Gastlichkeit in historischen Mauern

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Stadtführung Lorch
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Werner Maier führte interessierte Gäste durch Lorch und erzählte insbesondere über die reiche Gasthaus-Geschichte der Stadt.

„Hosch au scho zahlt, du Lomp?“

Der Papagei, in der „Harmonie“

Lorch

Rund zwanzig Leute fanden sich am Sonntag ein, um sich die Geschichte der Stadt Lorch näherbringen zu lassen. Werner Maier führte die Teilnehmer durch den Ort und die Gastro-Geschichte. Als geborener Lorcher mit eigener Lorcher Geschichte wusste er nicht nur zu dieser Geschichte ausgezeichnet Bescheid, sondern hatte auch Anekdoten auf Lager. So mancher seiner Gäste kam selbst aus Lorch oder näherer Umgebung und konnte ebenfalls daher so einiges beitragen.

„Lorch war ein Kohortenkastell“, begann Maier seine Ausführungen in der Römerzeit, „und lag am Schnittpunkt von Obergermanischem und Rätischem Limes.“ Und so habe es sich über die Jahrhunderte zum Marktflecken entwickelt – und aus diesem Grund 1865 das Stadtrecht erhalten. Einen großen Entwicklungsschub lieferte dann der Bau der Remstalbahn, der dem Luftkurort 1861 einen Bahnhof bescherte. So konnte die Strecke Stuttgart-Lorch fürderhin statt an einem Tag innerhalb von viereinhalb Stunden zurückgelegt werden. Damit war natürlich ein wirtschaftlicher Aufschwung verbunden, der Lorch viele weitere Gäste zutrug – die alle versorgt werden mussten. In der Folge nahm die Anzahl der Gastwirtschaften im damit bereits gesegneten Lorch noch einmal zu.

So wurde die Führung durch die Altstadt auch zu einer Gastwirtschaftswanderung von noch bestehenden zu wieder verschwundenen Stätten Lorcher Gastlichkeit. Beim Bahnhof stand das „rote Haus“, so Maier, das das Gasthaus „Zur Post“ beherbergte. Und statt der heutigen Postfiliale sei früher dort ein Kiosk gestanden. Schräg gegenüber sei dann die „Harmonie“ nahezu zeitgleich mit dem Bahnhof errichtet worden. „Und die hat als das erste Haus am Ort gegolten“, erklärt Maier zu dem noch heute bestehenden stattlichen Bau. Und hat auch noch ein amüsantes Anekdötchen hinzuzufügen. „In dieser Wirtschaft gab es einen Papagei“, führt er aus, „der in den 30-er Jahren die Gäste beim Abschied mit der Frage: „Hosch au scho zahlt, du Lomp?“ behelligte. Auch habe selbiger Papagei gelernt, die Signale und den Pfeifton des Zuges täuschend ähnlich nachzuahmen – und damit erreicht, dass einige Male der Zug zu früh abfuhr.

Zur katholischen Kirche in Lorch erklärte Maier, dass erst mit der Ankunft der Flüchtlinge nach 1945 die Anzahl der Katholiken in Lorch bedeutend angestiegen sei. Daher sei dann 1961 die Kirche erbaut worden.

Weitere Gaststätten lagen auf dem weiteren Weg ins historische Lorch. So lag sowohl die „Rose“, auch als „Dudelsack“ bekannt, am Platz als auch „Engel“ und „Stern“ und „Heidenei“. „Vier Bahnübergänge hatte Lorch einst“, so Maier weiter, „und sieben Tankstellen.“ Wenn man die in den Ortsteilen mitzähle. Weitere Gasthäuser seien „Grüner Baum“ und „Goldener Adler“ gewesen – in dem Eduard Mörike einst vier Wochen gewohnt habe. Zuvor habe er im „Rössle“ gewohnt, bis er in das als „Mörikehaus“ bekannte Gebäude gezogen sei. Gerne habe sich der als „schwäbischer Biedermeier-Dichter“ bekannte Mörike in Gasthäusern aufgehalten, wenn er von seinen Wanderungen zurückkam. „Schon mit 31 Jahren hat Mörike eine Rente beantragt“, erklärt Maier aus dessen Leben, „und er hat sie bekommen.“ Zu anstrengend sei diesem seine Arbeit als Vikar und Pfarrer vorgekommen. Außerdem habe er erst mit 47 Jahren Margret Späth geheiratet. Später habe er wieder Deutschunterricht erteilt. Zwei Stunden die Woche. Die habe er ebenfalls als übermäßige Belastung empfunden. Lieber sei er gewandert, habe gedichtet und gezeichnet.

Zum gusseisernen „Bäderbrunnen“ in der Innenstadt berichtet Maier, dass dieser bereits 1521 erstmals erwähnt werde, allerdings erst seit 1899 in dieser Form bestehe. Zuvor habe sich der Bader der Stadt um den Brunnen kümmern müssen. Denn aus diesem habe er das Wasser fürs Badehaus geschöpft – und weitere Berufe ausgeübt. So habe er Zähne behandelt, Haare geschnitten, zur Ader gelassen und so manches Mal als Feldscher gearbeitet. Das heißt, dass er auch amputieren konnte und durfte.

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