An der Rems über den Krieg sprechen

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Höhepunkt des Abendgottesdiensts am Remsmittelpunkt war das Gespräch mit Diplomat Freiherr Rüdiger von Fritsch. Ausgerichtet hatte ihn die evangelische Kirchengemeinde. Foto: Hientzsch
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Beim zweiten Abendgottesdienst am Remsmittelpunkt in Waldhausen interviewt Pfarrer Lukas Golder Freiherr Rüdiger von Fritsch, deutscher Botschafter in Moskau bis 2019.

Lorch-Waldhausen

Am Dienstagabend wurde deutlich, wie sehr der Krieg in der Ukraine die Menschen umtreibt. Gut 140 hatten sich zum Abendgottesdienst am Remsmittelpunkt versammelt. Als Gast war Freiherr Rüdiger von Fritsch angekündigt, deutscher Botschafter in Moskau von 2014 bis 2019. Er erzählte, wie er Wladimir Putin, aber auch die orthodoxe Kirche sieht, welchen Wert die Sanktionen haben und ob er mit baldigem Frieden rechnet.

Das Format, bei dem Pfarrer Lukas Golder während eines Open-Air-Gottesdienstes ein Gespräch führt, fand im Juli 2021 zum ersten Mal statt. Damals stand ihm Bürgermeisterin Marita Funk Rede und Antwort. Sie war bei dieser zweiten Ausgabe im Publikum und hörte, wie Golder wissen wollte, was ein Diplomat denn eigentlich tue. „Das Ziel ist, Frieden zu bewahren oder wiederherzustellen“, antwortete von Fritsch. In Moskau habe er versucht, dieses Land zu verstehen, es der eigenen Regierung zu erklären, aber auch der russischen Regierung das eigene Land zu erklären.

„Hat Diplomatie also versagt?“, fragte der Pfarrer mit Blick auf Russlands Angriff auf die Ukraine. „Sie ist an ihre Grenzen geführt worden“, sagte der 68-Jährige. Und zwar durch einen russischen Präsidenten, der zu keinem Dialog mehr bereit sei. Trotzdem dürfe man nicht aufgeben: „Eines Tages muss es mit Russland wieder zu Verabredungen kommen.“

Ganz klar sei, dass Russland als Aggressor die Schuld trage. „Das ist eine eindeutige Schwarz-Weiß-Situation.“ Es sei richtig, den Opfern beizustehen, auch mit Waffenlieferungen. Man müsse bereit sein, sich wehren zu können. Die Sanktionen für die russische Wirtschaft seien das richtige Mittel. Und sie hätten bereits spürbare Auswirkungen. „Indem wir Wladimir Putin ans Portemonnaie gehen, treffen wir ihn empfindlich.“ Denn der russische Präsident brauche viel Geld, um sich die Zustimmung seines Volkes zu seinem diktatorischen Regime zu erkaufen.

Rüdiger von Fritsch erzählte von Begegnungen mit Putin, aber auch mit Kyrill, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Der russische Präsident handle mit den Reflexen eines sowjetischen Geheimdienstoffiziers, der er ja ist. Der Unterschied zur 1990 untergegangenen Sowjetunion: „Niemand kontrolliert ihn.“ Außerdem habe sich Putin während der Corona-Zeit mehr und mehr isoliert. „Er hat sich viel mit Geschichte beschäftigt und sieht sich nun auf einer historischen Mission.“

Dass die orthodoxe Kirche auf Seiten Putins steht, erklärte von Fritsch mit Machtpolitik. Nach dem ersten Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2014 hatte sich die ukrainisch-orthodoxe Kirche abgespaltet. „Das empfand Kyrill als schrecklich.“ Für den Moskauer Patriarchen werde diese Trennung durch den Krieg wieder gekittet. Überhaupt sehe er seine Kirche als letzter Hort europäischer Werte: „Dass der Westen gleichgeschlechtliche Verbindungen segnet und Frauen auf die Kanzel lässt, kann er nicht verstehen.“

Was kann man für Frieden tun, fragte Pfarrer Golder. „Den Opfern zur Seite stehen und nie die Zuversicht verlieren, dass uns eines Tages eine Lösung einfällt“, antwortete von Fritsch. Jeder Einzelne könne etwas tun, nämlich Frieden und Demokratie bei uns bewahren und verteidigen. Der Krieg könne nach Ansicht des 68-Jährigen nur durch veränderte Machtverhältnisse in Russland beendet werden. „Oder durch einen Ermattungszustand einer Seite.“ Momentan sei aber weder Russland noch die Ukraine bereit, Zugeständnisse zu machen.

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