Vom Bauerndorf zur Industriestadt

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Ludwig Burghard im Garten seines Hauses in Oberkochen.

 Ludwig Burghard (73) hat die Entwicklung Oberkochens in den vergangenen Jahrzehnten hautnah erlebt. So manches Schmankerl hat er parat.

Oberkochen

Vorneweg, das Allerwichtigste, ich liebe meine Heimatstadt“, sagt Ludwig Burghard. Seine Sicht auf die Stadt ist Lebensgeschichte, hautnah erlebt. In knappen wie in guten Zeiten.

In „Oberkochen-Dorf“ ist er geboren, ging im Dreißental zur Schule, machte eine Lehre als Industriekaufmann bei WIGO. Nach der Zwischenstation bei der Firma Bäuerle arbeitete er 35 Jahre lang bei als Außendienstler im Vertrieb.

„Als ich geboren wurde, war Oberkochen noch ein Bauerndorf mit ein wenig Industrie“, sagt Burghard. In der Katzenbachstraße vor fast jedem Haus eine Miste, die Straßen kaum geteert, stark landwirtschaftlich geprägt. „Die Milch haben wir Kinder in der Molke geholt“, fügt Burghard hinzu.

Die Stadt hat sich ganz hervorragend entwickelt.“

Ludwig Burghard Oberkochener

In der „Kinderschule“ und später auch in der Schule habe er jene Zeit erlebt, als die ersten Flüchtlinge nach Oberkochen kamen. Jeden Tag habe es Integration hautnah gegeben: Es gab eine Verpflichtung zur Flüchtlingsaufnahme, der Wohnraum war knapp in Oberkochen.

„Man ist gut miteinander ausgekommen, man hat auf engem Raum gelebt und die Unterkunft geteilt“, erinnert er sich. Integrationsprobleme habe es gar nicht gegeben, als viele Kinder aus Jena mit ihren Familien zu Zeiss nach Oberkochen übergesiedelt waren. „Ja, mal hier eine „Jenapfeife“, dort „ein Schwobaseckl“, mehr nicht, eher kameradschaftlich.

21 Jahre lang haben die Burghards im Schulhaus im Dreißental gewohnt, der Vater war dort Hausmeister. „Ja, es war eine andere Zeit, da herrschte Zucht und Ordnung, geschadet hat es mir nicht“, stellt er fest: Getrennte Mädchen- und Bubenklassen während der achtjährigen Volksschulzeit, Hosenspanner und Tatzen mit dem „Meerröhrle“ gehörten zum Schulalltag, im Kindergarten gab´s mit dem Handfeger auf den Allerwertesten. Man habe Respekt gehabt vor den Lehrern. „Ich war schon gottfroh, wenn das die Lehrer nicht meinem Vater gepetzt haben“, lacht Burghard.

„Den Firmen Platz geben“

Schnell kommt Burghard im Gespräch aufs Aktuelle. Er könne und wolle nicht verstehen, dass jetzt gegen Hensoldt und das neue Gewerbegebiet gewettert werde. Er spricht die große Zeit der Holzbearbeitung an, der nach deren Rückgang der Zeiss-Boom folgte und das Unternehmen freie Räume bei Leitz händeringend suchte und bekam. „Wir müssen technologische Veränderungen akzeptieren und ein Bürgermeister tue genau das Richtige, dem zweitgrößten Arbeitgeber in Oberkochen jetzt Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. „Wer weiß, ob Zeiss nach der Wende hierhergekommen wäre, wenn hier kein Platz für sie gewesen wäre“, unterstreicht Burghard.

„Die Stadt hat sich hervorragend entwickelt“, fügt Burghard hinzu. Er lebe gerne hier. Luft nach oben bestehe im Einzelhandel, eine Drogerie, vielleicht auch der eine oder andere Facharzt wäre vonnöten. Die Leerstände in der Innenstadt angehen, vielleicht auch eine Verkehrsberuhigung.

Stammtisch, VfB und Narren

„Ganz überragend“ nennt er das Schul- und Bildungsangebot. „Alles da, für den Einjährigen in der Windel bis zum Abi“.

„LB“ schaut aber auch mit Argusaugen auf den notwendigen Erhalt. „Mit 5000 Einwohnern wäre das nicht mehr möglich, also aufpassen, dass es keinen Rückgang gibt“, mahnt er. Das Thema Baugebiete sei schon ein vordergründiges.

Drei Dinge, die ihm am Herzen liegen, „will und darf ich nicht unterschlagen“, sprudelt es aus Burghards Mund. Da ist zum einen der „Sonntags-Stammtisch im Pflug“. Bunt gemischt in Alter, Beruf und Herkunft, keine biederen Stammtisch-Parolen, muntere Geselligkeit bei Gastwirt Rudolf Fischer. „Ein Unikat, locker und luftig, jeder schätzt den anderen“, sagt Burghard.

Eine tolle Einrichtung sei der „VfB-Bundesliga-Tipp“ mit Ein-Euro-Einsatz zu Ehren von Rudi Fischer, dem eingefleischten Fan des Stuttgarter Bundesliga-Clubs. Immer wenn die Kasse gut gefüllt ist, serviere Rudi einen leckeren Rostbraten.

Da ist die Narrenzunft, die dem Gründungsmitglied so sehr am Herzen liegt. Zusammen mit seinem Freund Reinhold Bahmann, auch Oberkochener Urgestein und jetzt in Syrgenstein lebend, dichtet Burghard seit der Gründung der Schlaggawäscher anno 1973 zur Beerdigung der Fastnacht eine „Schnitzelbank.“

Inoffizieller Sauna-Club

Schließlich ist Burghard seit fast drei Jahrzehnten Mitglied des inoffiziellen Sauna-Clubs im „aquafit.“ Eine verschworene Truppe bei „Körperschwitz“ und einer Runde Bier zwischendrin zum Kraft tanken. Dass es in ein paar Jahren im neuen Freizeitbad eine „Nobel-Sauna“ gibt, freue ihn natürlich. Leider müsse man dort aufs obligate Bierchen verzichten.

Schließlich gibt er all jenen, die in Oberkochen „nicht selten als Besserwisser fungieren“, Ratschlag und Bitte mit auf den Weg: „Gemeinschaft pflegen, den Weg in die Zukunft konstruktiv und miteinander gehen.“

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