Feuer und Flamme gegen Depression

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Die Pyrotechnik-Spektakel von Joachim Berner sind legendär. Zum Trost fürs ausgefallene Festival soll es diesmal etwas Einmaliges geben.
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Wie die internationale Musikschulakademie Schloss Kapfenburg sich über die coronabedingt veranstaltungslose Zeit retten und ihr Publikum ein bisschen entschädigen will.

Lauchheim-Hülen

Uns geht es gar nicht gut", sagt Erich Hacker zur Begrüßung. Wer den sonst vor Energie sprühenden Akademiedirektor kennt, ahnt spätestens jetzt, was Corona unter den Kulturschaffenden angerichtet hat und noch anrichtet. Nicht nur, dass nichts läuft auf dem Deutschordensschloss, auf dem sonst das Kulturleben brodelt. Es müssen unter anderem auch 6000 Festivalkarten rückabgewickelt werden. Zwar seien, sagt Hacker, viele Karteninhaber so nett, verständnisvoll und konstruktiv, dass sie den Kaufpreis für die Kultureinrichtung spenden. Trotzdem ist das eine deprimierende Arbeit über viele Wochen. Und ein Verlust im fünfstelligen Bereich.

Ein Impuls fürs Seelenheil

Andererseits: Erich Hacker und sein Kapfenburgteam sind aus dem Holz geschnitzt, das nicht untergehen will. Weshalb man sich was ausgedacht hat, "für unser Publikum und vor allem für unser eigenes Seelenheil": Am 24. Juli, an dem eigentlich das nun abgesagte Festival mit "in situ 20 – talking drums" hätte eröffnet werden sollen, gibt es nun einen besonderen Festivalimpuls. "Anders könnten wir den Tag gar nicht aushalten", gesteht Hacker. Kurzerhand wurde also "in situ 21" aus dem Hut gezaubert und ganz doppeldeutig mit dem Motto "Mit Feuer und Flamme" versehen.

Denn zum einen, erklärt der Akademiedirektor, sei das ganze Team Feuer und Flamme für die lebendige Kultur auf der Kapfenburg, und zum anderen werde es wegen Corona etwas ganz Einmaliges aus Feuer und Flamme geben. Ein barockes pyrotechnisches Spektakel, das kaum über die Dächer des Deutschordensschlosses hinausgehe. Eine Show, die sonst nicht über die Bühne gehen könnte, weil die Feuerwerker ja das Publikum berücksichtigen müssen. Das Schloss als solches werde zum Leben erweckt, schwärmt Erich Hacker – zugleich zufrieden damit, dass ein Sponsor für die Aktion gefunden wurde und so auch dem Kapfenburg-Chef-Pyrotechniker Joachim Berner, mehrfacher Weltmeister seines Fachs, ein Auftrag zugeschanzt werden konnte. "Der hatte ja für 500 000 Euro Pyrotechnik in seinem Keller eingelagert. Aber nichts läuft in dieser Saison." Dass "in situ 21" nun nicht nur Leben und Arbeit bedeutet, sondern zugleich eine nie dagewesene Herausforderung, motiviert alle Beteiligten.

Und wird für die Nachwelt festgehalten, ebenso für all jene, die coronabedingt nicht dabei sein dürfen. Maximilan Richter, Professor für Videoproduktion an der Musikhochschule in Karlsruhe, wird mit seinen Studierenden das pyrotechnische Geschehen filmisch einfangen, im Regieraum zusammenführen und per Stream übertragen. Die Regie übernimmt Akademiedirektor Erich Hacker.

Obendrein ist der 24. Juli auch deshalb ein großer Moment, weil an diesem Tag aus den "FestivalLosen" des festivallosen Sommers online die Gewinner gezogen werden. Einen elektrischen "e-up", den die Koch Auto.Gruppe für ein Jahr zur Verfügung stellt, kann der Sieger fahren; zudem zehn mal zwei Festivalpässe, die zu allen Events 2021 den Eintritt ermöglichen, darunter Hubert von Goisern oder die BAP-Abschiedstour und natürlich "in situ 20 – talking drums" mit den Schlagwerkern der Musikhochschule Stuttgart. "10 Euro kostet ein Los", verrät Erich Hacker und betont, dass deren Käufer der Kapfenburg über die schwere Zeit helfen.

Denn derzeit ruht der Akademiebetrieb vollständig. Weder Schulen, noch Chöre, noch Bläser dürfen auf der Kapfenburg proben. Wann wieder Normalität einkehrt, stehe in den Sternen. Fast alle der insgesamt 80 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

Auch deshalb hat sich das Team Zusatzangebote für touristische Gäste einfallen lassen, die damit beginnen, dass die besonderen Räume für den Urlaub oder private Feiern genutzt werden können. "Die hohen Räume bieten genügend Platz und eine unglaublich tolle Atmosphäre", verweist Hacker nicht zuletzt auf die ehemalige Kapelle. Gästezimmer können gemietet werden, das Restaurant Fermata, dessen Gewinn der Akademie zugute kommt, sorgt coronakonform für die Verpflegung. Und Langeweile dürfte auch keine aufkommen. Denn neben Touren in die nahe Umgebung, können in diesem besonderen Sommer unter anderem folgende Angebote genutzt werden:

Märchenstunden für Kinder und Erwachsene unter dem Motto "Es war einmal", erzählt von Horst Obleser. Der bietet zudem auch Kalligrafie-Seminare an.

Fit für mich als Personal Training nach Wunsch und Maß, zusammengestellt von Petra Vatter und Gabi May. Oder ein Start in den Tag im Bewegungsraum und wahlweise bei schönem Wetter im Freien. Oder ein Golfabenteuer beim Club Hochstatt, mit dem es eine Kooperation gibt.

Geschichte erleben bei privaten Schlossführungen im kleinen Kreis oder bei kulinarischen Schlossführungen mit leckeren Aufmerksamkeiten in coronagerechter Aufmachung.

Schätze entdecken – beim Geocaching oder bei privaten Touren auf den Musikwanderwegen.

Musik steht im Zentrum der Sonntagssinfonien, des Wunschkonzerts in der Hauskapelle oder bei "Übung macht den Meister", wobei Familien Probenräume mieten können – mit oder ohne Anleitung.

Mehr Informationen gibt es unter www.kapfenburg.de, wo man sich auch anmelden kann. Auch die FestivalLose gibt es dort online oder unter Telefon (07363) 96 18 17.

Wer mal stundenlang üben will, kann einen Probenraum mieten.
Musizieren, Natur erleben, sich entspannen oder gesund bewegen: Das Kapfenburgteam hat sich viele Angebote ausgedacht.
Wohnen im Schloss: Corona macht's ausnahmsweise möglich.

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