Esst Giersch statt Brot, sagt Kneipp

  • Weitere
    schließen
+
Gesunde Natur lecker zubereitet: Eine Portion Giersch-Brezelknödel nach dem Rezept der Durlanger Kräuterpädagogin Bärbel Kenner.
  • schließen

"Leckere Kräuterküche" (1) – Warum man das auch "Waldpetersilie" genannte Heilkraut nicht bekämpfen, sondern nach allen Regeln der Kochkunst nutzen sollte.

Durlangen

Gesund und fast unverwüstlich – so beschreibt Kräuterpädagogin Bärbel Kenner ein Gewächs, das fast alle kennen, aber erst in jüngster Zeit wieder zunehmend zu schätzen wissen: den Giersch. Auch Dreiblatt wird er genannt – denn irgendwie sei die Drei das untrügliche Erkennungsmerkmal, findet Bärbel Kenner: Der Stil fühle sich dreieckig an, wenn man ihn leicht zwischen den Fingern rollt. Die Blattspreite gliedert sich dreifach in Fiederblättchen auf, die ein Kreuz miteinander bilden. Die drei Seitenfiedern sind wiederum dreigeteilt, wobei eine meist nur andeutungsweise abgeteilt ist. Die einzelnen Fiederblättchen sind blaugrün bis mittelgrün gefärbt und unterseits behaart. Die Oberseite ist kahl.

"Wir sollten heute dankbar sein, dass sich so hilfreiche Kräuter wie der Giersch nicht leicht vertreiben lassen, sonst wären sie womöglich schon ausgerottet", meint Bärbel Kenner. Denn sie weiß wohl, dass so mancher Gärtner verzweifelt, wenn im frühen Frühling die grünen Gierschteppiche erscheinen. Vorzugsweise wachse dieses Wildkraut in Hecken und Gebüschen, in Laub- und Mischwäldern, an Bächen und Flussufern, an Wegrändern, in Parkanlagen und in Gärten. "Es liebt schattige Standorte und stickstoffhaltige, feuchte Böden", weiß die Kräuterpädagogin und rät, die Vorzüge des Krauts zu nutzen, statt es zu bekämpfen.

Der Giersch, erklärt sie, rieche beim Zerreiben mit den Fingern wie eine Mischung aus Möhre und Petersilie. Und schmecke auch so, weshalb mancher ihn als Waldpetersilie kenne. "Er ist würzig, aromatisch. Die Blüten schmecken süßlich und die Früchte haben eine eigenwillige Schärfe." Der Giersch (Aegopodium podagraria) gehört zu den Doldenblütern und ist nahe verwandt mit Fenchel, Dill, Anis, Möhre, Koriander, Petersilie oder Kümmel.

"Esst Giersch, statt Brot", zitiert Bärbel Kenner den heilkundigen schwäbischen Pfarrer Sebastian Kneipp. Der wusste durchaus, dass das Kraut viel Vitamin C, Provitamin A, Eiweiß, Mineralstoffe, ätherische Öle oder Saponine enthält. Der Genuss des Heilkrauts kurbelt den Stoffwechsel an. Der schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857 bis 1945) nannte ihn deshalb auch eine "herrliche Medizin". Er nutzte Giersch als Mittel gegen Krampfadern, Husten, Wurmbefall, Zahnschmerzen, Gicht, Rheuma und Verstopfung.

Schon im Mittelalter wurde Giersch bei Herzgefäßbeschwerden, Gicht, Rheuma und Ischiasschmerzen angewendet. Gicht ist wohl das Hauptheilungsgebiet des Giersch, so ist die Gicht sogar im lateinischen Namen erwähnt: "podagraria" bedeutet Gicht. Aegopodium bezieht sich auf das Aussehen der Blätter, welche einem Ziegenhuf ähneln, daher wird Giersch manchmal auch Geißkraut oder Geißfuß genannt. Bei Insektenstichen und Verbrennungen, auch Sonnenbrand, können frisch zerriebene Gierschblätter, auf die betroffenen Hautstellen aufgelegt, Linderung verschaffen. Hildegard von Bingen lobte in ihren Werken die entzündungshemmende Wirkung von Giersch, besonders bei Gicht. "Zipperleinskraut" ist ein Volksname des Giersch.

Wissenswert für die Ernährung: "Gierschblätter enthalten 15-mal so viel Vitamin C wie Kopfsalat", sagt Bärbel Kenner. Das allein sei ein guter Grund, öfter mal Giersch zu ernten und in der Küche zu verwenden. Außerdem sind in den Blättern große Mengen Vitamin A und viele Mineralstoffe gespeichert – darunter Eisen, Magnesium und Calcium. Giersch beinhaltet wesentlich mehr Mineralstoffe als zum Beispiel Grünkohl. Man darf ihn also getrost zu den regionalen Superfoods zählen.

