Videotheken in Netflix-Zeiten: Wie das "Videotaxi" dem Internet standhält

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Seit 34 Jahren verleiht Wolfgang Mangold Filme und Serien in seiner Videothek "Videotaxi".
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Seit 34 Jahren versorgt Wolfgang Mangold mit seiner Videothek "Videotaxi" Filmfans mit Filmen und Serien. Wie sich das Videothekardasein in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Hüttlingen

Filme, Filme, Filme. Soweit das Auge reicht. DVDs. Blu-Rays. VHS gibt's auch noch. Aber von einem könnte es mehr geben im "Videotaxi", der Videothek von Wolfgang Mangold: Kunden. "Es ist nicht mehr so rosig, wie vor zehn, 20, 30 Jahren", berichtet der Videothekar. Vom reinen Filmverleih kann er heute nicht mehr leben. Dennoch hat er Wege gefunden, weiterhin unter anderem Filme, Serien und Videospiele anzubieten. Übrigens: Deutschlandweit dürfte das "Videotaxi" eine richtige Seltenheit sein. Laut "Statista" waren es vor zehn Jahren deutschlandweit noch 2218 Videotheken, 2019 waren es nur noch 345.

Aber wer besucht denn überhaupt noch Videotheken? Eine kleine, aber treue Stammkundschaft kann Mangold regelmäßig bei sich begrüßen. Und die könnte bunter nicht sein: "Vom Arbeitslosen bis zum Doktor ist querbeet alles dabei." Manche von ihnen schauen einmal im Monat vorbei, andere wiederum täglich. "Aber von allem ist es mittlerweile zu wenig."

Kein Vergleich zu früher

Vor zwei, drei Jahrzehnten habe das ganz anders ausgesehen. Zu diesen "Goldgräberzeiten" waren gerne einmal 50 Kunden auf einmal in der Videothek. "Heute schaffen wir das nicht mal an einem Tag", sagt Mangold. Was hat sich geändert, dass es heute nicht mehr so gut läuft wie in der Vergangenheit? Immerhin 500 Mark kostete die Verleihversion einer VHS-Kasette damals auch gerne einmal für Verleiher - wie konnte das rentabel sein? "Der Vorteil für uns war, dass der Film ein Jahr lang nicht als Verkaufsversion erschienen ist", erinnert sich Mangold. Wer den Streifen sehen wollte, lieh ihn sich aus. Doch aus einem Jahr wurden Monate. Aus Monaten wurden Wochen. Und heute machen manche Filme den Umweg über das Kino oft überhaupt nicht mehr und erscheinen direkt auf der Streamingplattform.

Vom Familienfilm bis zum Index

"Vom Verleih allein kann man heute nicht mehr leben", berichtet der Chef des "Videotaxi". Heute verleihe er nur noch 20 Prozent von dem, was es einmal war. Und das, obwohl er den Online-Giganten in einer Hinsicht deutlich überlegen ist: der Programmvielfalt. 80.000 bis 85.000 Filme habe er in seiner Videothek. "Worauf man direkt zugreifen kann", wie Mangold betont. Vom Familienfilm bis zur absoluten Ü18-Ware, etwa indizierten Filmen oder Erotik, sei dort alles dabei. Tatsächlich: In den Regalen gibt es nicht nur einen Film, den es beim Streaminganbieter gar nicht oder nur mit Aufpreis gibt.

Mehrere Standbeine

Um heute noch konkurrenzfähig zu sein, muss das "Videotaxi" mehrspurig fahren. Während der Lockdowns sei Mangold 90 Prozent des Film-Umsatzes weggebrochen. Die Paketannahmestelle, die er im Geschäft betreibt, durfte während des Lockdowns dennoch Kunden empfangen. Vor wenigen Wochen gab's den Umzug nach Hüttlingen - mit geschäftlichem Hintergrund. Dort eröffnet der Videothekar ein Fahrradgeschäft. Zudem können Liebhaber von CDs, DVDs, Blu-Rays - generell auf Scheiben gepresste Medien - diese im "Videotaxi" polieren lassen und so wieder einwandfrei benutzen - "besser als neu", verspricht Mangold. Seit 2009 werden Filme auch direkt verkauft - teilweise online. Wer Filme ausleihen möchte, hat trotzdem noch die Chance dazu.

Kommentar: Warum sich ein Besuch in der Videothek lohnt.

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