Nah am Leben lauert gewaltsamer Tod

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Adolf Schlipf aus Sulzdorf erinnert sich. Warum er am Tag seiner Erstkommunion auch auf eine Beerdigung musste.

Hüttlingen-Sulzdorf

Als der Krieg vorbei ist im Mai 1945, zählt Adolf Schlipf zehn Jahre. In diesem zarten Alter hat er schon viel Schrecken und Leid erleben müssen.

Im Juli 1943 stirbt sein Vater. Aufgrund einer verschleppten Sommergrippe, nicht direkt an den Folgen des Krieges. Da ist Adolf acht Jahre alt und beginnt, sich auf seine Erstkommunion vorzubereiten, die im kommenden Frühjahr ansteht. Die Familie – jetzt noch Mutter, drei Buben und zwei Mädchen – hat einen Hof in Sulzdorf und lebt von der Landwirtschaft.

Fliegerangriff bringt den Tod

Damals werden Wiesen im Frühjahr noch "gekratzt", mit einer von Pferden gezogenen Wiesenegge: Maulwurfshügel werden eingeebnet und das von den Mistfuhren im letzten Herbst überschüssige, trockene Stroh gesammelt, um es wieder der Einstreu beigeben zu können. Adolf Schlipfs älterer Bruder Hermann und ein Knecht, ein Kriegsgefangener aus Polen, tun dies am Nachmittag des 13. April 1944 unterhalb des Halmesbucks, der Anhöhe nördlich von Sulzdorf. Beide werden bei dieser friedlichen Arbeit Opfer des gefräßigen Krieges. US-amerikanische Flugzeuge kommen von der Bahnlinie bei Goldshöfe her. Auf freiem Feld werfen sie Bomben und Granaten ab, vermutlich, um das Gewicht der Maschinen zu verringern. Wahrscheinlich sind sie bei Goldshöfe abgedrängt worden. Bei diesem Manöver werden die beiden auf dem Feld tödlich getroffen, ebenso ihre beiden Pferde.

Warum die Flieger das getan haben und ob der Angriff gezielt war, konnte nie geklärt werden. Adolf ist an diesem Donnerstag zur fraglichen Zeit in Hüttlingen im Kommunionunterricht; noch drei Tage bis zum Weißen Sonntag. Der ist dann am Sonntagvormittag in Hüttlingen.

Weißer Sonntag voller Trauer

Zum Mittagessen trifft man sich bei der Familie eines Onkels in Sulzdorf. Leben und Tod liegen nah beieinander in Kriegszeiten: Am selben Sonntagnachmittag wird Bruder Hermann beerdigt. "Der Sarg stand im Wohnzimmer", erinnert sich der heute 85-jährige Adolf Schlipf. "Meine Familie trauerte, betete und verabschiedete sich von ihm." Dann vorm Haus, bevor es nach Hüttlingen auf den Friedhof geht: "Zeremonie von der Wehrmacht, Spalier stehen, Ehrengedenken, wie für einen Kriegsgefallenen."

Nach der Beerdigung findet man sich ein im "Lamm" zu einem kleinen Leichenschmaus. "Es gab Bratwürste und Wecken. Ein oder zwei Tage zuvor hatte meine Mutter dem Bäcker Mehl geben müssen, damit er Wecken backen konnte", erinnert sich Schlipf. "Die Menschen, die nicht von der Landwirtschaft lebten oder zumindest Beziehungen hatten, hungerten", erzählt Adolf Schlipf.

Anfang 1945, erinnert er sich, beschoss oberhalb von Hüttlingen ein Tiefflieger ein Fuhrwerk mit zwei Pferden. Die Pferde wurden getötet. "In der Nacht schnitten Unbekannte aus den toten Pferden Fleischstücke heraus", erzählt er.

Dass heute manche sagen, wir bräuchten einen neuen Hitler, kann ich nicht begreifen.

Adolf Schlipf Weltkriegszeitzeuge

Unter den Tieren hatten Pferde wohl besonders am Krieg zu leiden, wurden entweder erschossen oder für den Militärdienst beschlagnahmt. Oder litten indirekt. "Nachdem die beiden Pferde, die mein Bruder und der polnische Knecht hatten, nicht wiederkamen, hat das Einjährige im Stall immer geschrien. Besonders schlimm war es, wenn es hörte, wie der Milchfahrer mit seinem Pferdegespann am Haus vorbeifuhr."

