Vier unglaublich große Fußstapfen

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Freunde schaffen Freude an Heiligabend.

Die Gründer der Aktion, Inge Grein-Feil und Siggi Feil, müssen schweren Herzens ans Aufhören denken. Wer kann die beiden ersetzen? Und wie geht es mit der Dischinger Arche weiter?

?Anfangen war schwer, aber aufhören ist brutal.?

Inge Grein-Feil, Gründerin Freunde schaffen Freude

Dischingen

Es sind die Momente der Stille, die im Gespräch mit Inge Grein-Feil und Siggi Feil auffallen. Mehrmals während des Interviews schweifen sie mit ihren Gedanken ab, und dann spürt man, dass sie gerade an das für sie Undenkbare denken: das Ende der ?Freunde?.

Keine Frage: Die Aktion ?Freunde schaffen Freude? besteht aus einer Vielzahl helfender Hände und Herzen, ohne sie wären zahllose Hilfen für in welcher Art auch immer bedürftige Menschen nicht möglich gewesen. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich Hunderte Menschen aus der Region hier engagiert, mit praktischen Hilfsangeboten wie mit Spenden.

Inge Grein-Feil und ihr Mann Siggi aber sind gleichermaßen Gesicht und Motor der Aktion, sie haben den Verein vor 37 Jahren gegründet, und es ist nicht übertrieben zu schreiben, dass sie ihr Leben in den Dienst anderer gestellt haben. Die ?Freunde? seien ihr Lebenswerk, sagen Wegbegleiter.

Jetzt, am Küchentisch in ihrem Wohnort Demmingen, wirken sie geradezu bedrückt von der Frage, die wie eine dunkle Wolke über ihnen schwebt: Was, wenn niemand weitermachen will?

Inge Grein-Feil ist 76, Siggi Feil neun Jahre jünger. Normalen Leuten würde es niemand verdenken, wenn sie darüber nachdächten, bald einmal weniger als Vollzeit zu arbeiten. ?Die Inge? führt seit Jahrzehnten einen mühevollen Kleinkrieg gegen ihre Multiple Sklerose, ?der Siggi? hat eine Krebserkrankung durchgestanden. ?Ich wollte eigentlich bis 100 arbeiten?, sagt die Gründerin mit dem ihr eigenen Humor, fügt dann aber an: ?Ich habe meine Grenzen gefunden.?

Die Grenzen ? das Alter und die gesundheitlichen Herausforderungen ? sind nicht vom Himmel gefallen. Die Frage, wer einmal den Verein weiterführen könnte, kam auch nicht überraschend. ?Wir haben mehrere Anläufe gestartet, um eine Nachfolge zu finden?, erzählen sie. Erfolg hatten sie bislang nicht. ?Wir müssen uns ernsthaft überlegen, wie es weitergehen kann.? Denn ein eingetragener Verein braucht nicht nur der Form halber eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden ? ohne solche Amtsträger droht die Auflösung. Aber auch abseits solcher rechtlicher Überlegungen, ist die Region ohne die ?Freunde? schwer vorzustellen.

Idealistisch ? und ein wenig naiv

1984 haben sie die ?Freunde? gegründet, ?hochidealistisch und ein bisschen naiv?, wie sie sagen. Das Konzept ging aber auf, aus ersten Hilfsversuchen wuchs ein Netzwerk heran, das Menschen bundesweit zusammenbrachte, das den Bau der Begegnungsstätte ?Arche? in Dischingen stemmte, das Teilaktionen wie die ?Zeitverschenker? oder das renommierte Kleinkunstprogramm etablierte. Fast drei Dutzend Einzelprojekte sind es, viele davon sind gut etablierte Selbstläufer, die von einer Vielzahl ehrenamtlicher Helfer gestemmt werden.

?Kenne nichts Vergleichbares?

