Wie die „Wunderübung“ wirkt

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Bei Johanna und Valentin fliegen die Wort-Fetzen. Die Übungen des Paartherapeuten - vergebliche Liebesmüh. Bis auf die Letzte.
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Das Tournee Theater Stuttgart hält den Spiegel vor, ersetzt für manchen eine Therapiesitzung und unterhält die Zuschauerinnen und Zuschauer obendrein noch bestens.

Neresheim-Ohmenheim

Seine Hand liegt auf ihrer Hüfte. Ihre auf seinem Hintern. Das Paar verlässt nach zwei Stunden Theaterabend mit dem Tournee Theater Stuttgart und der „Wunderübung“ in entspannter Stimmung die Ohmenheimer Festhalle. Davor: Auf der Bühne fliegen die Fetzen. Zwischen Johanna und Valentin ist liebestechnisch nach 20 Jahren Beziehung, Kindern, Job, eine Menge Alltag und zu wenig gegenseitiger Aufmerksamkeit der Ofen aus. Die Stimmung eisig, als die beiden – prima dargestellt von Dorothea Baltzner und Dirk Deininger – gemeinsam beim Paartherapeuten aufschlagen.⋌
Der hat eine Menge Übungen auf Lager. Wirklich funktionieren tut keine davon. Was funktioniert ist das, was Johanna und Valentin seit vielen Jahren leben: Er macht in der Firma einen guten Job, hält sich aber zuhause aus allem raus, lässt Johanna allein mit Kinderproblemen, Haushalt und eigenem Beruf.

Die Kluft, die sich über die Jahre aufgebaut hat, ist groß. Dazwischen: eine Menge Frust, Unzufriedenheit und Alleingelassensein ihrerseits, ein Ich-bin-ja-eh-nicht-mehr-wichtig-für-sie-Frust und wortlose Hilflosigkeit auf seiner Seite.
Die pointierten Wortgefechte aus Daniel Glattauers Feder – nicht umsonst wurden seine Werke in 35 Sprachen übersetzt – treffen ins Mark. Führen nicht Johanna und Valentin vor, sondern Frau und Mann. Wie sie ticken. Wie seine Bequemlichkeit und Unbedarftheit der Beziehung schadet, genauso wie ihre Dominanz und Übergriffigkeit. Das Stück „Die Wunderübung“ hält den Spiegel vor. Und zwar so glasklar, dass es schon fast ein einfaches Lehrstück ist frei nach dem Motto: so nicht. Alles. Aber nicht so.⋌
Sie schießt und stichelt, wann immer sie kann. Merkt nicht mal, wie sehr sie verletzt. Tritt immer noch mal nach. Er stoffelt sich so durch, dass die Männer im Zuschauerraum aufstöhnen. Verzieht sich lieber. Ist sichtlich überfordert. Tollpatschig-süß, als er zur Aufgabe hat, ihre Faust – die hier für ihr Herz, das voller Trauer, Frust und Wut ist – zu öffnen.

Die große Wende – damit auch die Hoffnung für die unter den Zuschauern, die sich vielleicht doch leicht ertappt fühlen durch den Glattauer-Spiegel – geschieht dann erst, als der Therapeut (Klaus Ellmer) heimlich mit der Wunderübung seine allerletzte Karte ausspielt. Und Johanna und Valentin der Ehrgeiz packt, es diesem Doktor zu zeigen, dass bei ihnen eben nicht Hopfen und Malz verloren ist. Ja, dass sie das besser hinkriegen wie der Fachmann mit seinem ewigen Harmoniegeschwafel.

„Lieber bei unseren Reibereien so viel Hitze erzeugen, dass man fast verglüht, als im Kokon aus Eis zu erfrieren“, verteidigt Johanna ihre Beziehung. Und dann auch plötzlich ihren Valentin, an dem sie zuvor kein gutes Haar gelassen hat. Es kommt was in Bewegung. Er hat's doch nicht vergessen, wie das geht mit ihrem Herz. Ihm rutscht ein „Liebling“ heraus, ihr ein Kuss. Und ihr gebieterisches Geschnalze – herrlich gespielt – vergisst sie ganz. Und nimmt seine Hand. Genauso wie das Paar, das nach bester Theaterunterhaltung beim Kulturprogramm Neresheim mit rund 100 anderen Besuchern die Halle verlässt. 

Mehr Bilder im Internet unter www.schwaepo.de

Lieber verglühen als im

Johanna, Schauspielerin
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