60 Jahre „Nachtigall der Blechbläser“

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Ein „Methusalem am Flügelhorn“: Erwin Kirn, der demnächst aufhören will.
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Erwin Kirn spielt das Flügelhorn im Posaunenchor Oberkochen. Wie der gebürtige Hesse dazu gekommen ist und was sein christlicher Glaube damit zu tun hat.

Oberkochen

Seit fast genau 50 Jahren wohnt Erwin Kirn in der Liebigstraße in Unterkochen. Noch älter, nämlich 60 Lenze, zählt sein Flügelhorn, das er seinerzeit für 180 D-Mark erworben hat und das ihm bis heute treu geblieben ist.

„Der Mann mit dem Flügelhorn“ nennt man ihn in Oberkochen und im dortigen Posaunenchor schätzt man ihn für seine Akkuratesse und Treue, eben auch als Mensch.

Dass das Flügelhorn jetzt bald ein Kofferdasein fristet, hat gesundheitliche Gründe. „Ich will nicht klagen, es geht mir eigentlich ganz gut, aber es soll ja eine Kunst sein, wenn man zur rechten Zeit aufhört“, blickt Erwin Kirn zurück, um dann doch noch mit leiser Stimme hinzuzufügen: „Es wird mir sicherlich nicht leicht fallen.“

Die überregionale Ehrung findet im nächsten Jahr statt, wenn er im Juli beim Gemeindefest der evangelischen Kirchengemeinde für sein sechzigjähriges Wirken ausgezeichnet und offiziell verabschiedet wird.

Mit dem Flügelhorn, ja, das war so wie eine Zufallsehe. Ursprünglich hatte Erwin Kirn als Jungspund mit neun Jahren Violine gelernt und gerne gespielt.

Aufgewachsen ist der gebürtige Hesse in Dietersweiler bei Freudenstadt, wo der Vater Lehrer war. Sechs Jahre lang frönte er der zarten Violine, spielte auch im Schülerorchester. Dann zog man um ins großelterliche Haus nach Freudenstadt. Und als für Erwin Kirn die CVJM-Zeit begann, das war anno 1957, wollte er unbedingt im Posaunenchor mitspielen.

„Zum CVJM gehört einfach das Posaunenspiel“, betont er. Vom Blasinstrument war er hingerissen, in Freudenstadt, und auch als die Familie 1969 nach Aalen zog. Im „Gütle“ habe er eine schöne Zeit erlebt bei den „Posaunisten“, wo er 18 Jahre lang spielte. Seine letzte musikalische Station, quasi der Höhepunkt, ist Oberkochen.

Nun sagt man ja landläufig, Unterkochener und Oberkochener seien nicht „die besten Freunde“. Als Mann der Kirche sieht dies Erwin Kirn ganz anders. Kirchlich gesehen sind Unterkochen und Oberkochen ein gemeinsamer Distrikt. Er zählt alle Pfarrer auf, die er an beiden Orten erlebt hat, und das waren nicht wenige.

„Ich bin ganz bewusst Christ“, bekennt Kirn und er fügt hinzu: „Ich fühle mich als Mitarbeiter am 98. Psalm“. „Lobt Gott mit Trompeten und Posaunen“, heißt es dort. 24 Jahre war Erwin Kirn Mitglied des Unterkochener Kirchengemeinderats.

Sanft streicht er über sein Flügelhorn und er weist darauf hin, dass man das Horn nicht mit einer Trompete verwechseln darf. „Hörner sind die Nachtigallen der Blechbläser, Trompeten sind die Sperlinge“, lacht er.

Ein seltenes Instrument, das nur im deutschsprachigen Raum gespielt werde. In zehn europäischen Ländern hat ihn sein Flügelhorn musikalisch begleitet - von Monaco bis Sankt Petersburg und bis in den hohen Norden. Auch auf christlichen Kreuzfahrten war Erwin Kirn mit seinem Flügelhorn zugange.

Bombastisch, eindrucksvoll

Wenn man ihn nach seinen Höhepunkten befragt, kommt es allerdings wie aus der Pistole geschossen: „Das sind die Landesposaunentage in Württemberg.“ Dies sei schlicht und einfach „das Fest der Kirche.“ 30 hat es davon gegeben, deren 28 hat Erwin Kirn miterlebt. „Bombastisch und eindrucksvoll“ nennt er die Schlussfeiern vor dem Ulmer Münster.

Im Posaunenchor Oberkochen war und ist er noch der älteste und Dienst älteste Musiker. So nebenbei erwähnt er sein zweites Metier: Sammeln für Seele und Hirn. Sage und schreibe 1600 Kirchenführer hat er über die Jahrzehnte zusammengetragen und alle Kirchen selbst besucht. „Was ich einmal angefangen habe, höre ich nicht mehr auf“, zitiert er seine Philosophie. Jetzt schert er aus, wenn er sich und sein Flügelhorn in den Ruhestand verabschiedet.

Ich fühle mich als Mitarbeiter am 98. Psalm.“

Erwin Kirn, Musiker

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