Süßes aus des Doktors Manteltasche

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schloss hohenstadt im dezember
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Silvesterbräuche? Rauschende Feste? Wie in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten auf dem Land das alte Jahr verabschiedet und das Neue begrüßt wurde.

Abtsgmünd-Hohenstadt

Prachtvolle Gewänder, beschwingte Musik, rauschende Feste? Wie mag er dereinst gefeiert worden sein, der Jahreswechsel in den schmucken Schlössern in der Region? Nikolaus, Graf Adelmann, dessen Vorfahren ab 1118 in Adelmannsfelden urkundlich erwähnt sind und die sich 1435 in der Burg in Schechingen niederließen und ab 1530 in Hohenstadt die Geschicke lenkten, hat für die Antwort auf diese romantische Frage lange in den Archiven der Familie und der Kirche recherchiert - und bremst gefühlsselige Fantasien deshalb gleich aus.

„Selbst noch vor zweihundert Jahren war es im Winter eiskalt in riesigen Gebäuden wie dem Hohenstadter Schloss“, erzählt er. Das repräsentative Treppenhaus dort, den Saal mit der hohen Decke konnte damals niemand heizen. „Warm waren höchstens die kleineren Räume.“ Deshalb sei das Gebäude im Winter oft offiziell geschlossen gewesen, die gräfliche Familie feierte Silvester und Neujahr im Palais in Ellwangen, in Sigmaringen oder auch in Köln, wo Sigmund Graf Adelmann von Adelmannsfelden Regierungspräsident war.

Seit jeher waren im katholischen Dorfleben der Region, also auch in Hohenstadt, die Jahresschlussandacht und der Neujahrsgottesdienst fester Bestandteil des Programms zum Jahreswechsel. Dazu gehörte, dass um Mitternacht die Glocken geläutet wurden. Besonders prächtig klang das nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Geläut dann wieder vollständig war. „Die fünf Glocken wurden fünf Minuten lang geläutet“, erzählt Nikolaus Graf Adelmann. Wer die Glockenseile gezogen hat, bevor Anfang der 1960er-Jahre eine elektrische Steuerung diese Aufgabe übernahm, ist nicht überliefert. Altmesner Karl Waibel bezweifelt, dass diese Aufgabe den Ministranten übertragen worden ist. „Die durften um Mitternacht sicher nicht auf den Turm“, meint er. Kann sich aber auch erinnern, dass die Buben zumindest wenn sie tagsüber die Glocken zu den Gottesdiensten läuten durften und sich dabei auch gerne mal einen Spaß daraus machten, sich von einem Glockenseil die die Höhe ziehen zu lassen.

In den frühen 1950er-Jahren, als er Kind war, kann sich Nikolaus, Graf Adelmann, erinnern an Empfänge, die seine Eltern am Neujahrsmorgen im Saal des Schlosses gegeben haben. Nach dem Gottesdienst seien die geladenen Honoratioren erschienen, fein angezogen - der Bürgermeister mit Zylinder, der Pfarrer trug das Birett. „Und der Doktor hatte immer einen weiten Mantel an“, erinnert sich Adelmann gerne, denn aus einer der großen Manteltaschen zauberte der Mediziner gerne Süßes für die Kinder.

Geschossen wurde zur Begrüßung des Neuen Jahres um Mitternacht natürlich auch. Vor dem damals noch Adelmannschen Gasthof Adler in der Hohenstadter Ortsmitte. „Anständig“ sogar, wie Pfarrer Schnitter in der Kirchenchronik für den Jahreswechsel 1890 vermerkt. Weniger anständig fand der Geistliche das Gelärme und Geschrei und die Lieder, die anschließend gesungen worden seien.

Dass sich die Dorfbewohner in der Ortsmitte treffen, sei bis heute üblich, erzählt Nikolaus, Graf Adelmann. Wobei er das als kleiner Bub nicht miterlebt hat. Damals habe er sich immer gewundert, dass nur im Schlossgarten geschossen wurde und nur von seiner Familie. „Erst als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass mein Vater die Uhren vorgestellt hat, damit wir rechtzeitig ins Bett kommen“, sagt er schmunzelnd. Die tatsächliche Feier um Mitternacht - sprich das fünfminütige Glockenläuten und das Raketenschießen auf dem Marktplatz haben die Kinder dann hinter den dicken Schlossmauern verschlafen.

Fünf Glocken läuten fünf Minuten lang.“

Nikolaus Graf Adelmann, über die Neujahrsnacht

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