Als Tiefflieger Oberkochen angreifen

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Das alte Herrgottshäfnerhaus, das Elternhaus von Hubert Winter, in der Heidenheimer Straße in Oberkochen in den 1920er Jahren. Beim Fliegerangriff 1945 blieben Teile der Wand mit dem Kruzifix stehen. Der Rest lag in Trümmern.
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Der Tag, der das Leben von Hubert Winter für immer verändert hat. Was am 11. April 1945 in Oberkochen geschah.

Oberkochen

Vor Hubert Winter liegen zwei alte Fotos auf dem Esstisch. Sie zeigen das elterliche Haus, das sogenannte "Herrgottshäfnerhaus" in der Heidenheimer Straße in Oberkochen. In den 1920er Jahren. Als Bauernhaus mit Stall. Wo über der Eingangstür das große Kruzifix hängt. Daneben das Foto, das das Haus zeigt, das Huberts Vater Eugen nach dem Krieg wieder aufgebaut hat. "Oberkochener Bank" steht dort in großen Lettern.

Zeitlich dazwischen liegen der 2. Weltkrieg und Ereignisse, die dem 82-Jährigen noch heute die Tränen in die Augen treiben.

Was ist geschehen? Er ist der 11. April 1945, 16.45 Uhr. Eugen Winter ist mit Huberts älterem Bruder und seiner Tante Agnes auf dem Feld. "In der Weil beim Römerkeller", erzählt Hubert Winter. Fünf französische Flugzeuge, "Rotschwänze" hat sie der Volksmund getauft, sind im Anflug auf das Dorf am Schwarzen Kocher. Sie werden an diesem sonnigen Mittwochnachmittag mit ihren Bomben und Bordkanonen den Tod bringen. "Mit ihren Waffen an Bord haben sie auf Passanten in den Straßen gefeuert und fünf 25-Kilo-Bomben abgeworfen", beschreibt der 82-Jährige. Eine der Bomben trifft das Elternhaus von Hubert Winter.

Im vermeintlich sicheren, frisch renovierten Gewölbekeller, sitzen in diesem Moment 14 Menschen. Familienangehörige und Passanten. Sie haben dort Zuflucht gesucht, wie bei vorherigen Luftangriffen auch.

"Ich stand unter einem kleinen Vorsprung des Deckengewölbes", erinnert sich der 82-Jährige. Seine Mutter Maria habe sich schützend über den Kinderwagen gebeugt, in dem sein drei Monate alter Bruder Roland gelegen habe. An mehr kann sich Winter nicht erinnert. "Dann krachte die Decke herunter." Beißender Staub - überall.

Er überlebt. Kommt mit dem Schrecken und leichten Blessuren davon. Obwohl es nicht leicht gewesen sei, ihn aus den Trümmern zu befreien. Auch seine jüngere Schwester, die sich ein sicheres Plätzchen zwischen den Mostfässern gesucht hat und Bruder Roland im Kinderwagen kann der Volltreffer nichts anhaben. Doch Huberts Mutter stirbt mit 37 Jahren, direkt vor seinen Augen. Seine Großmutter und drei seiner Cousins werden ebenfalls Opfer des Luftangriffs. Acht Tote werden aus den Trümmern geborgen. "Alles ist zusammengebrochen, nur Teile der Wand, an der das Kruzifix hing, nicht", erzählt Winter.

Sie haben auf Passanten in den Straßen gefeuert.

Hubert Winter Zeitzeuge

"Mein Vater war am Boden zerstört, als er vom Feld heimkehrte, das Haus in Trümmern sah und vom Tod seiner Frau und den anderen erfuhr." Hubert Winter ringt um Fassung, ehe er weiterspricht. "Das war für mich ein schlimmer Schicksalsschlag." Im katholischen Schwesternhaus habe man die Toten aufgebahrt, beigesetzt habe man sie abends, wegen der Tieffliegerangriffe, in einem Sammelgrab auf dem katholischen Friedhof.

Hubert Winters Leben geht weiter. Nicht in Oberkochen, wo sein Vater mit seinen beiden Brüdern im Nachbarhaus unterkommt, sondern in Augsburg. Dort lebt sein Onkel – ein Pfarrer. Und seine "Dode", die Taufpatin. Sie führt dem Bruder den Haushalt. "Wie das damals so üblich war", sagt Winter. Weil das Pfarrhaus zerstört ist, sind sie in einer Wirtschaft einquartiert. "Auch Augsburg war immer wieder Ziel von Fliegerangriffen", erinnert sich Winter. Deshalb seien er und seine Schwester auch dort oft in den Keller gerannt, als die Sirenen heulten. Fünf Jahre lebt Winter in Augsburg, geht dort zur Schule.

Daheim heiratet Vater Eugen die Schwester seiner Frau. "Doch schon nach zwei Jahren ist Tante Agnes, eine geborene Brunnhuber, gestorben", erzählt er. Jene Tante, die mit dem Vater auf dem Feld war, als ihre beiden Söhne im Keller beim Fliegerangriff ums Leben kamen und deren Mann an der Ostfront gefallen ist. Das "Hergottshäfnerhaus", später das Gästehaus Winter, baut Eugen Winter wieder auf. Noch heute hängt dort das Kruzifix, das 2018 restauriert wurde.

1950 kehrt Hubert Winter zurück nach Oberkochen und beendet die Volksschule. "Bei der Firma Bäuerle habe ich eine Schlosserlehre absolviert", erzählt er, der in Augsburg bei den Benediktinern am Gymnasium war. Er hätte gerne studiert. Doch auch ohne Studium ist Winter beruflich erfolgreich. Er ist – mit zweieinhalb Jahren Unterbrechung bei Alfing – 20 Jahre lang "Zeissianer"; als Werkzeugmacher, technischer Zeichner, Konstrukteur und Leiter der gewerblich-technischen Ausbildung. Letzteres ist, wie er sagt, die hervorragende Basis für seinen weiteren Weg bis zur Pensionierung im Jahr 2000: als Leiter des IHK-Bildungszentrums in Aalen.

"Zwar ist der Krieg nun seit 75 Jahren vorüber. Der Abstand dazu wird immer länger, doch die Dinge bleiben gegenwärtig", sagt Hubert Winter über den Tag, der sein Leben komplett verändert hat.

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Das alte Herrgottshäfnerhaus, das Elternhaus von Hubert Winter, in der Heidenheimer Straße in Oberkochen in den 1920er Jahren. Beim Fliegerangriff 1945 blieben Teile der Wand mit dem Kruzifix stehen. Der Rest lag in Trümmern.
Der 82-jährige Hubert Winter erinnert sich an die letzten Kriegstage.

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