Warum ein 30-Einwohner-Ort in Lorch drei Namen trägt

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Fritz Klenk (rechts), seine Tochter Anna und Schwiegersohn Nico leben im Lorcher Teilort, der drei Namen hat.
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Eine Lorcher Siedlung hat drei unterschiedliche Ortsnamen. Warum, erklärt Lorchs Stadtarchivar. Wie es sich hier lebt, erzählen drei Bewohner.

Lorch

Fritz Klenk zeigt auf zwei Häuser auf der anderen Straßenseite und sagt: „Dazwischen verläuft die eine Grenze.“ Er deutet auf ein Gebäude einige Schritte weiter: „Und hier beginnt der Bereich Schwefelhütte.“ Der 64-Jährige steht mit Tochter Anna und deren Mann Nico vor ihrem Haus im Lorcher Weiler, der zwischen der Kernstadt und dem Plüderhäuser Teilort Walkersbach liegt. Einen präzisen Ortsnamen zu nennen, ist eine Herausforderung: Denn das 30-Einwohner-Dorf hat drei unterschiedliche Ortsschilder.

Von Lorch kommend heißt es „Walkersbachertal“, Autofahrer aus Richtung Walkersbach lesen „Weitmarser Sägmühle“, und von Strauben kommend steht „Schwefelhütte“ auf dem Schild. Auch Bürgermeisterin Marita Funk bleibt vage. „Die Namen sind räumlich gleichwertig“, sagt sie. Warum das so ist, hat Stadtarchivar Simon M. Haag herausgefunden.

„In dem Ort verlaufen Grenzlinien dreier Gemarkungen“, zeigt Haag auf einer älteren Karte. Darauf abgebildet ist eine Ansammlung von Gebäuden zwischen Walkers- und Haselbach. Man erkennt die Sägmühle, einige der alten, noch existierende Häuser sowie das Areal der Schwefelhütte.

Das damals am weitesten südlich gelegene Haus wurde um 1905 erbaut und war Wohnhaus und Gaststätte von Wilhelm Jennewein, hat der Archivar herausgefunden. Die Wirtschaft existierte bis vor einigen Jahren.

Auf der Karte ist das Haus das einzige Bauwerk auf Lorcher Gemarkung, die direkt danach auf der nördlichen Seite endet. „Dann beginnt die Gemarkung, auf der sich die Weitmarser Sägemühle immer befunden hat“, erklärt der Stadtarchivar, „und zwar gehörte dieser Teil ursprünglich nicht zu Lorch, sondern zu Waldhausen und Weitmars“.

Wiederum nur wenige Meter davon entfernt, auf der anderen Straßenseite, beginnt die Gemarkung der Schwefelhütte. „Über die Schwefelhütte kann ich nicht viel sagen, da müsste ich noch viel tiefer forschen“, sagt Haag.

Sägmühle gilt 1912 als Wohnort

Stattdessen habe er mehrere Stunden im Lorcher Stadtarchiv gesucht und herausgefunden, dass die Weitmarser Sägmühle zum ersten Mal im Jahr 1555 nachgewiesen werden kann. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dort Holz gesägt, später auch Getreide gemahlen und Öl gepresst. „Und ganz langsam entwickelte sich dort eine Siedlung.“

1719 wird erstmals ein Besitzer namentlich genannt, Peter Schäufelin. Es folgen aber weitere. Immer wieder ließen sich Menschen an der Mühle nieder, wohl hauptsächlich Familienangehörige.

„Seit 1912 wird die Siedlung als Wohnplatz genannt.“ Da stand auch schon das Haus auf der Lorcher Gemarkung. Welches 1937 vom Reichsstatthalter Württemberg den Namen „Walkersbachertal“ erhielt. Wohlgemerkt, damals nur dieses eine Haus.

Heute wird dieser Name von den Ortsbewohnern vorgezogen, erzählt Anna Wagner: „Wir sagen alle nur Walkersbachertal.“ Nicht Weitmarser Sägmühle oder Schwefelhütte. Die Tochter von Fritz Klenk ist hier aufgewachsen.

Spürt man im Ort, dass es eigentlich dreierlei Gebiete gibt? „Nein, wir sind eine ganz normale Gemeinschaft“, sagt die junge Frau und erzählt von Nachbarschaftsfesten und einem guten Miteinander. Ihr Mann Nico ergänzt: „Es ist aber schon komisch, dass es drei Ortsschilder gibt.“ Sein Schwiegervater wirft ein, dass man das aber nicht bemerke im Alltag.

Die Nachbarn wählen woanders

„Nur beim Wählen, da wir nach Lorch ins Wahllokal gehen“, fällt ihm ein. Und die Nachbarn auf Waldhäuser Gemarkung würden in Weitmars wählen.

Die beiden Lorcher Teilorte gehörten früher zusammen und waren bis zur Eingemeindung 1971 selbstständig. Auch davor habe das keinen Unterschied gemacht, meint Fritz Klenk. „Und heute auch nicht“, sagt seine Tochter Anna.

Wir sagen alle nur Walkersbachertal.“

Anna Wagner,, Bewohnerin

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