Die Heide und der zerplatzte Traum

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Hätte man die einstigen Pläne verwirklicht, wäre das Hochhaus auf der Oberkochener Heide kein Einzelfall geblieben.

Im Oberkochener Wohngebiet leben heute etwa 1900 Bürgerinnen und Bürger. Warum die Pläne einst ganz anders aussahen und nicht realisiert werden konnten.

Oberkochen

Wenn man die Straße ins Wohngebiet hochfährt, grüßt – quasi als Eingangstor – das Hochhaus. Wäre es nach Alt-Bürgermeister Gustav Bosch gegangen, dann stünden dort heute fünf Hochhäuser oder mehr und das Wohngebiet würde mindestens 10 000 Bürger*innen Platz bieten. Ja sogar von 13 000 Einwohnern wurde in den 1960er Jahren gesprochen. Alles ist anders gekommen. Heute spricht man – in die Vergangenheit zurückblickend – von einem zerplatzten Traum.

Die "Heide" ist ein typisches Beispiel für Glauben an stetiges Wachstum, aber sie ist auch Beispiel für einen Kraftakt, dessen Verwirklichung viele Jahre auf der Kippe gestanden hatte. Es war kräftezehrende Arbeit für den "Eisernen Gustav", die ihm, wie er damals zugab, "ziemlich an die Substanz ging".

Das frühere Dorf wird zur Stadt

Keine Frage, ohne "Heide" gäbe es keine "Stadt" Oberkochen. Die Heide war so was wie die Initialzündung, obwohl die hierfür erforderliche Zahl von 10 000 Einwohnern nie erreicht wurde. Dass dies mit der Entwicklung des neuen Stadtteils gelingen würde, daran zweifelte seinerzeit niemand.

Oberkochen erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg durch bedeutende Maschinen- und Werkzeughersteller eine rasante Entwicklung. Quasi das i-Tüpfelchen obendrauf war 1946 die Ansiedlung des Unternehmens Carl Zeiss. Der Glaube zur Stadt wurde zum Fakt erhoben. Zu den größten Herausforderungen zählte die Schaffung von ausreichend Wohnraum. Damals herrschte Wohnungsnot.

Bereits Ende der 1950er Jahre wurde deutlich, dass die Ausdehnungsmöglichkeiten im Tal nur marginal möglich sind. "Die Lösung liegt in der Ortserweiterung", sagte Alt-Bürgermeister Gustav Bosch damals im Gemeinderat. Die Alternativen lauteten Rodstein oder Heide als natürliche Plateaus am Albtrauf. Durch die Nähe am Hauptort erhielt die Heide den Zuschlag. Weiterer Bonus: Die Flächen befanden sich im Eigentum der Stadt. Zudem sah Bosch geringere Kosten beim Straßenbau. Offizieller Startschuss für die Erschließung des Wohngebiets Heide war im Dezember 1964.

Die Lösung liegt in der Ortserweiterung.

Gustav Bosch einstiger Bürgermeister

Die ursprünglichen Pläne sahen vor, auf circa 42 Hektar einen Siedlungskörper in verdichteter Bauweise für 5500 Einwohner zu schaffen. Im Jahr 1983, so die Schätzungen der damaligen Verwaltung, würde Oberkochen zwischen 12 000 und 13 000 Einwohner haben. 1964 hatte man sogar noch mit 16 500 Einwohnern gerechnet. Für die Versorgung mit Trinkwasser war ein Wasserturm vorgesehen, der nach den Vorstellungen von Gemeinderat und Verwaltung auch als Aussichtsturm genutzt werden sollte. Auch von einer Sternwarte war die Rede. Die wichtigste Frage aber war, wie das "Methusalem-Projekt" finanziell geschultert werden sollte.

Die Pläne für ein sogenanntes "Demonstrationsvorhaben" und der Förderung mit öffentlichen Mitteln scheiterten am Bundesministerium. Hintergrund war die nahende Wirtschaftskrise und der damit verbundene Druck auf den öffentlichen Haushalt. 1968 mutierte die Wirtschaftskrise zur Rezession. Das Innenministerium in Stuttgart stellte fest: "Solche Schlafstätten werden nicht gefördert." Wegen der "Satellitenlage" und der ungünstigen Verbindung wurde sogar von einer "Fehlplanung" gesprochen.

Ein Ideenwettbewerb

Bosch ließ nicht locker, ein städtebaulicher Ideenwettbewerb sollte die Realisierung auf kleinem Niveau bringen. 1970 beschloss der Gemeinderat, den Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" mit der inneren Erschließung zu beauftragen. Im selben Jahr wurde die Zufahrtsstraße zur Heide mit einer Länge von rund drei Kilometer fertiggestellt. Und die ersten Bauherren errichteten ihre Heime. Aber vieles von dem, was ursprünglich angedacht war, konnte nicht verwirklicht werden.

Heute könnte man sagen, "Gott sei Dank". Oberkochen wurde verschont von vielen Hochhäusern und verdichteten Wohnblöcken. Vielmehr dominieren aparte und wohnliche Einfamilien- und Reihenhäuser. Und auch der Wasserturm landete im Papierkorb. Von den ursprünglichen Plänen ist das Solitär-Hochhaus als "Entrée" zum Wohngebiet Heide geblieben. Symbol für das damalige Streben und den Glauben an fortwährendes Wachstum.

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