Bunte Figurenwelt aus Lauchheim

  • Weitere
    schließen

Was in der kleinen Holzdrechslerei alles passieren muss, damit unzähligen kleinen Männchen rechtzeitig vor Weihnachten der Kopf qualmt.

Lauchheim

Der Geruch von Holz und Weihrauch durchzieht den urigen kleinen Laden. Wohlig und warm fühlt es sich dort an – so wie früher schon. In der alten Holzdrechslerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Der Boden knarrt, als wolle er Geschichten erzählen. Solche von seinem "Urvater" Karl Grimmer, der nach Kriegsende 1945 mit seiner Familie aus dem Erzgebirge nach Lauchheim kam und dort fünf Jahre später im Industriegebiet einen eigenen Betrieb aufbaute. Sein Bild hängt gleich hinterm Eingang. Es zeigt ihn als Meister des "Linksdrechseln" – einem inzwischen fast ausgestorbenen Gewerbe.

Heute wird die nach ihm benannte Holzdrechslerei Karl Grimmer KG von seinem Sohn Peter Grimmer und den beiden Zwillingsschwestern Monika Pipa und Lutgard Köhler geführt. Sie sind dem alten Kunsthandwerk treu geblieben. Aus den Regalen blicken Engel mit goldenen Flügeln und bunte Holzfiguren mit weit aufgerissen Mündern. Wer kennt sie nicht, die erzgebirgischen Lichterengel mit den kleinen Hasenkapellen oder die Räuchermännchen, denen in der Vorweihnachtszeit Leben eingehaucht wird.

"Mit dem traditionellen Weihnachtsmann, der aus der Pfeife raucht, fing alles an", erzählt Monika Pipa. Heute werden Gärtner, Schornsteinfeger, Feuerwehrmänner und sogar Computermanager gefertigt. "Die Räuchermännchen sind alles Unikate", darauf ist sie stolz. In Lauchheim sind die hölzernen Bürgerwehrkameraden mit ihrer grünen Uniform und die Musikanten der Stadtkapelle in Schwarz-Weiß besonders beliebt. "Wir haben bereits die dritte Auflage gefertigt", sagt Pipa. Nun sei aber Schluss. "Wir verkaufen nur noch die im Regal."

Was steckt hinter den bunten Holzfiguren, dass ihnen manchmal derart der Kopf qualmt? "Es sind kleine Duftkegelchen, die an der Spitze angezündet und im Innern des Räuchermanns auf ein Metallplättchen gestellt werden. Wenn die Flamme erlischt und der schwarze Kegel rot zu glimmen beginnt, duftet es wohlriechend nach Pinie, Waldhonig oder eben weihnachtlichem Weihrauch", erklärt die Fachfrau. Auf einem der Päckchen steht "Opium". Pipa lacht: "Keine Angst. Es ist ein klassischer Duft aus dem Erzgebirge und riecht nur etwas exotischer."

Aus Lauchheim in die Welt

Mit dem traditionellen Weihnachtsmann fing alles an.

Monika Pipa Holzdrechslerei Grimmer

Auch andere bunte Holzfiguren stammen aus der Lauchheimer Holzdrechslerei. So wie der Struwwelpeter oder das Känguru – beides Stiftehalter aus Holz, die früher tausendfach in die ganze Welt gingen. Oder die braun-weiß gefleckte Kuh, die auf einer schiefen Ebene alleine zu laufen beginnt. Während Monika Pipa noch erzählt, rumoren weiter hinten in der Werkstatt die Maschinen. Dort steht Peter Grimmer an der Drechselbank, als wäre er "Meister Eder" höchstpersönlich. Rasant dreht sich sein eingespannter Holzrohling. Während er von Hand den Meißel ansetzt, fliegen ihm wild die Späne um die Ohren. Schnurrbart, Haare, Jacke und Hände des Drechslermeisters sind schon damit bedeckt. Mit jeder Umdrehung sieht man mehr, was es mal werden soll. Span um Span entsteht aus dem Holz ein filigraner Tannenbaum. "Ein Großabnehmer hat noch rechtzeitig auf Weihnachten hunderte davon bestellt", verrät Grimmer.

Seit er in Rente ist, hilft auch Monika Pipas Mann Karl-Heinz in der Werkstatt mit. Gerade stellt er die Drehbank an – ein Halbautomat, wie er erklärt, auf dem er größere Holzräder für Stubenwagen eines Möbellieferanten anfertigen möchte. Jeder macht das, was ihm am besten liegt. So wie die Zwillingsschwester, die sich von Schwäbisch Gmünd aus um die Buchhaltung kümmert.

Zurück bei den Räuchermännchen erklärt Monika Pipa nochmals die Handgriffe: "Karl-Heinz bohrt und schleift, Peter drechselt und ich male die Figuren an." In einem sind sie sich einig: "Wenn einer von uns ausfällt, dann hören wir auf", sagt Peter Grimmer, während er sich in Ruhe eine Zigarette dreht und an seinem Pausentisch die SchwäPo aufschlägt.

Monika Pipa bedauert sehr, dass es in diesem Jahr keinen Weihnachtsmarkt gibt. Ob nun am 2. Adventssonntag in Lauchheim oder im Dezember in Schwäbisch Gmünd – "da sind wir schon seit 35 Jahren." So versucht eben der Neffe sein Glück über den Internethandel.

Kontakt: Zu finden ist die Holzdrechslerei Karl Grimmer samt Geschenkboutique in Lauchheim in der Industriestraße 6. Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 9 bis 10.30 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr. Wenn Licht brennt, darf auch geklingelt werden.

Zurück zur Übersicht: Lauchheim

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL