Im Homeschooling ständig unter Druck lernen

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Im Homeschooling fühlt sich Paula Lohau wie in einem Großraumbüro: ständig mit einem Lärmpegel im Hintergrund. Aber nicht nur deshalb fällt ihr das Lernen daheim schwer.

Paula Lohau ist Schülerin der Klasse 9c am Ernst-Abbe-Gymnasium in Oberkochen. Sie beschreibt, was sie im Unterricht zuhause erlebt.

Oberkochen

Schülerstress im Homeschooling – darüber hat Paula Lohau eine Reportage für die SchwäPo geschrieben. Paula ist Schülerin der Klasse 9c am EAG (Ernst-Abbe-Gymnasium) in Oberkochen. Die Klasse hat sich mit ihrer Lehrerin Ulrike Birkhold am SchwäPo-Projekt „Zeitung in der Schule“ (ZiS) beteiligt

Was Neuntklässlerin Paula im Homeschooling erlebt

Wir sind zu Hause bei mir. Das Esszimmer gleicht einem Büro, in dem drei Personen gleichzeitig arbeiten. Der Stressfaktor ist groß, da man alle Gespräche und sonstige Geräusche des „Kollegen“ mithört. Auch stören die Hintergrundgeräusche in Onlinekonferenzen, wenn Teilnehmer ihr Mikrofon angeschaltet haben und nicht allein im Raum sind.

Aus diesem Grund trage ich Kopfhörer bzw. Ohrstöpsel. Einerseits hilft es mir, mich auf den Unterricht zu konzentrieren, andererseits kann man sich nicht eine Minute – wie im Präsenzunterricht – ausblenden, da die Worte unmittelbar ins Ohr gelangen. Ich höre viel intensiver zu, auch wenn gerade nur eine Frage geklärt wird, die mich gar nicht betrifft.

Vorm Bildschirm zu sitzen fordert viel Konzentration, was zu Ermüdung führt. Bereits nach zwei Stunden habe ich eigentlich genug. Die Zeit kriecht langsam wie eine Schnecke dahin. Ob ich mich einfach ausloggen soll? Gerade wird zum dritten Mal die gleiche Frage beantwortet. Aber ich könnte ja etwas verpassen, also bleibe ich bis zum Schluss dabei.

Schaffe ich alles? Habe ich auch nichts vergessen?“

Paula Lohau, Neuntklässlerin im Homeschooling

Stillaufgaben zum Genießen

Danach stehen mir noch drei weitere Schulstunden mit Videokonferenzen bevor. Hierzu rufe ich Moodle auf. Dabei handelt es sich um das in Baden-Württemberg genutzte Schulprogramm, über das wiederum das Programm Big Blue Button (BBB) als Konferenzprogramm läuft. Nicht alle Lehrer halten den Unterricht komplett über BBB ab. Zum Glück werden in einigen Stunden nur am Ende die Ergebnisse verglichen. Daher genieße ich die Stillaufgaben zwischendurch, denn da kann ich mein eigenes Tempo durchziehen.

Jedes Mal, wenn das Netz zwischenzeitlich zusammenbricht, habe ich Angst, dass ich etwas verpassen könnte und gerate deshalb in leichte Panik. Manchen Schülerinnen und Schülern passiert es dann, dass sie über einen WhatsApp–Videochat bei einer Freundin oder einem Freund an der Videokonferenz in BBB teilnehmen müssen, was sehr umständlich ist und aufgrund der schlechten Übertragung noch mehr die Konzentration fordert.

Abgeschmiert wie ein Albatros

Oft ist unklar, ob die Lehrer es überhaupt mitbekommen, dass man gerade wieder wie ein Albatros abgeschmiert ist. Wenn sie im Vollbildschirm-Modus sind, sehen sie nur ihre Präsentation und konzentrieren sich darauf. So gehen Wortmeldungen auch oft schon einmal unter und ich möchte ja nicht ständig reinrufen.

Als Krönung kommen noch die fehlenden Pausen, da man sich in den Pausen schon für das nächste Fach sortieren, alles zurechtlegen muss und gar nicht richtig abschalten kann. Mal kurz rausgehen ist nicht drin, die Zeit reicht gerade noch für die Toilette oder einen kleinen Snack. Umso ärgerlicher ist dann, wenn der Lehrer sagt, dass er sich mal eben etwas zu trinken holen muss. Dies sollten auch die Lehrer in den Pausen erledigen.

