Charmant – mit und ohne Schere

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Stolz zeigt Helmut Hahn seinen alten Meisterbrief. In Oberkochen ist der Mann der Vereine seit Jahrzehnten eine Institution.

Helmut Hahn (90) – Oberkochener durch und durch – leitete mit seinem 2015 verstorbenen Bruder Erich 66 Jahre lang einen Friseursalon für Damen und Herren in der Lerchenstraße.

Oberkochen

Flott sitzt er da mit seinen 90 Lenzen. Immer an der Seite seiner "noch besseren Hälfte" Lotte (88) , die dem Helmut, wie er sagt, immer eine ganz große Stütze gewesen sei. Man spricht heute noch vom Friseur Hahn, die Kunden kamen längst nicht "nur" aus Oberkochen, sondern auch aus dem Umland. Ja, bis aus Königsbronn, Zang und Heidenheim.

Helmut Hahn ist ein Oberkochener Urgestein, dort geboren, im Backsteingebäude – dem Vorläufer der Dreißentalschule – acht Jahre in die Volksschule gegangen. Der Weg zum Friseur – immer Seite an Seite mit seinem Bruder Erich. Der wollte eigentlich zur Polizei, aber genau ein Zentimeter an Statur fehlte.

So folgte für Erich eine Lehre in Aalen beim Friseur Gregor Schnee am Bahnhof. "Ich habe zugeschaut und viel gelernt", sagt Helmut Hahn. So kam es, wie es kommen sollte, auch der Helmut absolvierte eine Friseur-Lehre bei Schnee. Fünf Jahre als Geselle folgten, bevor es an die Meisterschule nach Hamburg ging. Er wollte eben mal Großstadtluft schnuppern.

1954 bekam er mit dem "Diplom für Wasserwellen, Lockwell und Ondulation" in Verbindung mit dem Meisterbrief die Berechtigung, einen Betrieb zu führen. Klar, dass Bruder Erich mit der Meisterprüfung nachfolgte.

Als er in der Meisterschule Damen friseurtechnisch beglücken durfte, hätten die ihre Ohren mit Pflaster und Plastik zugeklebt, weil damals noch mit Ondulationseisen gearbeitet wurde, lacht Helmut Hahn schelmisch. Den Schalk im Nacken hatten er und sein Bruder im Salon in der Lerchenstraße, der von 1949 bis 2015 Bestand hatte. In den letzten Jahren war man etwas kürzer getreten.

Salon Hahn war viel mehr als "nur" Haareschneiden, Barbieren oder Dauerwelle. Hahn im Doppel war Kommunikation, Charme, Esprit und "die ganze Oberkochener Szene wurden durchgehechelt", blickt Helmut Hahn zurück.

Die Zeissianer kamen schnell in der Mittagspause vorbei, "P.X Fischer" war tagtäglich da, wegen der Unterhaltung und zum Kreuzworträtsel-Lösen, alle Bürgermeister durften sich schon "von den Hahns behandeln lassen." Der Salon lebte von seinen Stammkunden. Wer dorthin ging, wusste hinterher mehr, ohne den akkuraten Schnitt der beiden Handwerksmeister gering zu achten. Zwei echte Originale eben.

Von den herrlichen Salon-Geschichten zehre ich heute noch.

Helmut Hahn, Friseur-Meister i.R.

Unvergessen, als das Fernsehen über Nostalgie und Zeitgeschehen des Salons Hahn berichtete. Die Krönung folgte gleich nach dem ultimativ letzten Tag, als das gesamte Inventar von "Herrn Zopf‘s Friseur-Museum" in Neu-Ulm übernommen wurde. In allen Facetten lebt der Salon Hahn nun in Europas größtem Friseur-Museum weiter.

Ein Mann der Vereine

Vereine sind Helmut Hahn ganz wichtig. "Ein gutes Stück meines Lebens, Seite an Seite mit meiner Frau Lotte", habe er damit verbracht, sagt er: Seit 76 Jahren ist er im TSV Oberkochen, dem einstigen TVO. Dort war er Tourenwart, Trainer sowie Ski-Lehrwart. Er selbst war im Fußball, Handball und in der Leichtathletik aktiv.

Unvergessen sind für ihn die Ausflüge mit der Seniorengruppe, die er als Nachfolger von "Jombo" leitete. Ein Haudegen war er mit seiner Gattin als treuer Hüttendienstler bei den Älblern in jener Zeit, als Bruder Erich zusammen mit Hugo und Anneliese Neuhäuser den Hüttendienst organisierte. Lotte leitet heute noch Wanderungen der Senioren- und Frauengruppe. Hunderte von ehrenamtlichen Stunden leistete Helmut Hahn, als die Albvereinshütte 1974 abgebrannt war und binnen eines halben Jahres wieder aufgebaut wurde.

"Kolping darf ich nicht vergessen", sagt Helmut Hahn. Seit 67 Jahren ist er ein treuer Kolpingbruder, dort hat er die frühere Sportgruppe geleitet und die berühmten Wanderungen "ins Blaue." Nicht zu vergessen: Seit über 60 Jahren ist Helmut Hahn treuer Leser der Schwäbischen Post, die "jeden Tag beim Frühstück von vorne bis hinten und von hinten bis vorne gelesen wird", wie er versichert.

Zwei Dinge will er noch loswerden: Seine enge Bindung zur Friseur-Innung, jährlich ist er bei der Hauptversammlung Gast. Und jedes Jahr freut er sich auf den Altmeister-Ehrentag, "auf die tolle Stimmung" und den Altmeister-Chor in der Sängerhalle. Dieses Jahr machte Corona einen Strich durch die Rechnung.

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