Mit der Sausss-Ente über die Alpen

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Hermann Hirschbolz mit seiner Sausss-Ente auf dem l'Isèran-Pass. Die Passstraße ist Teil der Route des Grandes Alpes. Sie verbindet die Hochtäler der Isère und des Arc. Auf der Nordseite des Col de l'Isèran liegen die bekannten Wintersportorte Val-d'Isère und Tignes.
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Was der Neresheimer Hermann Hirschbolz bei seiner Tour mit einem Citroën 2 CV auf der Route des Grandes Alpes erlebt hat, wie es dazu gekommen ist und wie die Fahrt ans Mittelmeer endet.

Neresheim

Er hat Kultstatus, der 2 CV von Citroën, in Deutschland besser bekannt als „Ente“. Eine solche hat Hermann Hirschbolz mit viel Engagement und Liebe zum Detail restauriert. Mit dem nun fertigen Oldtimer hat der 72-jährige Neresheimer sich einen Traum erfüllt und hat sich auf große Fahrt begeben. Mit dem 27-PS-starken Vehikel hat Hirschbolz 17 Alpenpässe überquert und ist damit die Route des Grandes Alpes von Thonon-les-Bains am Genfer See ins südfranzösische Menton gefahren. Weshalb er die letzte Station an der Côte d' Azur verpasst hat und welche Rolle dabei ein Keilriemen gespielt hat?

Da steht sie nun, die „Sausss-Ente„ auf dem Gelände des Segelflugvereins Neresheim. 2650 Kilometer Bergfahrt hat sie in zwölf Tagen absolviert. Von seiner „grün-frischen“ Farbe hat der Wandervogel nichts eingebüßt. Und in Zeiten der Energiekrise seien 180 Liter Super ein angemessener Sprit-Verbrauch, sagt Hermann Hirschbolz und errechnet 6,08 Liter auf 100 Kilometer.

Der 72-Jährige war lange Zeit nicht nur gern im Segelflieger unterwegs. Schon seit seiner Jugend schlägt sein Herz für „Enten“. Sein Faible für das französische Kultauto wird deutlich, wenn er von „seinen Enten“ spricht – dem ersten 2 CV,  grau, 16 PS, ein Studentenauto. „Die Ente zählte zu der Generation, die Mitte der 1960er Jahre auf den Markt kam.“ Ihr folgte ein rote, dann ein 2-CV-Kastenwagen in Orange mit zwei Türen und schließlich das zweifarbige  Modell „Charleston“ in Rot und Schwarz.  Danach war Enten-Pause.

Eine Ente zu verschenken

Bis eines Tages auf dem Gelände des Elchinger Autohauses  Weber die „Sausss-Ente“ steht: zu verschenken. Keine Frage, die Passion des Lehrers geht weiter. Mit einer Unterbrechung. Das bambusgrüne Entlein mit beige-brauner Innenausstattung muss aufwendig restauriert werden.

2013 startet das Projekt „Hermanns Sausss-Ente“. Geduld, viel Arbeit und Zeit investiert Hirschbolz in das Gefährt. „Ich habe sie in all ihre Einzelteile zerlegt“, sagt der Hobbymechaniker und erzählt vom Sandstrahlen der Karosserie, vom Blechbiegen, von einem neuen Rahmen und natürlich vom auffälligen Design dank neuer Aufkleber mit der Comic-Ente für die Türen.

Eine Fernseh-Dokumentation aus dem Jahr 2020 über eine Reise mit einem Citroën 2 CV entlang der Route des Grandes Alpes wird für Hirschbolz zum Vorbild. Start ist für den Pensionär in Neresheim. Auf Landstraßen geht es Richtung Schweiz und Genfer See.

Den Grandes-Alpes-Startpunkt in Thonon-les-Bains erreicht er bei einem schweren Gewitter mit Hagel. Im Hotel macht Hermann Bekanntschaft mit Mathias und Mareille. Hermanns „für-alle-Fälle-Schlafsack“ bleibt im Auto, wie auch der Campingstuhl samt Tisch. Das deutsche Ehepaar will die Route per Triumph-Motorräder absolvieren. Die „Alpen-Abenteurer“ unterhalten sich bestens und treffen sich weitere zwei Mal während der Fahrt.

