Mit der Landvolk-Flagge nach Berlin

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Dietmar Schneider, Hubert Walter und Steffen Weller (von links) mit der Flagge der Landvolk-Bewegung: Sie wollen sich nicht in die rechtsnationalistische Ecke stellen lassen.
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Steffen Weller spricht für Landwirte in der Region, die nach Berlin gefahren sind, um gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Worüber sie sich beklagen

Abtsgmünd-Hohenstadt

Rund 40 Landwirte aus dem Ostalbkreis sind nach Berlin gefahren, um gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Die "Berliner Woche" ist eine Initiative, die sich über WhatsApp-Gruppen verselbstständigt hat.

Eine Flagge, die polarisiert

Die Initiative "Land schafft Verbindung" und der Bauernverband haben sich von der Aktion distanziert, nachdem Landwirte in Nordrhein-Westfalen mit ihren Traktoren das Symbol der Landvolk-Bewegung von 1929 gebildet hatten.

Eine Flagge mit diesem Symbol flattert auch am Traktor von Dietmar Schneider (Zimmerberg). Steffen Weller sagt, warum Pflug und Schwert auf schwarzem Grund die Stimmung unter Landwirten trifft: "Bauern standen damals auch mit dem Rücken zur Wand, so wie wir heute. Ihr Protest richtete sich gegen eine ungerechte Politik, die zum Ruin der Höfe führte."

Teile der Bewegung, die Ende der 1920-er Jahre im Norden aktiv war, wurden radikal, die NSDAP habe viele dieser Landwirte für sich vereinnahmt, kritisieren Gegner. Das könne dieses Symbol aber nicht diskreditieren, meint Weller. "Pflug und Schwert stehen für einen wehrhaften Bauernstand", sagt er.

Agrarfeindliche Politik mit immer strengeren Vorgaben wie Dünge-, Tierhaltungs- oder Wasserschutzverordnung will er nicht mehr einfach hinnehmen. "Landwirten werden enorme Investitionen aufgezwungen, während die Preise für Agrargüter künstlich niedrig gehalten werden", nennt Weller die Folgen.

Seinen geballten Frust hat er sich in einem Video von der Seele gesprochen, das zigtausendfach geteilt wurde. Dass die Bauern pauschal für Insekten- und Artensterben verantwortlich gemacht werden, prangert er darin an und er zeigt, wie dörfliche Strukturen und Kulturlandschaft erst von Bauern zu dem wurden, was sie heute sind. Er möchte die Tradition fortführen und einen intakten Hof an seinen Sohn weitergeben können.

"Abgekartetes Spiel"

Die Agrarpolitik in Deutschland und in der EU sehen Weller und seine Mitstreiter mittlerweile als "abgekartetes Spiel", um den Berufsstand zu schädigen und den Weg zur industriellen Agrarproduktion zu ebnen. "Man treibt Höfe in die Insolvenz und dann schnappen sich Investoren unsere Flächen als lukrative Geldanlage", beklagt Dietmar Schneider, der einen Bio-Milchviehbetrieb in Zimmerberg bei Adelmannsfelden bewirtschaftet.

Durch das Mercosur-Handelsabkommen, das den europäischen Markt für Agrarprodukte aus Amerika öffnete, fühlen sich Landwirte verraten und verkauft. "Jetzt müssen wir gegen ausländische Erzeuger antreten, die all diese Auflagen nicht haben. In Südamerika sind Spritzmittel erlaubt, die bei uns längst verboten sind. Wie kann es sein, dass deren Produkte ganz legal neben unseren im Supermarktregal stehen?", fragt Weller. Er verlangt einheitliche Standards für einheimische und ausländische Produkte.

Kritik an Berufsverbänden

Mit ihren Berufsverbänden hadern die drei Landwirte schwer. "Die Funktionäre vom Bauernverband haben doch mitgetragen, dass es so weit gekommen ist. Dass wir jetzt von Ausgleichszahlungen abhängig sind, während unsere Produkte nichts mehr wert sind." Auch die vielen Gespräche mit Politikern hätten zu nichts geführt. Weller: "Die zeigen uns gegenüber Verständnis, stimmen im Bundestag aber ganz anders ab."

Nur wenn der Protest massiv werde und auf die Straße kommt, werde sich vielleicht etwas ändern, sagen die Landwirte und packen Transparente und Fahnen zusammen. Weller: "Auf nach Berlin!"

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