Die Gegentrendsetter mit dem Fachwerkneubau

  • Weitere
    schließen
+
Die neue Lust an der Nostalgie: Lars Geist und seine Familie haben in Brend ein Fachwerkhaus gebaut.

Lars Geist und Jasmin Heinrich setzen ein Zeichen gegen die moderne Nüchternheit.

Alfdorf-Brend. Sie stehen in vielen Neubaugebieten, ganz gleich wo im Rems-Murr-Kreis: Hausblöcke, quadratisch, praktisch, schwarz-weiß-grau. Die persönliche Note der Bewohner zeigt sich im Fensterbild oder dem knuddeligen Ton-Gnom an der Haustür. Wird’s ein paar Nummern größer, überwiegen Glas und Stahl mit kühl-steriler Note. Lars Geist nennt’s den „trostlosen Bauhaus-Stil“.

Lars Geist und seine Familie wohnen in einem Haus, das Tochter Emelie als „total cool“ bezeichnet. Wobei das Wort „cool“ mitnichten fürs englische „kalt“ steht, sondern die jugendsprachliche Verkürzung ist von „toller, besser und schöner geht’s gar nicht“. Lars Geist und seine Frau Jasmin Heinrich haben für sich, die Kinder, den Hund und zwei Katzen ein Fachwerkhaus gebaut.

Zwei Jahre Bauzeit

Ein Fachwerkhaus? So was, wie es, oft teuer restauriert, in den Innenstädten von Gmünd oder Schorndorf steht? Geliebt, bewundert und stets für schön befunden, aber altertümlich und, na ja, oft auch ein bisschen unbequem? Ja, tatsächlich. Zumindest im weitesten Sinne. Die Familie wurde während der zwei Jahre dauernden Bauzeit wirklich gefragt, ob da ein altes Schmuckstück restauriert würde. Nein, das war nicht der Fall. Die Familie baute, wie andere mit großen Augen wissen wollten und gar bezweifelten, neu.

Das kann man schön finden – wie’s wohl viele taten, die dort am Dorfrand von Brend den Wanderweg zum Beispiel in Richtung der ebenfalls in Fachwerk gebauten Hagmühle liefen. Lars und Jasmin erzählen, dass, während sie auf ihrer Baustelle werkelten, Autos vorfuhren. Die hatten Göppinger Nummern. Oder Stuttgarter oder Aalener. Die Leute stiegen aus, guckten und – machten Fotos.

Man kann’s natürlich auch schrecklich finden. Es ist halt Geschmackssache. Eines aber ist sicher: Lars und Jasmin sind mit ihrem Haus absolute Gegentrendsetter. Sie wollen nicht modern und geradlinig. Sie wollen auch keinen Designer-Schottergarten mit edlen Graswedeln in abgezirkelten Abständen. Die beiden leben die Landlust. Ja genau, da gibt’s diese Zeitschrift. Die das in Text und Bild einfängt, wonach sich heute, wo das Digitale, die Effektivität und galoppierender Fortschritt das Leben bestimmen, offenbar so viele sehnen.

Schnitzwerk und Dachreiter

Lars und Jasmin, Emelie und Bruder Luis lieben Holz. Und durchaus auch Schnörkel. Genauso wie Schnitzwerk: Im Giebeldreieck vom Haus gibt’s zum Beispiel zwei Holzmuscheln.

Und am Dachfirst gucken sich Pferde an. Mit denen hat Lars Geist am Anfang gekämpft. Gefallen haben sie ihm sofort. Aber sie sind eigentlich eine Tradition aus Norddeutschland. Dann aber fuhr er auf einer Radtour durch eine Siedlung mit Toskana-Häusern. Damit war klar: Wenn im Rems-Murr-Kreis der mittelitalienische Baustil samt sonnengelber Farbe und integriertem Urlaubsgefühl durchgeht, dann können aufs eigene Haus auch diese Schnitzereien drauf. Zumal Jasmin und Emelie begeisterte Reiterinnen sind.

Die zwei markantesten Balken des Hauses zieren Sprüche: „Anno 2019 – erbaut von Jasmin und Lars“ heißt der eine. Der andere wünscht: „Dieses Haus gewähre alle Zeit Frieden und Geborgenheit.“ Lars und Jasmin lieben diese Segenswünsche. Die waren früher üblich. „Wir sind nicht modern“, sagen die zwei. Wirklich nicht? Vielleicht sind sie nur anders modern. Schließlich gackern in vielen Gärten inzwischen Hühner, der Trend geht entweder zum Smarthome mit virtueller Hausmanagerin – oder zum Zweitschaf samt Bienenstock auf dem Gartenstückle.

Tochter Emelie erklärt, dass sie niemals Marmorfliesen haben wolle. Jasmin Heinrich gruselt’s bei dem Gedanken an Hochglanzküchen ohne Griffe, und Lars Geist hat im Haus so wenige Steckdosen eingeplant, dass der Elektriker womöglich schon ein bisschen an seinem Verstand gezweifelt hat. Dafür wird im Garten eine Wildblumenwiese angelegt. Und die Hühner – das ist sicher – kriegen auch wieder ein Plätzchen zum Scharren. Jeder halt so, wie er mag. Pia Eckstein

Zurück zur Übersicht: Lorch

WEITERE ARTIKEL