Es dauerte nicht allzu lange und das verbliebene junge Pferd wurde beschlagnahmt fürs Militär. "Jetzt mussten wir Kühe an die Arbeit auf dem Acker gewöhnen. Als Knecht bekamen wir einen Franzosen, wieder einen Kriegsgefangenen", erzählt Adolf Schlipf.

Auch in der Nachbarschaft ist ein Franzose. Die beiden Kriegsgefangenen spielen eine wichtige Rolle, als die Amerikaner schließlich in Sulzdorf einrücken. Am 22. April 1945 ist es, an einem Sonntag. Adolf Schlipf, seine Mutter und die Geschwister wollen am Nachmittag Verwandtschaft besuchen, als sie in der Ferne dumpfes Grollen von Kanonen und Fahrzeugen hören. Also bleiben sie sicherheitshalber zuhause.

"Etwas später ging es dann los", schildert Schlipf: Die Amerikaner kamen mit Panzern von Neuler her und beschossen das Dorf. Sie vermuteten wohl Wehrmacht, aber die war tags zuvor abgezogen. Bei diesem Beschuss gingen vier Sulzdorfer Höfe in Flammen auf. Schlipfs Anwesen blieb verschont, aber zwei Nachbarn hatten Pech.

Die Familien hatten sich in die Keller geflüchtet, aber die Franzosen hielten Wache in Scheunen und Ställen, wegen Funkenflug. Bei einem der Höfe verbrannten alle Kühe und Kälber, weil die Familie ins nahe Filgenbachtal geflohen und niemand zuhause war. Bei zweien der vier Gehöfte konnten die Wohnhäuser gerettet werden.

Ein Vierjähriger kommt um

Schlimm traf es eine Familie, die ein etwas abseits gelegenes Haus bewohnte. "Die Amerikaner vermuteten dort Widerstand und beschossen das Haus. Dabei wurde ein kleiner Bub von knapp vier Jahren am Fenster getroffen, er war sofort tot. "Die SS-Einheit dort war aber bereits mit ihrer Mannschaft abgezogen", berichtet Adolf Schlipf. Mit einem Handleiterwagen wurde dann der tote Junge in seinem kleinen Sarg von mehreren Sulzdorfer Buben auf den Hüttlinger Friedhof gezogen. Schlipfs jüngerer Bruder Eugen war dabei.

Ein paar Tage später kommen vier amerikanische Soldaten ins Haus, beschlagnahmen aus der Scheune einen von den Deutschen zurückgelassenen Lkw-Anhänger, den sie sich mit ofenfertigem Brennholz beladen lassen. "Vermutlich für ihre Feldküche", so Schlipf. "Ich sah zum ersten Mal einen Schwarzen. Wir Kinder hatten Angst, aber die Soldaten gaben uns Schokolade und süße Drops. Die folgenden Tage fuhren Tag und Nacht Kolonnen durchs Dorf, zuerst Panzer. Die Schotterstraßen und Felder waren total kaputt", erinnert er sich.

Adolf Schlipf macht kein Geheimnis daraus, dass er vom Krieg nichts hält. Und auch nicht von denjenigen, die sie führen. "Dass heute manche sagen, wir bräuchten einen neuen Hitler, kann ich nicht begreifen", sagt er und schüttelt den Kopf. Dann führt er den Reporter in die nahe Johanneskapelle und zeigt ihm die Gedenktafel zu Ehren der Gefallenen. Allein aus Sulzdorf und den umliegenden Gehöften hat der Zweite Weltkrieg 17 Menschenleben genommen.

Adolf Schlipf zeigt in der Johanneskapelle die Gedenktafel zu Ehren der Gefallenen. Allein aus Sulzdorf und dem nahen Umland starben 17 Menschen im Krieg.
Die Grafik erläutert den Fliegerangriff vom 13. April 1944, unterhalb des Halmesbucks, der Anhöhe nördlich Sulzdorfs. Grafik: ca

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