Als glückliche „Kies-Kinder“ schipperten

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Umzüge im Kies.
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Erinnerungen an das „Kies“, eine echte Besonderheit in Oberkochen.

Oberkochen. Es ranken sich viele Geschichten ums „Kies“. Der ehemalige Heimatforscher Dietrich Bantel hat sich in seinen Berichten für den Heimatverein seitenweise damit befasst, Billie Müller hat die Geschichten mit einer Unmenge von herrlichen Fotos archiviert. Nicht ganz einig ist man sich auch heute noch, welches Gebiet das „Kies“ umfasst. Die Ansicht der Altvorderen ist, dass das Kies mit der Metzgerei Lerch und dem „Golda-Bauer-Haus“ beginnt und sich hinaus bis zur Fischzucht zieht. Mit all den Stichstraßen mittendrin. Die etwas Jüngeren, die „middle-ages“, sagen: Vom „Lerch“ bis Günther + Schramm und auf der anderen Seite vom „Golda-Bauer“ bis zur Schreinerei Brunnhuber. Für die jüngeren Leute entspricht das „Kies“ der heutigen Heidenheimer Straße, die früher Lange Straße oder im Jargon der Oberkochener „Langgass“ hieß, bis zum WIGO.

Herrliche Umzüge und die legendäre „Kocher-Kies-Schachtel“

Ein echtes „Kies-Urgestein“ war der all zu früh verstorbenen Josef Merz, Ehrenkommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Der Reporter erinnert sich an viele Gespräche mit dem „Merza-Sepp“ über sein geliebtes Kies. „Unser Kies ist mit Sicherheit der einzige Stadtteil von Oberkochen, der eine Parkanlage hatte, wenn auch keine öffentliche, sondern eine private der Familie Günther“, so Sepp Merz. Ja, zwischen dem Mühlenkanal und dem Bundesbahngebäude und vom „Wunderle-Haus“ bis zur oberen Mühle hatte es diesen wunderschönen Park gegeben. „Unser Spielplatz war der Mühlenkanal“, so der Sepp, der seine hautnahen Erinnerungen wiedergab, als wäre es gestern passiert und nicht in den 1950er Jahren und danach. Von den abgerissenen Baracken bei Leitz und Oppold hätten sich die Kinder alte Türen besorgt, darunter band man verschiedene Kanister und fertig war der schwimmende Untersatz. Als Antrieb verwendete man Opas Bohnenstangen und so hatte man einen „Stocherkahn“ so ähnlich wie die Tübinger und eine „Kocher-Kies-Schachtel“ wie die Ulmer. Unvergessen ist auch der „Kies-Sport-Club“, von sechs Kies-Freunden von Jung-Kolping anno 1958 gegründet. Eine eingeschworene Kicker-Truppe, die gegen andere heimische Mannschaften wie etwa vom Musikverein, das Team vom „Brunkel“ oder jenes vom Dreißental spielte. Eine kameradschaftliche Besonderheit seien auch die gemeinsamen Ausflüge gewesen, die bis nach Paris und nach Kroatien führten.

„Des Kies isch gwieß“, schreibt Dietrich Bantel in seinen Heimatberichten. Er erinnert an „Klein-Venedig“, als die Kinder am und im Mühlenkanal badeten und „einen Heidenspaß hatten.“ Auch die Narrenzunft hatte ihren eigentlichen Ursprung im Kies – dort fand 1970 der erste Umzug statt, auf dem Wagen der „eiserne Gustav Bosch“, „Hättre“ Grupp und der Gemeinderat. A propos Umzüge:

Alles führte ins und durchs Kies: Kinderfest, Stadtfest, Schlaggawäscher, Feuerwehr, Turnfeste. Auch geadelte Menschen gab es im Kies, denen der Titel „Sir“ verliehen wurde – der erste war Viktor Oppold. Und nicht zu vergessen: der Pfingstmarkt bei der Dreißentalschule und jüngst zum ersten Mal bei der Mühle, fand früher im Kies statt.

Eine, die die unvergessene Zeit miterlebt hat, ist Rosemarie Wingert. „Schnell die Hausaufgaba g´macht und naus auf´d Stroaß“, sagt die Rosi. Da wurden dann die alten Kinderspiele gepflegt wie Pfennigfuchsen, Murmeln, Hopfe, Hulahoop und im Winter frönte man dem „Eissschleifa“ und urigen Schneeballschlachten. Ja, in den 1960er Jahren wurde auf der Heidenheimer Straße noch gespielt. Das Verkehrsaufkommen war gering – nur die Zeissianer störten zweimal am Tag die dörfliche Idylle, wenn sie „morgens einfielen und abends wieder abzogen“, lacht Rosi Wingert. Im Winter wurde auf der Hauptstraße noch mit Schlitt- und Gleitschuhen herumgefahren. Alle sind sich einig: Im Kies war immer was los und wer dort gewohnt hat oder noch heute dort wohnt, wird die alten Zeiten nicht vergessen. Das Kies war halt immer „äbbas Bsonders.“

⋌Lothar Schell

Mehr Bilder aus der großen Zeit des „Kies“ gibt es auf schwaepo.de.

Heute ein Kreisel: Der Kiesbrunnen zwischen Günther + Schramm“ und der Firma Brunnhuber
Luftaufnahme vom "Kies".
Die "Langestraße" in Oberkochen, anfang der 50er Jahre.
Oberkochen: Auf der Heidenheimer Straße wurde in den 1960ern noch auf der Straße gespielt. Foto: privat/ Müller

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