Ein Pfarrer zwischen Krieg, Heimat und Hüttlingen

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Pfarrer Gregor Rapa ist seit März in Hüttlingen und sehnt sich nach seiner Gemeinde in Luhansk.
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Zunächst war Pfarrer Gregor Rapa bis Ende Mai 2022 für die Gemeinde in Hüttlingen eingeplant. Über ein halbes Jahr später ist er immer noch da, fühlt sich wohl und ist dennoch nicht dort, wo er sein will.

Hüttlingen. Die Wege des Herrn sind auch für Pfarrer unergründlich. Pfarrer Gregor Rapa spürt das sehr deutlich. Ukraine, russische Anexion ... - aktuell verbreitet er Gottes Wort in Hüttlingen.

Er habe sich inzwischen an ein Leben gewöhnt, bei dem er nicht wisse, wie lange er an einem Ort bleiben wird. Hüttlingen kennt Gregor Rapa schon lange. Hier fungierte er schon viele Jahre als Urlaubsvertretung für Pfarrer Ludwig Heller, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand verabschiedet wurde. Nach dessen Verabschiedung sollte Rapa die Gemeinde Heilig-Kreuz in Hüttlingen betreuen. Nach drei Monaten, so war der Plan, kommt dann ein Pfarrer aus Indien, der Rapa ab Juni hätte ablösen sollen. Allerdings erhielt dieser kein Visum, weshalb man Rapa fragte, ob er sein Engagement um drei weitere Monate verlängern könne. Die Koffer für die Rückreise in sein Heimatland Polen schon gepackt, änderte Rapa seine Pläne und blieb. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich allerdings immer noch schwierig, weshalb Rapa immer wieder um eine Verlängerung seiner Dienste gebeten wurde: „Ende August fragte man mich, ob ich nicht bis Ende September weitermachen könne. Ende September wurde dann die Anfrage gestellt, ob ich auch bis Ende November noch in Hüttlingen bleiben kann.“ Doch auch Ende November war die Nachfolge noch nicht geklärt, weshalb nun eine etwas längerfristige Lösung gefunden wurde. Bis Pfarrer Rapa zurück in die Ukraine nach Luhansk reisen kann, bleibt er in Hüttlingen. Er geht jetzt davon aus, das gesamte Jahr 2023 in der Ostalbgemeinde zu verbringen.

Durch den Ukrainekrieg vertrieben

Hüttlingen liegt dem Geistlichen am Herzen. Gleichwohl: Tief in seiner Brust schlägt sein Herz für seine Heimat: Luhansk. Irgendwann möchte er zurück in die Ukraine, wo er 1993 seine Arbeit begann. „Ich habe in Luhansk mit viel Kraft und Mühe die katholische Gemeinde aufgebaut“, erinnert sich Rapa. Er fühle sich verantwortlich für alle Katholiken, die sich noch immer dort befinden. Von 1993 bis 2014 konnte Rapa seiner Arbeit in der Grenzstadt zu Russland wie gewünscht nachgehen. Doch seit dem "Kriegsbeginn 2014" änderte sich für Rapa mit einem Schlag alles: „Ich war gerade an der Grenze von Polen nach Deutschland für die Urlaubsvertretung. Da bekam ich eine SMS von meinem Vikar, dass er Luhansk auf der Stelle verlassen werde, weil es dort inzwischen zu gefährlich ist.“

Rapa selbst wollte trotz des Krieges unbedingt zurück nach Luhansk und machte sich gegen den Willen seines Bischofs auf den Weg ins Kriegsgebiet. Doch die ukrainische Frontlinie in Luhansk durfte nur mit einer Sondererlaubnis des Geheimdienstes durchquert werden. Aufgrund der Kämpfe vor Ort und der damit einhergehenden Gefahr wurde Rapa diese Sondererlaubnis verwehrt.

Ein Jahr später, im November 2015, als die Kämpfe nachließen, erhielt Rapa dann seine gewünschte Erlaubnis und erinnert sich an seine Rückkehr: „Mit meiner Erlaubnis ließen mich die Soldaten passieren. Es folgte ein fünf Kilometer langer Fußweg, bis hin zur Frontlinie der Separatisten.“

Es wurden Monate und Jahre des hin und her. Immer wieder gab es neue Gesetze, die ihm das Einreisen oder das Arbeiten in Luhansk erschwerten und irgendwann unmöglich machten. Einer Regelung, dass er sich maximal drei Monate am Stück in Luhansk aufhalten darf, folgte wenig später ein Gottesdienstverbot für Rapa. "Soldaten standen vor meiner Tür, um mir  klarzumachen, dass sie es höchst ernst mit diesem Verbot meinten." Damit nicht genug - plötzlich wurde ihm als nicht dauerhaft in der Stadt gemeldetem Bürger nicht mehr erlaubt, die Stadt zu betreten.

Seither versucht Rapa, verzweifelt einen Weg zu seiner ukrainischen Gemeinde zu finden. Die Gefahren des Krieges würde er dabei auf sich nehmen: „Ich habe keine Angst vor der Gefahr vor Ort. Ich möchte zu meiner Gemeinde, die mich dort braucht, aber ich habe keine Chance, diese Stadt zu betreten.“

Hüttlinger Solidarität

Als Pfarrer in Hüttlingen versucht Rapa nun sein Möglichstes, um aus der Entfernung zu helfen. „Ich überweise Bekannten immer wieder etwas Geld, sodass sie sich wenigstens etwas zu Essen kaufen können.“ Doch Rapa ist bei seinem Ziel, den Ukrainern zu helfen, ganz und gar nicht auf sich allein gestellt. Von der Solidarität der Gemeinde ist er begeistert: „Es ist großartig zu sehen, wie viele Menschen sich aktiv für die Flüchtlinge einsetzen und mit was für einer unglaublichen Organisation den Menschen geholfen wird.“

Aktuell leben mehr als 40 geflüchtete Ukrainer in Hüttlingen, darunter eine vierköpfige Familie, die im Pfarrhaus bei Pfarrer Rapa lebt. Außerdem ist aktuell schon der siebte Transport mit Kerzen und warmer Kleidung in Planung, der an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht wird. Rapa organisiert diese Hilfsprojekte und ist Ansprechpartner für alle Gemeindemitglieder, die helfen wollen: „Ich kenne die Sprache und ich kenne die Situation vor Ort. Daher kann ich hier einiges tun, um zu helfen. Das möchte ich selbstverständlich auch machen.“

Dennoch: Am Ende hofft Rapa, dass ihn der Weg des Herrn in seine Gemeinde zurück nach Luhansk führt.

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