Fragezeichen für die Zukunft

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Auch vor der Pandemie herrschten im "Krallenatelier" hohe Hygienestandards. Die haben sich mit Corona nun verstärkt. Maske, Abstand und Plexiglasscheiben gehören nun zum Arbeitsalltag.
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Nicole Schupp betreibt ein Nagelstudio in Westhausen – eigentlich. Bis die Pandemie kam. Jetzt kämpft sie um ihre Existenz.

Westhausen

Es geht an die Substanz. Bedroht die Existenz. Je länger der Lockdown dauert, je länger die Geschäfte geschlossen haben müssen, desto bedrohlicher wird die Situation.

Nicole Schupp kennt das nur zu gut. Es ist das, was sie seit rund einem Jahr erlebt, was seit einem Jahr ihren Alltag bestimmt, ihren Alltag belastet. Schupp betreibt seit 2016 ihr eigenes Nagelstudio "Krallenatelier" in Westhausen, hat all ihren Mut und Herzblut in ihr 80 Quadratmeter großes Unternehmen gesteckt. Nachdem sie sich in der Umgebung einen Namen gemacht, einen Kundenstamm aufgebaut hatte, konnte sie eine Mitarbeiterin einstellen, die sie selbst ausbildete.

Und nun? Alles hin. Zerschmettert. Ihre Mitarbeiterin hat gekündigt, sich einen sichereren Job im Einzelhandel gesucht. Die Coronapandemie zwang Schupp, all ihre Ersparnisse aufzubrauchen. Momentan hält sich Schupp mit einem Job im Altenheim über Wasser. Dort bietet sie medizinische Fußpflege an. "Damit kann ich zurzeit überleben", so Schupp. Die medizinische Fußpflege mache normalerweise etwa zehn Prozent des Umsatzes aus, erklärt Schupp. "Das ist eigentlich mehr ein Zusatz zum normalen Geschäft."

Die Situation ist für die Selbstständige mehr als deprimierend, es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen. Sie lebt zwischen der Angst davor, wie es weitergeht – und der Hoffnung, dass alles gut wird.

Mit den Öffnungen im März hatte sie nun wieder die Möglichkeit, 14 Tage zu arbeiten. "Die waren sehr anstrengend", resümiert Schupp. Täglich hat sie 14 bis 16 Stunden durchgearbeitet: "Ich will natürlich auch alle Kundinnen glücklich machen." Und das ist schwierig momentan. Denn gepflegte Finger- und Fußnägel gehören ebenso zum Wohlbefinden, wie eine gute Frisur, finden einige Kundinnen von Nicole Schupp. Außerdem müssen die gemachten Gelnägel auch wieder ab. Denn die sehen nach gewisser Zeit nicht nur nicht mehr schön aus, sondern es kann auch zu Infektionen des Nagelbetts oder zu Nagelpilz kommen. "Um da ran zu dürfen, muss mir die Kundin ein ärztliches Attest vorlegen."

Im Laden steckt all mein Herzblut.

Nicole Schupp Inhaberin eines Nagelstudios

Schon einige Kunden habe sie bislang verloren, gibt Schupp zu. Auch, weil vielen das Verständnis fehle. Das Verständnis, warum sie eben nicht heimlich die Nägel machen würde. "Viele machen das schwarz, aber ich nehme es sehr genau." Sie sei gefragt worden, ob sie das Geld nicht nötig habe. Ganz im Gegenteil.

Nicole Schupp war schon bei der Öffnung klar, dass das kein Dauerzustand sein würde. Und genau hier fühlt sie sich von der Politik oft vergessen und versteht nicht, wieso gerade sie mit zu den Pandemietreibern gehören sollen. Die Hygienestandards sollten in jedem Nagelstudio grundsätzlich hoch sein. Schupp legt seit der Pandemie penibel wert darauf, dass alle zusätzlichen Maßnahmen eingehalten werden.

Ihren Laden hat sie vermessen und markiert – überall herrscht nun zwei Meter Abstand. Und das, obwohl nur eine Kundin im Geschäft sein darf. Bis sie ihren Kunden gegenübersitzt, haben die schon zweimal ihre Hände desinfiziert, beide tragen Masken, sind durch eine Plexiglasscheibe getrennt.

Nach jeder Benutzung desinfiziert sie nicht nur ihre Arbeitsmaterialien, sondern auch die Türgriffe, Tische, das Kartengerät.

Den Gedanken, ihr Geschäft komplett aufzugeben, schwirrte der Westhäuserin schon durch den Kopf: "Das würde mir wahnsinnig schwer fallen, das wäre wirklich ein harter Schlag. Aber wenn es an die Existenz der Familie geht. . ." Die Überlegung sei eher, dass sie sich einen festen Job suche. "Ich weiß nicht, wie ich in Zukunft überleben kann." Froh ist die Inhaberin des "Krallenateliers", dass ihr Mann seinen Job noch ausüben könne. Das schafft etwas Sicherheit.

Das gilt für körpernahe Dienstleistungen

Notbremse Steigt in einem Landkreis die Sieben-Tage-Inzidenz an drei aufeinander folgenden Tagen auf über 100, müssen Betriebe zur Erbringung körpernaher Dienstleistungen (Kosmetik-, Nagel-, Massage-, Tattoo- und Piercingstudios sowie kosmetische Fußpflegeeinrichtungen) wieder schließen.

Ostalbkreis Der Kreis hat vergangene Woche die 100er-Grenze überschritten. Seit Donnerstag, 25. März, ist nach nur zwei Wochen Öffnungen die Notbremse gezogen. sas

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