Tierfilmer Andreas Kieling über abenteuerliche Zeiten

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Tierfilmer Andreas Kieling beim Filmen eines Wildschweines.
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Der bekannte Tierfilmer Andreas Kieling erzählt, wie er Grizzlys und Gorillas nahe kommt, was ihn antreibt und was sein Schlüssel zum Erfolg ist.

Neresheim. Er hat viele Länder der Welt bereist, in Alaska mit Eisbären und Grizzlys gelebt, ist dem scheuen äthopischen Wolf genauso begegnet wie östlichen Flachlandgorillas im Kongo, afrikanischen Wildtieren oder Reptilien. Er hat mit seiner Kamera Szenen eingefangen, die sonst keinem gelangen: Andreas Kieling ist einer der bedeutendsten deutschen Tierfilmer. Im Gespräch mit der SchwäPo erzählt er, was ihn antreibt, worauf sein Erfolg beruht und was die Neresheimer erwartet, wenn er am 29. April zu Gast in der Härtsfeldhalle ist.

Was bringen Sie mit nach Neresheim?

Andreas Kieling: Zwei Filme. Der eine spielt in Alaska, meiner abenteuerlichsten Zeit, in der ich mit Grizzyls, Eis- und Braunbären, Moschusochsen, Karibus und Elchen gelebt habe. Das war die intensivste Zeit meines Lebens, was Naturbegegnungen anbelangt. Diese vier Jahre haben mich als Mensch verändert und als Tierfilmer bekannt gemacht. Weil noch nicht viele diese Intensität, diese Nähe zu den Tieren erlebt hatten. Es war mein intensivstes Projekt.

Und der zweite Film?

Der handelt vom deutschen Wald, ist in über vier Jahren entstanden. Es sind spektakuläre Aufnahmen dabei. Beispielsweise wie zwei Keiler miteinander auf Leben und Tod kämpfen. Da konnte ich eine Szene festhalten, die bislang niemand anderem mehr gelungen ist. Dabei bin ich schwer verletzt worden, aber ich hab' das trotzdem auf die Kamera gekriegt. Oder eine Hasenhochzeit im Feld, bei der die liebestolle Gesellschaft einer einzigen Häsin hinterjagt. Das Publikum in Neresheim darf mir dann gerne Fragen stellen. Manchmal interessiert die Leute ja etwas anderes, als man so denkt.

Was treibt Sie an?

Es ist die Neugierde auf die Natur, die Freude und Faszination an ihrer Schönheit. Manche beobachten sie mit einem Fernglas oder fotografieren sie. Ich muss das einfach filmen. Um die Schönheit zu bewahren. Es gibt zig Beispiele, bei denen ich vielleicht der Letzte war, der das gesehen hat.

Haben Sie ein Beispiel?

Im kongolesischen Kriegsgebiet habe ich Östliche Flachlandgorillas erlebt, bin selbst unter Beschuss geraten. Da ist schon die Frage, wann es zu riskant ist, dort zu filmen und wann es mit der Art vorbei ist. Die Äthiopischen Wölfe sind die seltensten Großsäuger. Sie lassen sich auch nicht im Zoo halten. Sie sterben in Gefangenschaft. Dass ich die erleben durfte, ist schon richtig toll. Bei mir steht immer das Entdecken dahinter, wenn ich mit meiner Kamera „auf die Jagd“ gehe. Ich würde auch zu einem Spaziergang im Stadtpark ein Fernglas mitnehmen, um zu schauen, was es da an Vögeln gibt. Ich bin einfach ein Naturenthusiast.

Welches Tier war am schwersten zu finden?

Der Marco-Polo-Argali. Das einzige Wildschaf der Erde. Ich habe es nördlich des Himalaya an der chinesisch-tatschikischen Grenze im Tian-Shan-Gebirge entdeckt. Zuvor ist es noch nie professionell gefilmt worden.

Wie gehen Sie vor, um ein Tier aufzuspüren?

Man sucht nach frischen Fährten, nach Fraßspuren, muss ein guter Spurenleser sein. In meinen 24 Jahren in Alaska habe ich da viele Erfahrungen gesammelt. Aber Misserfolge sind normal.

Wie schaffen Sie es, nicht aufzugeben?

Ich habe als Junge die Abenteuerbücher von Jack London oder Mark Twain verschlungen. Und auf einmal ist man selbst in dieser Geschichte drin, erlebt diese Abenteuer. Das ist etwas sehr Glücklich-machendes. Da sagt man sich: Beiß' die Zähne zusammen! Es ist etwas Einmaliges, was du erlebst. Ein Geschenk. Halt durch. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Und es hat etwas mit Passion zu tun, der Ehrgeiz, etwas noch besser hinkriegen zu wollen.

Gibt’s einen genialsten Moment innerhalb Ihrer ganzen Erlebnisse?

Ganz schwer. Mindestens zehn. Zum Beispiel, wenn man bei Schneessturm in der Tundra sitzt und abends nochmal eben vor dem Schlafengehen wohin will, das Zelt öffnet und ein Eisbär schaut einen an. Insgesamt ist das Zusammentreffen mit Tieren, Menschen und Kulturen sehr erfüllend.

Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?

Tiere sind nicht dazu da, uns Menschen zu jagen oder zu töten. Wir gehören nicht ins Beutespektrum. Wir schließen das nur daraus, weil der Mensch das mit den Tieren tut. Es kann aber natürlich zu Unfällen kommen. Elefanten sind eine Ausnahme. Wenn da die Leitkuh beschließt, man könnte eine Gefahr für den Nachwuchs sein, ist es aus.

Was macht einen guten Tierfilmer aus?

Es ist wichtig, dass man ein gutes Einfühlungsvermögen hat. Dass man auch weiß, wenn es besser ist, sich zurückzuziehen Ich war mit einer Eisbärin und ihren beiden Jungen alleine auf dem Packeis. Das geht nicht mit jedem Bär. Ich hab' aber gespürt, dass sie mich toleriert. Nicht akzeptiert. Da ist ein großer Unterschied. Ich muss das Tier entscheiden lassen, in wie weit es sich mir nähern will. 250 Meter? 50? Also nicht ich nähere mich, sondern das Tier. Dieses An-meine-Anwesenheit-Gewöhnen dauert oft sehr viel länger, als das Filmen selbst.

Wie gehen Sie diesen Gewöhnprozess an?

Mit ganz viel Einfühlungsvermögen und Geduld. Man muss sich langsam herantasten, einen Bezug bekommen. Das Wildtier muss ja mit meiner Nähe klarkommen und nicht genervt in die Kamera gucken. Man muss einen langen Atem haben und sich auf die Dinge einlassen. Vielleicht passiert das, was man sich erhofft, nicht im einen Jahr, vielleicht auch nicht im Zweiten. Aber eventuell im Dritten. Ich habe in Alaska aufgenommen, wie zwei Elchbullen gekämpft haben. Das ist nie wieder so gefilmt worden.

Tierfilmer Andreas Kieling kommt nach Neresheim

Man kennt ihn aus der ZDF-Serie "Terra X Kieling - Expeditionen zu den letzten ihrer Art". Andreas Kieling, der bekannteste deutsche Tierfilmer, berichtet am Freitag, 29. April, als eines der Neresheimer Kulturhighlights 2022 in der Härtsfeldhalle von seinen Abenteuern. Einlass ist um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr. Karten gibt's bei der Tourist-Info in Neresheim und bei www.reservix.de.

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