Klaus Moser begleitet die ?Freunde? schon seit mehr als zwanzig Jahren. Der frühere Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg ist Mitglied im Kuratorium der ?Freunde?, Landrat Peter Polta oder der frühere Rektor der DHBW Heidenheim, Manfred Träger, sind seine Kollegen.

Moser gerät beinahe ins Schwärmen, wenn er von den ?Freunden? erzählt. ?Ich kenne nichts Vergleichbares?, sagt er. Die schier grenzenlose Empathie, mit der Inge Grein-Feil und das ?Freunde?-Team und sämtliche Mitstreitenden sich um Menschen mit Behinderungen, Kranke, Arme oder gestrauchelte Menschen kümmern, sei ein Zeichen ?unschlagbarer Herzlichkeit?.

?Die Freunde gibt es nur mit Inge, oder es wird eben etwas anderes geben?, sagt Frank Rosenkranz, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Heidenheim. Was würde ohne die Aktion fehlen? ?Ganz viel!?, sagt Rosenkranz. ?Für die Menschen, die Hilfe brauchen, wäre der Verlust spürbar. Die Aktion schafft sozialen Frieden?, glaubt er.

?Es drohen soziale Verluste?

Pfarrer Dr. Dietmar Horst von der katholischen Kirchengemeinde Dischingen hatte schon von den ?Freunden? gehört, bevor er als Seelsorger aufs Härtsfeld kam. Ohne die Aktion drohten soziale Verluste, nicht nur in der Gemeinde, sondern in der gesamten Region aus den Landkreisen Heidenheim, Dillingen und Aalen. Die ?Freunde?, so Horst, hülfen nicht nur praktisch und finanziell, sie trügen vielfach auch zu einem Bewusstseinswandel bei. ?Inge Grein-Feil macht vieles, das sonst gar nicht gemacht würde.? Allerdings sei die Aktion auch in hohem Maße mit ihrer Person verknüpft.

Wie kann es also für die ?Freunde? weitergehen?

?Vielleicht gibt es jemanden, der so viel Herzblut reinstecken

würde?, hofft Frank Rosenkranz. Aus Sicht von Pfarrer Horst könnten sich auch mehrere Menschen der Aktion annehmen, idealerweise Menschen, die womöglich im Ruhestand mit der notwendigen Zeit ausgestattet sind und ?einen gewissen Bekanntheitsgrad? haben.

Wie geht es weiter?

Kuratoriumsmitglied Klaus Moser sieht drei mögliche Modelle und eine Variante, die er eigentlich nicht als sinnvolles Modell benennen möchte. Modell eins steht für eine Person, die die Aktion ?Freunde schaffen Freude? mit ihrem Ansatz der total unbürokratischen Hilfe für so überzeugend hält, dass sie in Inge Grein-Feils Fußstapfen treten möchte. So eine Person sollte, glaubt Moser, ?einen eigenen Weg gehen, aber in dieselbe Richtung?.

Modell zwei sei eine Einrichtung, unter deren Dach ?Freunde schaffen Freude? mit einer gewissen Sonderstellung toleriert und akzeptiert werden könnten. Das dritte für Moser denkbare, aber auch bedauerliche Modell wäre eine große Institution, die die Aktion zu ihren Bedingungen übernehmen würde.

Die aus Mosers freilich am wenigsten wünschenswerte Variante ist das ?schleichende Auslaufen? der Aktion. ?Daran müssen alle denken, die wissentlich und unwissentlich profitieren?, sagt Moser. Dazu gehörten Gemeinde und Landkreise und andere karitative Einrichtungen, die durch die unbürokratische ?Freunde?-Arbeit entlastet sind.

In ihrer Demminger Küche haben Inge und Siggi diese Gedanken allesamt durchgespielt. Die Lösung, das wissen sie, wird von außen kommen müssen. ?Ich möchte die Flamme weitergeben und nicht die Asche?, sagt Inge Grein-Feil und ergänzt: ?Anfangen war schwer, aber aufhören ist brutal.?

Inge Grein-Feil und Siggi Feil

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