Der Öko-Strom vom Dach rechnet sich

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Wer Lust hatte, durfte mit der Hebebühne hochfahren und einen Blick auf die Anlage auf dem Dach von Werk 3 werfen.
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25 000 Module – Kessler & Co. baut eine der größten Fotovoltaikanlagen in Süddeutschland auf seine Werksdächer. Nicht nur Landes-Umweltminister Franz Untersteller ist beeindruckt.

Abtsgmünd

Rund 7140 Quadratmeter Fläche hat ein Standard-Bundesliga-Fußballfeld. Über 10 000 Quadratmeter misst das Sägezahndach von Werk 3 bei Kessler & Co. in Abtsgmünd, auf dem seit drei Monaten 2500 Module einer Fotovoltaik-Großanlage Strom für das Unternehmen produzieren.

Und es wird noch größer, zehn Mal so groß: Im Frühjahr sollen insgesamt 25 000 Solarmodule auf etwa 100 000 Quadratmetern Dachflächen bei Kessler & Co. zehn Gigawattstunden sauberen Strom pro Jahr produzieren. Das ist in etwa der jährliche Stromverbrauch von 2700 Haushalten. Zudem: "Am Ende werden pro Jahr über 5000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart", weiß Professorin Martina Hofmann vom Photovoltaik-Netzwerk Baden-Württemberg, das die Realisierung des Projektes von Beginn an begleitet.

Einen "mittleren einstelligen Millionenbetrag" investiere das Unternehmen, sagt Firmenchef Gerhard Grimminger, er sagt aber auch, dass es sich rechne.

Weil samstags und sonntags unterm Dach nicht gearbeitet wird, fließen nur 70 Prozent der erzeugten Energie in den Eigenbedarf der Firma, die pro Jahr 25 Gigawattstunden Strom braucht. Für die 30 Prozent "Überschuss" sucht Grimminger noch eine Lösung: Vielleicht ein Forschungsprojekt mit der Hochschule Aalen, stellt er in Aussicht.

Viel Lob aus vielen Mündern

Fotovoltaikfelder auf Industriedächern, dafür kämpft die grüne Landesregierung, und weil das Projekt in Abtsgmünd, nicht nur was die Größe anbelangt, außergewöhnlich ist, schaute der grüne Umweltminister Franz Untersteller am Freitag am Kocher vorbei. Neben ihm begrüßte dort Gerhard Grimminger auch Staatssekretär Norbert Barthle, die ehemalige Europa-Abgeordnete Dr. Inge Gräßle, Landrat Dr. Joachim Bläse, Bürgermeister Armin Kiemel sowie Vertreterinnen und Vertreter der Hochschule Aalen und des Photovoltaik-Netzwerks.

"Unsere Hallen sind exakt nach Süden ausgerichtet. Unser Sheddach mit einer Neigung von 30 Grad ist für die Nutzung von Fotovoltaik ideal", erklärte Grimminger, weshalb das Unternehmen bereits vor 15 Jahren an diese Technik dachte. Jedoch, Module und Wechselrichter made in Germany waren damals so teuer, dass eigenproduzierter Strom sich nicht gerechnet hätte. Und sich vom Staat subventionieren lassen, wollte Grimminger nicht. "Das geht doch zulasten des Steuerzahlers", sagt er.

Rentabel macht die Ökologie nun viel preiswertere Technik aus China, das die Branche längst dominiert. "Die idealen Ausgangsbedingungen führen dazu, dass die kalkulatorischen Kosten des Stroms aus unserer PV-Anlage zirka drei Cent pro Kilowattstunde betragen. 70 Prozent sind Eigenbedarf, damit ist die Anlage auch ohne Subvention lohnend", ließ Grimminger den Minister staunen.

Von Windkraftspargeln hält Grimminger wenig. Zu sehr liebt er die heimische Landschaft. "Seine" Anlage erzeuge am Ende vergleichbar so viel Strom wie jeweils die umstrittenen Windparks Virngrund, Lauterburg oder Striethof/Eschach. Nur werde keine zusätzliche Fläche verbraucht und weder Landschaftsbild, Menschen noch Flora in Mitleidenschaft gezogen.

Landrat Dr. Bläse ist begeistert: "Da will der Ostalbkreis hin, wir sehen hier einen Faktor der Transformation", sagte er und nannte Klima, Umwelt und nachhaltige Energieerzeugung als Felder, auf denen Innovation und unternehmerischer Mut wichtiger denn je seien. "Sie zeigen hier, was möglich ist, und zwar im Alltag und nicht als Pilotprojekt. Und wenn sich daran Geld verdienen lässt, dann ist das gut und auch legitim", dankte Bläse Grimminger.

Der Minister ist beeindruckt

Voll des Lobes ist Minister Untersteller. "Hut ab, was Sie hier geschaffen haben und schaffen. Das Land braucht mehr Familien Grimminger, denn es gibt noch viel zu viele leere Industriedächer. Sie sind Vorbild", sagte er.

Drei Cent je Kilowattstunde, mit dieser "unglaublichen Zahl" will er fortan werben. "Üblicherweise kostet so etwas 14 bis 18 Cent". Baden-Württemberg benötige dringend Energie. Atom- und Kohlestrom hätten zurecht ausgedient, Biogasanlagen seien weniger rentabel. Statt für diese Mais anzubauen, sollten Freiflächen lieber mit Fotovoltaikanlagen bestückt werden, denn: "Fotovoltaik und Wind haben das Rennen gemacht", sagt Untersteller. Auf Windkraft verzichten könne das Land aber keinesfalls, zumal sich damit doppelt so viel Energie produzieren lasse wie mit Fotovoltaik.

Staatssekretär Norbert Barthle lobte Kessler & Co. für "diese weitsichtige Investition". Eine Lösung für den Energieüberschuss könne Wasserstoff als Speichermöglichkeit sein. "Alles, was wir heute mit Öl machen, werden wir künftig mit nachhaltig produziertem Wasserstoff tun", ist Barthle überzeugt.

Daten zur Solaranlage bei Kessler & Co.

Spitzenleistung: zehn Megawatt

Jahresproduktion: zehn Gigawattstunden.

Eigenverbrauch: sieben Gigawattstunden.

Überschuss: zirka drei Gigawattstunden.

Jahresverbrauch: 25 Gigawattstunden. Künftig werden 28 Prozent der benötigten Energie selbst erzeugt.

Gesamtfläche: Auf 100 000 Quadratmetern Dachfläche sind 25 000 Solarmodulen (1,70 x 1 Meter) geplant.

Kosten pro Kilowattstunde: drei Cent.

Es blieb Zeit für einen Rundgang durch Lehrwerkstatt (hier im Bild) und Fertigung. Mit grüner Maske, Minister Franz Untersteller.
Heimat und Heimatgeschichte im Blick hat Kessler & Co.. Gerhard Grimminger (Mitte) zeigt dies seinen Gästen.

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