Abgeholt. Verschleppt. Ermordet.

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Vor den Gebäuden Hauptstraße 44 (links vorn) und 47a (rechts) werden Stolpersteine gesetzt. Fotos: privat
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Am Montag verlegt der Künstler Gunter Demnig sieben weitere „Stolpersteine“ in Lauchheim, um an die Bürger der Stadt zu erinnern, die in Konzentrationslagern getötet wurden.

Lauchheim

Am kommenden Montag, 21. November, werden ab 14 Uhr sieben weitere  sogenannte „Stolpersteine“  in Lauchheim verlegt. Mit ihnen soll die Erinnerung an ehemalige Lauchheimer Bürger zurückgebracht werden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Gesetzt werden die Steine wieder vom Künstler Gunter Demnig, die Geschichte der Ermordeten haben Gerold Wenzel und Peter Maile von der  Stolpersteininitiative Lauchheim recherchiert.

Bei der ersten Verlegung wurde Opfern gedacht, die direkt aus Lauchheim verschleppt und dann ermordet wurden. Diese zweite Verlegung benennt Opfer, die zunächst in der Stadt aufwuchsen und am Leben aktiv mitwirkten, dann aber aus unterschiedlichsten Gründen fortzogen und von dort dann abtransportiert wurden. Sie alle waren Deutsche jüdischen Glaubens. An sie wird künftig  im  Rahmen des größten Kunstwerks der Welt gedacht, hat Demnig doch inzwischen über 80 000 dieser Stolpersteine in Europa gesetzt. Die Steine werden an den letzten bekannten Wohnorten der Personen verlegt.

Maier Kaufmann

Die  Verlegung beginnt in der Schillerstraße 12. Dort wurde am 5. Juli 1882 Maier Kaufmann als achtes von insgesamt neun Kindern vom Handelsmann Lämmle Kaufmann und seiner Frau Minna geboren und wuchs dort auf. Aufgrund einer Erkrankung wurde er 1904 in die Heil- und Pflegeanstalt Bad Schussenried eingewiesen. Von dort wurde er am 23. August 1940 in einem der berüchtigten grauen Busse nach Grafeneck gebracht und dort sofort in der Gaskammer ermordet, weil er als „lebensunwert“ eingestuft war. In Grafeneck fand der „Probelauf“ für die spätere systematische Vergasung in den großen Konzentrationslagern statt.

Anna Kaufmann

Gustel Anna Kaufmann wurde am 27. Mai 1885 in Lauchheim geboren, als Tochter von Handelsmann und städtischem Beisitzer David Kaufmann und Frau Auguste. 1907 heiratete sie in Heidingsfeld den Kaufmann David Liebmann, der später ein Textilgeschäft in Bad Kissingen eröffnete. 1934 begannen Repressalien gegen die Familie, Sohn Arno konnte 1939 fliehen. Gustel Anna und David Liebmann schafften die Ausreise nicht. Sie wurden 1942 ins KZ Izbica gebracht und dort ermordet.

Lina Neuburger

Lina Neuburger wurde am 29. August 1881 im heutigen Haus der Vereine, in der Hauptstraße 44, geboren. 1899 gingen ihre Eltern Max und Therese Neuburger mit ihren 13 Kindern nach Nürnberg. Lina zog als Damenschneiderin 1927 nach München, von dort wurde sie am 13. März 1943 nach Auschwitz transportiert und dort vergast.

Regine Pappenheimer

Regine Pappenheimer, Jahrgang 1863, lebte mit ihrem Mann Seligmann lange in der Biennerstraße 15. Er war hier Schulverweser. Drei Kinder wurden hier geboren. 1889 zog die Familie nach Bad Mergentheim. Seligmann Pappenheimer starb 1834, Regine musste ihr Haus zwangsweise an einen Nazi verkaufen und lebte fortan in verschiedenen Asyl- und Altenheimen. Am 22. August 1942 wurde die 79-Jährige von Stuttgart aus nach Theresienstadt gebracht, wo sie am 6. September ermordet wurde.

Sidonie Neuburger

In der Hauptstraße 7 wurde am 11. Februar 1879 Sidonie Neuburger in eine Pferdehändlerfamilie geboren. 1882 zog die Familie nach Ellwangen, später heiratete Sidonie den Kaufmann Karl Freudenberger aus Bamberg und lebte dort. Am 9. September 1942 wurde das Ehepaar nach Theresienstadt verbracht, wo Karl im März 1943 umgebracht wurde, Sidonie im September. Tochter Erna war 1938 die Flucht nach Amerika gelungen.

Dora Neuburger

Im gleichen Haus war am 15. November 1856 Dolzele Dora Neuburger geboren worden. 1876 heiratete sie nach Balsingen. Aus dem sogenannten Altersghetto Dellmensingen wurde sie am 22. August 1942 ebenfalls nach Theresienstadt verbracht und dort am 8. April 1943 ermordet.

Rosa Kaufmann

Am 2. Februar wurde Rosa Kaufmann als jüngste Tochter der wohlhabenden und angesehenen Familie Leopold und Jette Kaufmann in der Torgasse 4 geboren. Sie besuchte die Judenschule in der Biennerstraße. 1903 heiratete sie den aus Bamberg stammenden Wäschefabrikanten Hugo Rossheimer. Drei Kinder bekam das Paar, denen die Flucht nach Palästina oder die USA gelang. Rosa und Hugo Rossheimer wurden am 25. April 1942 nach Izbica transportiert. Wann sie ermordet wurden, ist bisher unbekannt.

Die Verlegung wird mitgestaltet von Schülern der Deutschordenschule, die Texte vortragen und Bilder der Ermordeten zeigen. Gunter Demnig  wird in Lauchheim zudem ab 19 Uhr in einem Vortrag in der Begegnungsstätte seinen künstlerischen Werdegang, von seinen ersten Arbeiten 1968 bis einschließlich des Projekts der Stolpersteine, skizzieren.

 Patenschaften oder Spenden zur Finanzierung der Stolpersteine sind willkommen, Spenden dafür können auf die Konten der  Stadtverwaltung überwiesen werden.

Anna Kaufmann wurde ins KZ Izbica gebracht und ermordet.
Rosa Kaufmann wurde im KZ Izbica ermordet.
Lina Neuburger wurde in Ausschwitz vergast.
Sidonie Neuburger wurde im KZ Theresienstadt ermordet.

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