Dreht die Stadt Oberkochen dem Weltkonzern Zeiss das Gas ab?

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Oberkochens Bürgermeister Peter Traub spricht von gravierenden Folgen der Energiekrise in den nächsten Monaten und verteidigt, dass das Freizeitbad „aquafit“ geschlossen wird. Im langen, kalten Winter 2004/2005 habe man schon mal das Unternehmen Carl Zeiss aus der Gasversorgung genommen.
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Warum Oberkochen das Hallenbad „aquafit“ ab Montag, 12. September, geschlossen ist. Was das mit Schwimmkursen in Neresheim und dem Oberkochener Weltkonzern zu tun hat.

Oberkochen

Schwimmengehen im Oberkochener Hallenbad? Ab kommenden Montag, 12. September, ist das „aquafit“ geschlossen.  Das hat der Gemeinderat der Stadt so beschlossen, der Energiekrise wegen. „Das Hallenbad ist Oberkochens größter Energieverbraucher, das gilt sowohl fürs Gas als auch für den Strom“, erklärt Bürgermeister Peter Traub die Entscheidung. Traub spricht von einer bevorstehenden dramatischen Zeit und davon, dass auch Betrieben das Gas abgeschaltet werden müsse.

Die Badschließung hat allerdings auch Folgen. Schwimmunterricht und  Schulschwimmen müssen zeitgleich mit Beginn des neuen Schuljahres ausfallen. Dabei ist das Schwimmenlernen ein großes Thema, nicht erst seit Corona und der Energiekrise. Laut Statistik können immer weniger Kinder schwimmen – ein Sicherheitsrisiko.

Pessimismus bei Peter Traub

Doch Oberkochen will Prioritäten setzen. „Unser Bad ist alt, nicht umsonst bauen wir derzeit ein Neues“, sagt Bürgermeister Peter Traub. Der Oberkochener Schultes ist pessimistisch, was die Gasvorräte sowie die Versorgung von Bevölkerung und Industrie mit Energie im kommenden Winter anbelangt. „Die Speicherstände werden definitiv nicht ausreichen“, erklärt das Stadtoberhaupt. Es gelte, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören. Das Wirtschaftsministerium mit Minister Robert Habeck versichere, dass momentan  die Gasversorgung gesichert sei. „Jetzt ist Sommer und im Prinzip braucht nur die Industrie Gas“, betont Traub. Im Winter müssten sowohl die Industrie wie auch die bürgerlichen Haushalte mit Energie versorgt werden.  „Fachleute gehen sogar davon aus, dass selbst bei einem milden Winter die Gasvorräte dafür nicht reichen“, sagt der Schultes. Dann werde man Firmen abschalten.

Carl Zeiss das Gas abschalten?

Peter Traub blickt zurück. „Das wäre nicht das erste Mal“, sagt er. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe man das mehrfach praktiziert.  Etwa bei Carl Zeiss.  Im langen, kalten Winter 2004/2005 habe man das Unternehmen aus der Gasversorgung genommen. Wie das funktioniert? Traub erklärt es: mit sogenannten Abschaltverträgen. Die gebe es und dann sei eine solche Abschaltung auch rechtskräftig. „Das muss man vorher ankündigen“, versichert Traub und fügt an, dass dem Oberkochener Konzern als Alternativ-Energie zu Gas ausreichend Öl zur Verfügung stehe.

Bad und Beleuchtung

„Im Vergleich zur Vergangenheit haben wir jetzt eine ganz andere Situation, es drohen bundesweit Versorgungsengpässe“, sagt Traub. Das Oberkochener Stadtoberhaupt spricht dabei auch von Notfallmaßnahmen, damit die Gasversorgung bei einem langen, kalten Winter nicht kollabiere. „Schon jetzt haben das Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur uns dazu aufgefordert, entsprechend Maßnahmen zu ergreifen“, erläutert Traub den Hintergrund der Hallenbad-Schließung. Es reiche nicht, energieeffiziente LED-Lampen an Gebäuden abzuschalten. Da brauche es ein deutliches Einsparpotenzial und keine Symbolpolitik. Dennoch schalte Oberkochen nicht nur die Straßenbeleuchtung ab, sondern auch symbolisch die Beleuchtung der Rathausfassade sowie die von Stadtbibliothek, der Kirche und die der Neuen Mitte.

Badschließung abgestimmt?

„Die Schließung des 'aquafits' haben wir nicht nur im Gemeinderat diskutiert, sondern auch mit den Schulleitern und dem Schwimmverein abgestimmt“, versichert Traub. Den Schulleitern sei im Gespräch wichtig gewesen, Schulschließungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass alle Räume in den Schulgebäuden entsprechend der Vorgabe von 19 Grad Celsius geheizt werden.

Schwimmkurse in Neresheim?

Auf die Frage nach Schwimmverein und -kursen verweist Traub auf den Neubau. Indessen bestätigt der Neresheimer Bürgermeister Thomas Häfele, dass der Oberkochener Schwimmverein bei der Stadt Neresheim angefragt habe, ob nicht  das Hallenbad in puncto Schwimmkurse in die Bresche springen könnte. „Wir schließen unser Bad nicht“, sagt Häfele. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie mit all ihren Folgen dürfe man jetzt nicht erneut Einrichtungen wie das Hallenbad schließen. Das Lehrschwimmbecken sei wichtig für Schüler und Kindergartenkinder. „Ich fürchte, es wird eine Generation von Nichtschwimmern geben, wenn den Vereinen die Bäder jetzt wieder nicht zur Verfügung stehen.“, so Häfele. Er wolle nicht einsehen, dass es bei Krisen immer die Schwächsten, also die Kinder, treffen solle. Doch leistet Neresheim keinen Einsparbeitrag? „Wir verzichten auf den Warmbadetag und senken die Temperatur um 2 Grad ab“, erklärt der Schultes.

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Oberkochens Bürgermeister Peter Traub spricht von gravierenden Folgen der Energiekrise in den nächsten Monaten und verteidigt, dass das Freizeitbad „aquafit“ geschlossen wird. Das hat Folgen. Der Schwimmverein muss sich neue Trainingsmöglichkeiten in der näheren Umgebung suchen. Nichtschwimmerkurse sind abgesagt. Symbolfoto: Oliver Giers

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