Ein ungewohnt stiller Silvesterritt

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Eine Silvesterreliquie, neun Reiter und eine Kutsche. Wie die katholische Kirchengemeinde St. Mauritius Westhausen am 394. Silvesterritt ein über Jahrhunderte währendes Gelöbnis einlöst.

Westhausen

Der letzte Tag des Jahres wird in Westhausen traditionell als Gemeindefeiertag zu Ehren des Heiligen Silvesters begangen. So nehmen normalerweise zahlreiche Reiter mit ihren Pferden und Gespannen an einem Ritt um eine kleine Kapelle am Rande von Westhausen teil. Der Brauch geht bis auf das Jahr 1626 zurück. Eine Lungenfäule des Viehs während des Dreißigjährigen Krieges gab den Anlass.

Nach 16 Jahren andauernder Viehseuche flehten die Menschen den Heiligen Silvester an, sie von der Heimsuchung zu befreien. Die Gebete fanden Erhörung und es folgte Hilfe von oben. Als Dank gelobte die Gemeinde, eine Kapelle zu bauen und jährlich an Silvester eine Reiterprozession zu Ehren des Schutzpatrons abzuhalten.

Entwickelte sich die fast 400 Jahre währende Tradition zu einer der größten Reiterprozessionen in der Region, sollte es an diesem 31. Dezember eher ungewohnt still in der Gemeinde werden. Kein lautes Hufgetrappel mit tausenden Zuschauern am Straßenrand. Vielmehr ein Silvesterritt im Modus der Pandemie mit kaum zwei Handvoll Reitern und einem einsamen Festgast in der Kutsche.

Es ist die Silvesterreitergruppe um Pfarrer Matthias Reiner aus Westhausen, die am 394-zigsten Jahrtag zur Erfüllung des Gelöbnisses beiträgt. Auf der Kutsche von Josef Thomer sitzt Domkapitular Monsignore Paul Hildebrand aus Rottenburg mit der Silvesterreliquie. Dreimal wird die Silvesterkapelle angeritten – so wie es das Brauchtum verlangt. Um Menschenansammlungen zu vermeiden, wurde im Vorfeld über das Vorhaben Stillschweigen vereinbart. So verfolgen nur wenige Zuschauer das Geschehen aus der Ferne. Den Segen des Domkapitulars mit der Silvesterreliquie bekommen sie aber dennoch.

Ich freue mich, dass ich diese Tradition miterleben darf.

Monsignore Paul Hildebrand Domkapitular

Anders auch der Ort für die Pilgermesse, die nicht wie sonst am Vormittag in der kleinen Silvesterkapelle, sondern in der katholischen Pfarrkirche St. Mauritius stattfindet. Weil nur 55 Gemeindemitglieder daran teilneh

men dürfen, verfolgen viele die Zeremonie per Livestream von Zuhause aus. "Ich kenne die Sehnsucht der Menschen, dass der Segen Gottes ihnen beisteht und freue mich, dass ich diese Tradition miterleben darf", sagt Domkapitular Monsignore Paul Hildebrand vorneweg.

Das Jahr 2020 habe uns vor viele Herausforderungen gestellt. "Abstand ist das Gebot der Stunde, obwohl wir eine Religion der menschlichen Nähe und der Gemeinschaft sind", bedauert Hildebrand, der in jeder Krise aber auch eine Chance sehe. Eine neue Achtsamkeit sei entstanden, die Natur könne mit voller Lunge durchatmen und es gebe für Vieles kreative Ideen. Am Wallfahrtstag in Westhausen vermittelt er Zuversicht: "Wir hoffen auf die Fürsprache des heiligen Silvesters, dass er uns in ein gutes, gesundes und segensreiches neues Jahr führt."

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