Gestorben an der Spanischen Grippe

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Die Pandemie hat nach dem 1. Weltkrieg viele Familien getroffen. Was Helmut Hägele über seinen Großvater und seine Großmutter zu berichten weiß.

Abtsgmünd-Christhäuser

Im Frühsommer 1918 und in zwei weiteren Wellen im Herbst 1918 und im Frühling 1919 hat die sogenannte Spanische Grippe nach Schätzungen in Deutschland rund 400 000 Menschen das Leben gekostet. Weltweit sind je nach Schätzung zwischen 20 und 100 Millionen Menschen gestorben. Einer von ihnen ist Karl Hägele, der am 17. Januar 1919 in Christhäuser an dieser Influenza starb.

Der Großvater von Helmut Hägele, der das Leben seiner Großeltern und der Familie zusammengestellt hat, war damals 47-jährig seit dem 10. Juni 1918 "aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt" vom Militärdienst in der Garnison in Mergentheim und nach Hause geschickt.

Offizielle Nachweise seines Todes durch die Spanische Grippe gibt es nicht. Wie damals üblich, hieß es offiziell, "nach schwerer Krankheit an Lungenentzündung". Sollte doch die nach dem Kriegsende notleidende Bevölkerung nicht weiter verunsichert werden.

Wie in anderen ehemals kriegführenden Ländern wurde auch im Deutschen Reich durch Zensur die Auswirkungen der Pandemie verschwiegen. "Die Oma Rosine hat uns das später erzählt, wie er gelitten hat, als seine Lungen und der Körper langsam den Dienst versagt haben", berichtet Helmut Hägele.

Karl, am 30. August in Holzhausen bei Eschach geboren, und Rosine, geboren am 14. März 1876 in Adelmannsfelden, hatten am 14. Oktober 1902 geheiratet und die kleine Landwirtschaft in Christhäuser – eine ehemalige Mühle - übernommen.

Der Weiler gehörte damals zum katholischen Hohenstadt, die Hägeles waren aber evangelisch, weshalb die Hochzeit in Obergröningen, das evangelisch geprägt war, gefeiert wurde. Insgesamt zehn Kinder, das älteste wurde 1903 geboren, bekam die Familie, drei, darunter ein Zwillingspärchen, starben aber bereits im Alter von drei Monaten.

Am 11. Juli 1911 wurde Sohn Karl geboren, der Vater von Enkel Helmut. "Die Landwirtschaft bestand aus einem Wohnhaus mit Garten, zwei bis drei Feldern und Wiesen, zwei Kühen und ein paar Hühnern", sagt Helmut Hägele. Als quasi Gründungszuschuss hatte das Paar "Ausstattung von insgesamt rund 1500 Mark" von ihren Eltern bekommen.

1909 bekam Karl Hägele vom Gemeinderat Hohenstadt die sogenannte "Bürgerrechtsurkunde", in der als Berufsbezeichnung Taglöhner verzeichnet ist, überreicht. Er selbst verdingte sich unter anderem als Hilfskraft auf umliegenden Höfen, während seine Frau die Familie weitgehend mit Erzeugnissen aus dem eigenen Garten und Feldern ernährte. Zur Schule mussten die Kinder nach Obergröningen zu Fuß gehen.

Vermutlich hat ihn einer von der Westfront angesteckt.

Helmut Hägele Enkelsohn

Am 1. Oktober 1917 wurde Karl Hägele während der Generalmobilmachung zur sogenannten "Landwehr" eingezogen und nach kurzer Ausbildung bei den Rekruten in Mergentheim am 16. März 1918 dem dortigen "Ersatzbataillon Infanterie Regiment 120" zugeteilt. Vereidigt wurde er am 17. Oktober 1917, im November gegen Typhus, Cholera, Pocken geimpft, wie aus seinem Soldbuch hervorgeht. Entlohnt wurde er mit 15 Mark je Monat zuzüglich 7,10 Mark "Putzzeuggeld".

Vom Dienst zurückgestellt

Als "unausgebildeter Landsturmpflichtiger" war er dort in der Wachmannschaft des Rekrutendepots tätig. Von ihrem Alltag erzählen sich beide in zahlreichen Karten, die Helmut Hägele aufbereitet hat. Am 10. Juni 1918 wurde er aus "gesundheitlichen Gründen" bis zum 15. April 1919 zurückgestellt und nach Hause geschickt. "Vermutlich hat ihn ein Heimkehrer oder Urlauber von der Westfront mit der Spanischen Grippe angesteckt, denn dort grassierte sie bereits auch unter deutschen Soldaten", erklärt der Enkel. Tatsächlich waren damals bereits viele tausende Soldaten mit der Krankheit infiziert, die von amerikanischen Soldaten aus den USA herübergebracht worden war. In dortigen Ausbildungslagern ist sie Forschungen zufolge erstmals ausgebrochen.

Laut Erzählungen von Rosine Hägele verschlimmerte sich die Krankheit bei Karl Hägele immer mehr, Medikamente dagegen gab es nicht, andere schlugen nicht an oder waren zu teuer. Überraschenderweise erkrankte aber kein weiteres Familienmitglied.

"Als er wusste, dass er sterben würde, versammelte er die ganze Familie an seinem Bett und verabschiedete sich", erzählt Helmut Hägele. "Das gegenseitige Alleinerbe hatten die beiden bereits 1904 in einem Ehevertrag geregelt, beider Eltern hatten auf Erbe verzichtet", verweist Helmut Hägele auf ein weiteres Originaldokument.

"Es ist bewundernswert, wie sich die Oma dann mit sieben Kindern in dieser schweren Zeit durchgeschlagen hat", betont der Enkel. So halfen die älteren Kinder nach der Schule auf anderen Höfen aus, wo sie dann neben ein bisschen Lohn auch etwas zu essen bekamen.

Später begannen die Söhne eine Ausbildung, so Karl, der Vater von Helmut, als Schreiner in Hohenstadt. Ihm überschrieb Rosine Hägele auch die Landwirtschaft in Christhäuser, er baute das Haus dann 1949 neu auf. "Oma Rosine erzählte nicht viel aus dieser Zeit, sie starb 1958 im Kreis der Familie", ergänzt Helmut Hägele, der heute noch in dem mehrfach umgebauten und modernisierten Haus lebt.

Jürgen Eschenhorn

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