Der Lebensretter von Lauchheim

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Lebensretter Dominik Zündel (26) vor der Brandruine des Doppelhauses in der Lauchheimer Küfergasse 7 und 5. Durch das Fenster vorne rechts hat er den 86-jährigen Hausbewohner gerettet.
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Dominik Zündel (26) will am Donnerstagfrüh gegen 3.30 Uhr eine Freundin sicher nach Hause fahren, als er über den Dächern der Stadt ein orange-rotes Leuchten wahrnimmt. Was dann geschieht.

Lauchheim

Es hätte noch viel tragischer enden können. Was wäre wohl passiert, wenn Dominik Zündel (26) am frühen Morgen des vergangenen Donnerstags nicht zufällig mit seinem Auto durch Lauchheim gefahren wäre. Wenn er das verdächtig orange-roten Leuchten über den Dächern nicht wahrgenommen hätte und einfach weiter Richtung Kapfenburg gefahren wäre, um die Freundin neben sich auf dem Beifahrersitz sicher nach Hause zu bringen. Das mag und will man sich gar nicht vorstellen.... 

Das Schicksal hat es anders bestimmt. Zum großen Glück. „Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort“, sagt Dominik Zündel. Er sitzt daheim in Lauchheim an seinem Esszimmertisch. Es ist Freitagmorgen. Seit seinem beherzten und selbstlosen Einsatz am Donnerstagfrüh sind gerade einmal 34 Stunden vergangen.

Zum wievielten Mal sich der Film wohl hinter seinem inneren Auge abspielt? Er weiß es nicht. Der gelernte Anlagenmechaniker, der als Wochenend-Nachtschichtler bei der Firma TE Connectivity in Wört arbeitet, beginnt leise zu erzählen.

Eine Freundin hatte in seiner Nachbarschaft länger gefeiert und ihn darum gebeten, sie heim nach Unterkochen zu fahren. „Als wir gegen 3.30 durch das Lauchheimer Tor fuhren, haben wir über den Dächern einen orange-roten Schein gesehen.“ Zündel tritt impulsiv auf die Bremse, seine Augen scannen die Umgebung ab nach Blaulicht. Zu dem Zeitpunkt hält er auch noch ein großes Feuer in einem Garten für möglich.

Der 26-Jährige biegt in die Höllgasse ab. Sieht, dass der Dachstuhl eines Hauses lichterloh in Flammen steht. „Die Freundin neben mir war total geschockt. Wir hielten nicht für möglich, dass das Feuer noch keiner entdeckt hatte.“

Bei laufendem Motor springt Zündel aus dem Auto, setzt mit dem Handy in der Hand einen Notruf ab, während er sich mitten durch einen Garten auf das brennende Haus zubewegt. Seine lauten Schreie „Hallo! Hier brennt's!“ scheinen ungehört im Dunkel zu verhallen. Er steht direkt vor dem brennenden Haus, als er leise Hilferufe vernimmt. Hinter den Fenstern ist es schwarz. Dennoch erkennt Zündel im ersten Geschoss die Gestalt eines älteren Herrn am geöffneten Fenster. Über ihm schlagen hohe Flammen aus dem Dachstuhl. Eine gespenstische Szene.

Zündel fängt an, mit dem Mann zu sprechen - im Polizeibericht wird sein Alter später mit 86 Jahren angegeben werden. „Ich habe ihn gefragt, ob es ihm möglich ist, die Treppe hinunter- und zur Tür herauszukommen.“ Er sei dann immer wieder kurz verschwunden, habe sich aber gleich wieder ans Fenster gestellt, berichtet der 26-Jährige. Als ihm bewusst wird, dass der Senior verwirrt ist, trifft Zündel instinktiv eine Entscheidung: „Ich muss den Mann da rausholen!“

Der Versuch, die Haustür einzutreten, scheitert, wie auch der Versuch, daneben das Fenster aus Sicherheitsglas mit dem Ellenbogen einzuschlagen. Zündel atmet durch, hebt einen großen Stein vom Boden auf, schlägt ein Fenster im Erdgeschoss ein. Er zwängt sich durch die Fensteröffnung ins Haus, rennt hoch ins erste Geschoss, wo bereits der Qualm steht. Er schnappt den Senior am Arm. Als er ihn vor sich her Richtung Treppenhaus schiebt, sieht Zündel, wie die Treppe bereits zum Teil in Flammen steht. Teile von glühenden Balken fallen herab. Als der Senior von einer Person spricht, die sich im Dachgeschoss aufhalte, fährt Zündel der Schreck in alle Glieder. „Das war für mich ein Schockmoment. Ich beschloss, zuerst den Senior sicher aus dem Haus zu bringen und dann noch einmal zurückzukehren.“

Doch wie hinaus? Die Haustür verschlossen, der Senior findet keinen Schlüssel. Auch durch die rückwärtige verschlossene Tür ist kein Hinauskommen möglich. Die Flammen fressen sich immer weiter herunter, der Qualm wird dichter, die Zeit drängt. Feurige Balkenteile brechen vom Dach ins Erdgeschoss herunter.

Zündel macht das einzig Mögliche: Er schlägt mit den bloßen Händen die restlichen Scherben aus dem Fenster, durch das er ins Haus gekommen ist. Findet eine Bundeswehrdecke, die er über den Sims nach außen legt, um die Verletzungsgefahr zu mildern. Inzwischen haben sich Anwohner vor dem Haus versammelt und helfen Dominik Zündel, den 86-jährigen Hausbewohner durch das Fenster ins Freie zu hieven.

Zündel hatte sich schon wieder den Flammen zugewandt, als ihm eine Anwohnerin versichert, dass der alte Herr definitiv alleine in dem Haus wohnte.

Als die Feuerwehr eintrifft - 57 Mann der Abteilungen Lauchheim, Hülen, Röttingen und Bopfingen - ist der 86-jährige Senior bereits in Sicherheit gebracht.

Die Brandursache ist bislang ungeklärt. Schadenshöhe: ca. 500 000 Euro, sagt die Polizei. Auch die benachbarte Doppelhaushälfte, Küfergasse 5, ist eine Brandruine.

„Mein Handeln würde ich als ausschließlich instinktiv bezeichnen. Ich wollte einfach den Mann lebend aus seinem brennenden Haus bringen“, sagt Dominik Zündel.

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