Essstörung: Die Waage als Freundin und Feindin

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Monika Graser kann wieder genießen, der Plätzchenteller ist jetzt nicht mehr tabu.

Sie hungerte für den Discobesuch, fühlte sich nur gut, wenn die Waage wenige Kilos anzeigte, und sie hatte Essattacken in der Nacht Monika Graser spricht über ihre Essstörung.

Aalen-Waldhausen

Den Kaloriengehalt von Brezeln hat sie immer noch im Kopf. Inzwischen isst Monika Graser nur noch eine davon, auch von der Kirschtorte reicht ihr ein Stück. Vorbei die Zeiten, in denen die zierliche Frau alles im Dutzend verschlang, dabei ständig getrieben von der Frage, wie und wo sie das Verzehrte möglichst schnell wieder loswerden kann.

 Rund 25 Jahre lang dominierte dieses Gedankenkarussell den Alltag von Monika Graser. „Mit dieser Krankheit habe ich mir meine Jugend kaputt gemacht“, sagt die 49-jährige rückblickend. „Diese Krankheit“, das ist eine Essstörung, von der Graser alle Formen kennt: von der Magersucht (Anorexie), über Ess-Brech-Attacken (Bulimie) bis zu unkontrollierten Essanfällen (Binge-Eating-Störung).

Um anderen ihr Schicksal zu ersparen, hat sie das Gespräch mit dieser Zeitung gesucht. Denn ihrer Beobachtung nach werden Essstörungen zu sehr verharmlost. „Betroffene sehen das ohnehin meist gar nicht ein“, weiß sie aus eigener Erfahrung, deshalb möchte sie auch deren soziales Umfeld ansprechen. „Die Hilfe muss gleich bei den ersten Anzeichen kommen“, sagt Graser.

Hungern für den Discobesuch

Bei ihr hätte das dann im Alter von 18 Jahren sein müssen. Damals hungerte sie sich wöchentlich für den Discobesuch schlank. Freitags nichts essen, das sei ihr Erfolgsrezept für einen flachen Bauch und somit für mehr Selbstwertgefühl gewesen, erinnert sich die knapp über 1,60 Meter große Frau, die seinerzeit 62 Kilogramm auf die Waage brachte.

Alles dreht sich ums Essen

 Zeitgleich sei es in allen Kolleginnengesprächen nur noch ums Essen gegangen, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Ihre Abteilungsleiterin in einem großen Kaufhaus habe sogar ganz offen Mitglieder des Teams aufs Abnehmen angesprochen. So auch Monika Graser, die sich verletzt, gleichzeitig aber auch herausgefordert fühlte. Die einschlägigen Diäten erschienen ihr aber zu langfristig, sie wollte einen schnellen Erfolg. Ihr Rezept: eine Kombination aus Knäckebrot, Salami und etwas Fleischbrühe. Nach drei Monaten habe sie 17 Kilogramm weniger gewogen. „Glücklich und unheimlich stolz“, so beschreibt sie ihre damalige Gefühlslage.

Vom Tricksen und Lügen

Sie verschweigt aber nicht, dass in dieser Zeit das Tricksen und Lügen begann. Wenn die Kolleginnen Mittagspause machten, täuschte sie einen wichtigen Termin in der Stadt vor, das Abendessen daheim wiederum ließ sie mit Hinweis auf den vermeintlichen Kantinenbesuch ausfallen. Natürlich seien die Veränderungen an ihrem Äußeren und in ihrem Verhalten der Familie nicht verborgen geblieben. „Doch ich fühlte mich ja nicht krank, sondern richtig fit und voller Energie“, sagt sie im Rückblick. Deshalb habe niemand nachgehakt.

Vermeintlich auf richtigem Weg

 Nur die Hausärztin sei stutzig geworden, sprach gegenüber Graser von Essstörungen und dass man darunter eine Krankheit versteht. Mit der empfohlenen Ernährungsberatung war die Patientin aber nicht mehr zu erreichen. Auch die Jahre später von der Ärztin angeregten Aufenthalte in einer psychosomatischen Klinik blieben erfolglos. Aus heutiger Sicht ist das für Monika Graser völlig verständlich, denn für eine Therapie habe sie keinen Grund gesehen, sie wähnte sich ja auf dem richtigen Weg. „Einfach weiter abnehmen“, das sei ihre einzige Motivation gewesen. Dafür erschienen ihr die Gespräche mit Fachleuten nicht zielführend, der Erfahrungsaustausch im Patientenkreis hingegen schon. Dort kursierte unter anderem der Tipp, dass man sich mit Seifenwasser besonders effektiv zum Erbrechen bringen könne und Senf, in großen Mengen gegessen, die Wirkung von Abführmitteln verstärke. Der Senf war ihr schnell zuwider, von den Tabletten hingegen sei sie abhängig geworden, gibt Graser offen zu. Damit ihr Großverbrauch nicht auffiel, wechselte sie die Aalener Apotheken durch.

Essanfälle in der Nacht

Mit den Laxantien, da war sie überzeugt, würde sie auch den Jo-Jo-Effekt bezwingen können, der zunehmend ihre Gewichtskurve bestimmte. Denn die Essanfälle nachts wurden häufiger, in den Tagen danach habe sie meist gar nichts gegessen, um die Kilos und um das Gefühl des Versagens wieder loszuwerden. Diese Strategie konnte sie allerdings nicht immer durchhalten, denn in ihrem neuen Job in einer Druckerei habe sie auch körperlich anpacken müssen. „Mit den Abführmitteln war das Problem für mich gelöst“, sagt Monika Graser. 73 Kilogramm seien ihr Höchstgewicht gewesen, „dafür habe mich sehr geschämt.“ Als die Waage dann nur noch 38 Kilogramm zeigte, habe sie ein wahres Glücksgefühl empfunden.

Auf Essen folgt Erbrechen

Doch ihr Körper machte zusehends nicht mehr mit, die Haare fielen aus, sie bekam Zahnprobleme und in der Ehe wurde es schwierig, weil sie lange nicht schwanger werden konnte. Als es endlich klappte, kamen die Zwillinge zu früh und nicht ganz gesund zur Welt. Die Probleme schienen für die junge Mutter unüberwindbar, „ich wollte stark sein, aber dazu musste ich mehr essen“, erzählt sie mit leiser Stimme. Auf das Essen folgte das Erbrechen, so habe sie zumindest sich selbst gegenüber Stärke zeigen können. Bei 33 Kilogramm blieb ihr Herz stehen, Monika Graser musste vom Notarzt reanimiert werden.

Waage nicht maßgebend

Wer heute auf Monika Graser trifft, erlebt eine fröhliche Frau, die gerne Fischstäbchen, Maultaschen und Spätzle isst – und das am liebsten mit anderen zusammen. Sie gibt sich selbstbewusst, achtet auf ihr Äußeres, aber dafür sei die Waage nicht mehr maßgebend. Die erneute Psychotherapie war erfolgreich, Monika Graser hat gelernt, dass ihr Selbstwertgefühl nicht vom Körpergewicht abhängt, und kann jetzt ganz entspannt sagen: „Ich wiege knapp 60 Kilogramm, und das ist völlig ok!“ Von Susanne Brenner

"Je weniger ich wog, desto glücklicher war ich.“

Monika Graser
  • Netzwerk für Essstörungen im Ostalbkreis
  • Wer selbst von Essstörungen betroffen ist oder Hilfe für andere sucht, kann sich an das Netzwerk für Essstörungen im Ostalbkreis (NEO) wenden. Dort präsentieren Ärzte, Psychologen, Beratungsstellen und Kliniken des Kreises ihre Angebote zum Thema. Die Psychologin Dr. Henrike Wiedersheim (Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Ostalbklinikum Aalen) und die niedergelassene Psychotherapeutin Claudia Eichholz arbeiten bei NEO mit. Ihre wichtigsten Fakten zu Essstörungen:
  • Die Betroffenen: Meist Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren, mit hohem Erwartungsdruck an sich selbst, großem Leistungsstreben und geringem Selbstwertgefühl. Bei diesem Personenkreis können etwa Veränderungen im beruflichen oder privaten Bereich die Entstehung einer Essstörung begünstigen.
  • Erste Anzeichen: Gedanken kreisen nur noch um Essen, Lebensmittel werden auf ihre Nährwerte hin überprüft, gemeinsame Mahlzeiten mit anderen gemieden. Zwanghafte Gewichtskontrolle und Fastentage. Essattacken wechseln sich mit Erbrechen ab, dazu oft der Missbrauch von Abführmitteln. Die Reaktion: „Jetzt iss‘ halt was“, sei der falsche Ratschlag, so die Expertinnen. Ihr Tipp: Überfürsorge vermeiden, aber nachfragen, was die Betroffenen wirklich beschäftigt. Signalisieren, dass man Veränderungen beobachtet und sich Sorgen macht.
  • Wege aus der Krise: Primär sei es wichtig, das Gewicht zu normalisieren. Langfristig gehe es darum, dass Betroffene ihr zugrundeliegendes Problem erkennen und Lösungen dafür entwickeln. Die gesamte Therapie dauert nach Angaben der Spezialistinnen rund drei Jahre, oft auch unter Einbeziehung von Partner und Familie.
  • Mehr Infos und Kontaktadressen auf der Webseite des Vereins www.neo-iv.de sub

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