Am nächsten Morgen geht es los. Perfekt zum Eingewöhnen, so scheint es, sind die ersten Alpenpässe weniger als 2000 Meter hoch. Doch weit gefehlt. In vielen Serpentinen geht es hinauf zum 1172 Meter hohen Col des Gets – und wieder hinab. Es reihen sich der Col de la Colombière (1680 m), der Col des Aravis (1487 m), der Col des Saisies (1650 m) und der Cormet des Roselend mit knapp 2000 Metern an. Das Entlein ist gut gefedert und wankt, ganz Ente-typisch, in den Kurven. Nach zahllosen Kehren schmerzt Hermanns Arm am gleichen Abend noch und in der Nacht fast mörderisch.

„Das war der Moment, an dem ich überlegte, ob ich die Reise abbrechen sollte“, erinnert der 72-Jährige. Doch so schnell gibt er den Traum nicht auf. Zumal der Ente die Serpentinen nicht zu schaffen machen. Dank des Rats eines französischen Apothekers, einer Salbe und dem täglichen „Training“ am Ente-Lenkrad ohne Servo lassen die Schmerzen überraschend schnell nach. Und weiter geht's in Richtung der hochalpinen Pässe.

Der König der Bergroute heißt Col de l'Isèran. „Er gilt mit 2770 Metern als der höchste überfahrbare Gebirgspass der Alpen“, sagt Hermann Hirschbolz beeindruckt und erzählt von den bekannten Wintersport-Orten Val-d'Isère und Lac de Tignes. Der Ente-Fahrer schwärmt von fantastischer Landschaft und alpiner Natur. „Der Izoard-Pass zeichnet sich aus durch seine grandiose Serpentinenstrecke in wilder und zerklüfteter Felslandschaft. Der Pass ist einzigartig abwechslungsreich“, sagt Hermann.

Alles klappt – den Notfall-Schlafsack braucht er nicht. Doch dann passiert es. 20 Kilometer von Menton und dem Mittelmeer entfernt, in Sospel, ist vorerst Endstation. Die Ente fährt nicht weiter. Es liegt am Keilriemen. Statt sich von einem Mechaniker  vor Ort helfen zu lassen, entscheidet sich der Neresheimer für den ADAC. Es kommt ein Abschleppwagen, bringt ihn und seine Ente in die Werkstatt nach Nizza statt nach Menton. Und weil es Freitagnachmittag ist, bleibt alles wie es ist. Erst montags wird Sausss-Ente repariert. „Da stand ich nun“, sagt Hermann. Doch alles fügt sich – dank hilfsbereiter Menschen. Einzig die letzte Station der Route entfällt. Die Heimat ruft.

Wissenswertes über die Route des Grandes Alpes und über das Kultauto „Ente“ von Citroën

Das Sondermodell „Sausss-Ente„ bringt Citroën im Februar 1987 als letzten 2 CV auf den bundesdeutschen Markt. Es ist in Bambusgrün lackiert mit der Folie einer Comic-Ente auf den Türen versehen.

Die Route des Grandes Alpes gilt als eine der schönsten Bergrouten Frankreichs. Sie wurde 1912 eröffnet, ist 700 Kilometer lang, startet in Thonon-les-Bains auf der französischen Südseite des Genfer Sees und endet am Mittelmeer in Menton, 20 Kilometer östlich von Monaco.

Die Route überquert 17 Alpenpässe, unter ihnen der höchste Straßenpass der Alpen, der Col de L'Iseran.  Auf der Alpen-Route überwindet man insgesamt 15.700 Höhenmeter.

Mehrere Teilstücke der Pässe sind Etappen der Tour de France.

Die deutsche „Ente“ heißt übrigens im französischen Original nicht „Canard“, sondern 2 CV - also deux Chevaux (was nicht der PS-Zahl entspricht, sondern sich aus dem französischen Kfz-Steuersystem ableitet); und in der Schweiz wird das Kultauto lautsprachlich „Döschwo“ genannt.⋌aki

Los geht's in Neresheim. Vor der Ente und Hermann Hirschbolz liegen 2650 Kilometer und zahlreiche Alpenpässe.
Hermann Hirschbolz am Col de l'Isèran
Statt Menton ist die Sausss-Ente in Nizza gelandet.
Hermann Hirschbolz ist gut daheim angekommen.
Fantatsiche Aussicht ist der Lohn nach jeder Menge Serpentinen hinauf zum Col de Galibier. Er zählt wohl zu den bekanntesten klassischen Anstiegen der Tour de France.
Der Cormet de Roselend bietet landschaftlich sehr viel Abwechslung; aber die Landschaft zur Passhöhe ist karg alpin.

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