Giersch schmeckt auch als Salat.

Bärbel Kenner Kräuterpädagogin

Giersch kann als Gemüse oder Salat zubereitet werden und ist auch lecker im Smoothie. Für einen Salat eignen sich vor allem die ganz jungen, gerade entfalteten Blätter. Gierschblätter können auch in Kräuterquark und Suppen gegeben werden. Nach der Blüte wird der Geschmack kräftiger und es kann eine leicht abführende Wirkung auftreten. Selbst die Giersch-Blüten sind essbar. "Sie sind süßer als der Rest der Pflanze und können Salate oder Suppen verschönern", weiß die Kräuterpädagogin. Außerdem aromatisieren sie Essig, Öl oder Kräuterlimonade. Besonders saftig seien die Stiele und Knospen junger Pflanzen. Ältere Blätter eigneten sich gut zum Trocknen für Tee.

Rezepte

Grünes Kartoffelpüree: 2 Handvoll Brennnesseln, 2 Handvoll Giersch, 1 kg Kartoffeln, 250 ml Sahne, etwas Milch, 100 g Zwiebeln, 1 Knoblauchzehen, 1 Tl Salz, 1 Tasse Wasser. Die Kartoffeln schälen und vierteln mit einer Tasse Wasser im geschlossenen Topf garen. Salz zufügen und mit der Sahne zerstampfen, eventuell noch etwas Milch zugeben. Während der Garzeit der Kartoffeln das Wildgemüse waschen und zusammen mit den klein geschnittenen Zwiebeln und den Knoblauchzehen in einer halben Tasse Wasser aufkochen. Das Gemüse pürieren und unter den Kartoffelbrei rühren, bis dieser ganz grün ist.

Giersch-Pesto: 100 g Giersch, eventuell auch andere Wildkräuter, 6 Zehen Knoblauch, 100 g Parmesan gerieben, 250 ml Olivenöl, 75 g Pinienkerne Den Giersch und die Wildkräuter gut waschen. Die Knoblauchzehen abziehen. Die Kräuter und Knoblauch fein hacken. Die Pinienkerne (eventuell mit etwas Öl) anrösten und ebenfalls hacken. Alle Zutaten in einer Schüssel mit dem Parmesan mischen. Das Olivenöl nach und nach unterrühren, bis alles gut vermengt ist. Das Pesto in ein verschließbares Glas geben und mit eventuell übrig gebliebenem Öl bedecken – so hält es sich länger.

Giersch-Brezelknödel: 4 Brezeln, 200 ml warme Milch, 2 große Eier, 1 Zwiebel klein geschnitten, Petersilie klein geschnitten Salz, Pfeffer, Muskat, 2 Handvoll Gierschblätter klein geschnitten, etwas Butter Die Brezeln klein schneiden, in einer Schüssel mit der heißen Milch mischen und mindestens 15 Minuten ziehen lassen. Dann die klein geschnittene Zwiebel und die Petersilie in ausgelassener Butter glasig dünsten. Mit wenig Salz und Pfeffer sowie Muskat würzen und das Ei untermengen. Den klein geschnittenen Giersch zum Schluss untermischen, nochmals 5 Minuten ziehen lassen. In einem großen Topf Wasser mit etwas Salz zum Sieden bringen. Mit nassen Händen aus dem Teig einen langen Strang formen, diesen in Frischhaltefolie einschlagen und im Wasser etwa 20 Minuten garen. Danach den Knödelstrang in Scheiben schneiden und mit Soße servieren. Dazu passt sehr gut eine Pilzrahmsoße.

Kräuterpädagogin Bärbel Kenner stammt aus Berghülen und ist als eines von sieben Kindern in einer Landwirtsfamilie aufgewachsen. Die Grundlage für ihr Interesse an Kräutern hat die Großmutter gelegt, die die Heilkraft der Natur kannte und immer Kräuter gesammelt und getrocknet habe, erzählt Kenner. Sie hat nach Durlangen geheiratet und mit ihrem Mann selbst eine Familie gegründet. Als die fünf Söhne erwachsen waren, hat sie "ihren Traum verwirklicht" und eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin an der Gundermann-Akademie absolviert. 2019 legte sie die Prüfung ab, bietet seitdem Führungen und Seminare an. Bärbel Kenner ist außerdem schon lange Gemeinderätin und seit elf Jahren stellvertretende Bürgermeisterin in Durlangen.

Gesunde Natur lecker zubereitet: Eine Portion Giersch-Brezelknödel nach dem Rezept der Durlanger Kräuterpädagogin Bärbel Kenner.
Bärbel Kenner.

Zurück zur Übersicht: Kochertal

WEITERE ARTIKEL