollschutz. Das kann man sich nicht vorstellen“, beschreibt Daniel Weber die Situation vor Ort. Dazu die psychische Komponente bei den Bewohnern. In den kleinen Zimmern ist eine Zimmerquarantäne kaum auszuhalten. Christa Mittring schüttelt noch einmal ungläubig den Kopf: „Dass in einer Intensivstation im Krankenhaus unter Vollschutz gearbeitet wird ist eine Sache, in einem familiären Wohnumfeld eine ganz andere. Man stelle sich eine Familie mit Kindern vor und Vater und Mutter tragen Vollschutz. Das ist irgendwie fast grotesk.“

Super Team und tolle Hilfe

„Die enge Zusammenarbeit der Mitarbeiter, die gute Stimmung die trotzdem da war und vor allem auch die Unterstützung vom Gesundheitsamt. Das war genial“, kann man die vielen Stimmen und Meinungen der Bewohner und Mitarbeiter auf einen Nenner bringen.

Jetzt im Rückblick schwingt die große Erleichterung mit und Gisela Graf-Fischer hebt noch hervor: „Die Hilfe der Arztpraxis Winkler für ein schnelles Boostern der Nichtinfizierten war unglaublich schnell und gut“.

Das sagen Bewohner dazu:

Stefan Mathea, 59:

Weil es so eng ist war es eine schlimme Zeit. Viele Mitarbeiter waren weg. Wir waren alle geimpft. Da waren wir nicht darauf vorbereit.

Markus Landsperger, 46:

Ich war der erste, der positiv getestet wurde und habe mich ganz mies gefühlt. Die Quarantäne ist das Schlimmste überhaupt und ich konnte das anfangs gar nicht akzeptieren.

„Ich ertrage die Verharmlosung nicht mehr.“

Gisela Graf-Fischer, Bereichsleiterin Wohnen
  • Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb, Beispiel: Wohnheim „Haus am Sohl“ in Neresheim
  • In vier Wohngruppen leben hier Menschen mit unterschiedlichem Unterstützungsbedarf im Alter von 20 bis 79 Jahren zusammen. Ziel des 33-köpfigen Betreuerteams ist es, den Bewohnern ein familienähnliches gemeinsames Leben mit umfassender Selbstständigkeit und Selbstversorgung zu ermöglichen. Die Tagesabläufe sind wie in einer Großfamilie: Aufstehen, zur Arbeit in die Werkstatt oder in die Tagesbetreuung gehen, heimkommen, zusammen kochen oder die Freizeit gestalten. Dabei hat jeder Bewohner ein eigenes kleines Zimmer. Küche, Bad und Aufenthaltsräume werden gemeinsam genutzt.
  • Deutlich spürbar ist für den Besucher vom ersten Moment an die Vertrautheit und die Enge der Beziehung unter den Bewohnern und auch zu den Betreuern. Man spricht über alles. Es gehört auch dazu, sich einmal in den Arm zu nehmen, zu trösten und sich nahe zu sein. Das vor Ort hautnah zu erleben berührt einen tief. Man darf dabei nicht vergessen, dass die meisten Bewohner hier keine weiteren Angehörigen mehr haben. Ihre Wohngruppe bedeutet Heimat, Zuflucht, Geborgenheit und gibt Sicherheit.
Das Wohnheim „Haus am Sohl“ in Neresheim der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb. Im November traf die Menschen hier ein Coronaausbruch von unfassbarer Wucht.
Das Wohnheim „Haus am Sohl“ in Neresheim der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb. Ziel des 33-köpfigen Betreuerteams ist, den Bewohnern ein familienähnliches gemeinsames Leben mit umfassender Selbstständigkeit und Selbstversorgung zu ermö

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