Die Texte der Nebenfächer, vor allen Dingen Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religion und Wirtschaft, machen mir zu schaffen, da diese schwer zu erarbeiten sind und nicht nur einzelne Fremdwörter vorkommen. Es sind Texte, die für Erwachsene gemacht sind. Daraus folgt mehrfaches Lesen, Internetrecherche und Fragen bei den Eltern. Das alles nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Für die eigentlichen Aufgaben ist am Ende kaum noch Zeit und somit sind sie Hausaufgabe. Dieser Druck verstärkt sich noch dadurch, dass man das Gefühl hat, die Lehrer wollen allen Stoff durchkriegen, den sie im Präsenzunterricht durchziehen würden.

Die ständigen Fragen: „Schaffe ich alles? Habe ich auch nichts vergessen“ bauen Druck auf. Diese Fragen gehen mir immer wieder durch den Kopf und verfolgen mich bis ins Bett, da ich die nicht erledigten Aufgaben dann am nächsten Tag noch machen muss und sie sich Stück für Stück wie eine immer höher werdende Mauer vor mir auftürmen. Ungeklärt ist für mich, ob es meine Note beeinflusst, wenn ich etwas auslasse.

Natürlich sagen die Lehrer: „Hör‘ auf, wenn Du nicht mehr kannst!“ und zeigen sich einfühlsam. Natürlich wissen sie, dass wir genau so einen Stress haben, wie sie selbst.

Natürlich weiß ich, dass die Beiträge aus dem Homeschooling nur im Rahmen der mündlichen Note als kleiner Teil mitgewertet werden dürfen. Trotzdem kann ich das Gefühl nicht einfach ausblenden. Denn wenn das Homeschooling so lange Zeit andauert, dann stellt sich mir natürlich die Frage, ob in den Köpfen der Lehrer nicht ein Bild entsteht, das die Notengebung unter Umständen mehr beeinflusst, als es eigentlich soll. Zudem frustriert dann nach all der Mühe zu hören, dass die Arbeit aus dem Homeschooling kaum bewertet und das Klassenarbeitsrelevante ohnehin noch einmal im Präsenzunterricht wiederholt werden muss.

Schon jetzt ist klar, dass ich mich – wie nach dem letzten Lockdown – im Präsenzunterricht langweilen werde, weil ich den Stoff schon kenne. Und dennoch bleibe ich lieber dran, denn keiner kann sagen, ob der Unterricht überhaupt jemals wieder so laufen wird, wie wir ihn gewohnt waren. Ich möchte nicht, dass mir später irgendetwas fehlt und ich dann unter Umständen Probleme beim Abitur bekommen werden. Also beiße ich die Zähne zusammen und bleibe dran. Tag für Tag für Tag.

Schade ist, dass man keine Einschätzungsmöglichkeit der Mitschülerinnen und Mitschüler hat und nicht weiß, wie viel die anderen aus der Klasse so tun. Hin und wieder mal eine private Videokonferenz ersetzt einfach nicht den täglichen Austausch und die gegenseitige Hilfe.

Nachmittags will meine Familie rausgehen. „Ich muss noch Hausaufgaben machen“, sage ich, doch meine Mutter meint, dass ich bereits die letzten beiden Tage nicht an der frischen Luft war und es reicht. Ich lasse den Stift fallen. Aber jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil mir morgen die Aufgaben fehlen werden.

Das SchwäPo-Projekt „Zeitung in der Schule“ (ZiS)

Aalen. Das Projekt „Zeitung in der Schule“ (ZiS) wird es auch im Schuljahr 2021/22 geben. Die Angebote:
Lehrerinnen und Lehrer der Klassenstufen 3 bis 11 aller Schulzweige erhalten medienpädagogische Unterrichtsmaterialien und Tipps aus der Redaktion der Schwäbischen Post.
Bis zu sechs Wochen lang bekommen die Klassen die SchwäPo als Print- oder als E-Paper-Ausgabe.
Auf Wunsch kommt eine Redakteurin oder ein Redakteur in den Unterricht.
Die Projektklasse kann die Druckerei DHO der SchwäPo in Crailsheim besuchen.
Wer möchte, kann für die SchwäPo schreiben.

Ihre ZiS-Anmeldung ist jederzeit während eines Schuljahres möglich unter der Adresse www.schwaebische-post.de/leserangebote/zeitung-in-der-schule/ oder per E-Mail an b.abele@sdz-medien.de cow

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