Der Schlagg mit der schwarzen Träne

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Holm Roscher mit einem Bild, gemalt von Daniel Kilast, das einen "Schlagg mit schwarzer Träne" zeigt. Geschenkt haben es ihm die Kameraden vom Männerballett.

Holm Roscher wurde beim Busunglück der Narrenzunft am 10. Januar schwer verletzt. Seine Empfindungen nach dem tragischen Unfall und wie die Schlaggen damit umgehen.

Oberkochen

Ja, es geht mir zum Teil schon ganz gut. Ich kann wieder laufen, kurze Strecken schon ohne Krücken", sagt Holm Roscher, der Zunftmeister der Oberkochener Schlaggawäscher. Fröhlich sitzt der 49-Jährige am Tisch, auch wenn seine Mimik mitunter durblicken lässt, was er in den vergangenen vier Monaten durchgemacht hat. "Der Heilungsprozess schreitet langsam voran und ich hoffe, dass die Gehhilfen bald gänzlich der Vergangenheit angehören", sagt Roscher.

Am 10. Januar geschah das schlimme Busunglück. Der Busfahrer der Narrenzunft wurde dabei getötet. Zwei Schwerverletzte, Holm Roscher und sein Narrenkamerad Mathias Hahn, der Sohn von Sonja Hahn und Reiner Stadler. Allesamt langjährige Mitglieder der NZO. Vom Unfall selbst habe er nichts mitbekommen. Roscher erinnert sich daran, wie er auf einer Wiese gelegen habe und nach seinen Kindern und seinem Schwiegersohn gefragt habe. Reiner Stadler habe ihm versichert, dass diese "nur" leicht verletzt seien.

"Ich gab keine Ruhe und wollte sie sehen, dann war ich zufrieden und wurde von den Sanis weggebeamt", so die einzige Erinnerung. Holm Roscher wurde ins Ostalb-Klinikum eingeliefert und auf die Intensivstation gebracht, nach drei Tagen aus dem Koma geholt. Die linke Schulter und die linke Hüfte waren gebrochen. Über zwei Wochen lag er im Bundeswehr-Krankenhaus in Ulm, dem folgten sieben Wochen in der Ulmer Reha-Klinik. Zusammen mit Mathias Hahn. "Wir waren ein gutes Duo und haben uns gegenseitig motiviert", erinnert sich Holm Roscher, der von einer "bombastisch guten Betreuung in Ulm" spricht.

Täglich befindet sich Roscher jetzt in der ambulanten Reha in Aalen. Mit dem Taxi geht's dorthin und wieder zurück. Autofahren geht noch nicht. Längere Strecken ohne Gehhilfen sind noch nicht möglich. Etwas Sorgen bereitet ihm auch noch seine Schulter, ohne Schmerzmittel geht da noch nichts. Dass es mitunter im Genesungsprozess psychische Durchhänger gab, verhehlt Roscher nicht. Die Familie sei eine feste Stütze gewesen.

Holm Roscher ist "Wahl-Oberkochener", in Schlema im Erzgebirge geboren, in Freiberg aufgewachsen. Dort machte er auch eine Lehre als Industriemechaniker. Seit 30 Jahren ist Roscher als Fachkraft für Qualitätssicherung bei der SMT in Oberkochen. Dass er ein ausgewachsener "Schlagg" wurde, ist dem "Kuddel-Koch" Roland Hammer "geschuldet". Der hatte ihn animiert, sich doch mal einen Umzug anzuschauen. Dabei sprang der Funke über. Roscher ist begeisterter Straßenfastnachter. Seit 1996. Er ist einer, der gerne organisiert.

So war es auch 1999, als der erste Regionen-Auftakt der Region Oberschwaben-Donau in Oberkochen stattfand und Roscher im Orga-Team mit die Strippen zog. Das war der Türöffner für eine lange Schlaggen-Karriere. Holm Roscher wurde Gruppenleiter der Hamballe, war als Maskenmeister von 2002 bis 2012 im Präsidium und seit 2012 bis zum heutigen Tag ist der Zunftmeister.

Die NZO-Gemeinschaft war und ist stark.

Holm Roscher NZO-Zunftmeister

Einige Jahre lang war er als "Schlagg" auch Symbolfigur für die fünfte Jahreszeit. Lange Zeit habe der diesjährigen Umzugs wegen des Unglücks auf der Kippe gestanden. "Mathias und ich haben grünes Licht gegeben und das war eine gute Entscheidung", blickt Holm zurück. "Die NZO- Gemeinschaft war stark, sie ist stark und jetzt ist sie eine noch engere Gemeinschaft."

Von vielen WhatsApp-Kontakten berichtet er und auch von Telefonaten. Die Zuwendung sei groß gewesen. Und Roscher ist dankbar: "Meine größte Sorge war, dass ich nicht mehr laufen kann." Bei den ersten Schritten habe er vor Freude geweint.

Die Prunksitzungen in Oberkochen verfolgte er im Krankenhaus per Live-Stream. "Es ging mir richtig ans Herz, als meine lange Weggefährtin Gisela Neubauer den BdK-Orden in Silber überreicht bekam", so Roscher. Und als die Kameraden vom Männerballett ihm ein von Daniel Kilast gemaltes Bild schickten, das einen "Schlagg mit schwarzer Träne" zeigt, da sei der Freudenpuls schon hochgegangen.

Bei all dem überrascht es nicht, dass Roscher seine Frau Birgit beim Fasching kennengelernt hat. 2007 wurde in Kärnten geheiratet. Dort machen die Roschers gerne Urlaub und später auch ihren Lebensabend verbringen.

"Der allergrößte Dank gilt meiner Familie, allen voran meiner Birgit, die während der schweren Tage kaum von meiner Seite wich. Solch ein Unfall geht in der Tat in die Tiefe der Beziehung", bekennt Roscher. Sein Dank gilt aber auch der Vereinshilfe, als es um den Narrensprung in Oberkochen ging. Roscher nennt die beispielhafte Hilfe der Unterkochener Bärenfanger, des Musikvereins und der AH-Garde des TSV Oberkochen. Und als die Straßenfasneter ihn – ohne dass er es vorher wusste – in der Reha-Klinik besuchten, sei das ihm ans Herz gegangen. Roscher spürt schon wieder etwas "Narrenblut" für die nächste Kampagne. Im Sommer sind Wahlen, er wird sich als Zunftmeister wieder zur Verfügung stellen. Aber jetzt gilt es erst, in der Reha weiter fleißig zu trainieren, um die Beweglichkeit vollends zurückzugewinnen.

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