Mit 95 so fit wie ein Turnschuh

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Blandina Gentner hat ihr Haus in der Weingartenstraße verkauft und wohnt völlig selbstständig in einer kleinen Neubauwohnung. An diesem Mittwoch wird die Jubilarin 95 Jahre alt.
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Blandina Gentner feiert an diesem Mittwoch ihren 95. Geburtstag. Ihr Blick auf Oberkochen-Dorf und Oberkochen-Stadt aus der Perspektive eines prall gefüllten Lebens.

Oberkochen

Nein, langweilig ist mir nie, ich nehme noch gerne am öffentlichen Leben teil“, sagt Blandina Gentner. Wie eine Siebzigerin sitzt sie dem Reporter gegenüber und „ist ganz aufgeregt“, was er wohl alles von ihr wissen will. Blandina Gentner ist eine echte Oberkochenerin, in der Kirchstraße (heute Aalener Straße) geboren und in einer Großfamilie mit 16 Kindern aufgewachsen. Zwei Schwestern leben noch.

„Eine glückliche Jugend in nicht einfacher Zeit“, blickt sie zurück und fügt gleich hinzu: „Ich bin meinen Eltern heute noch für ein harmonisches und segensreiches Zuhause dankbar.“

Beim „Herrgottshäfner“

Sie besuchte die Volksschule und absolvierte das damals obligate Pflichtjahr beim „Herrgottshäfner Winter“ in der Landwirtschaft. Eine Lehre beim Unternehmen Adolf Bäuerle schloss sich an, dort arbeitete sie 15 Jahre lang als Buchhalterin, dann war Familienplanung angesagt.

1955 heiratete sie Eugen Gentner. Aus der Ehe erwuchsen zwei Söhne und eine Tochter, der Gatte starb im Jahre 2005.

Viel zu erzählen hat die Jubilarin, vom zweiten Weltkrieg mit der Bombardierung in Oberkochen. „Es gab auch Tote und wir hatten Angst vor den Fliegerangriffen“, erzählt sie. In der Volkmarsbergstraße war eine Flak-Stellung der Luftabwehr installiert. Frauen mussten zum Reichsarbeitsdienst, Blandina war freigestellt, weil sie bei einem Rüstungsbetrieb beschäftigt war. Bei der Firma Fritz Leitz war die Zentrale für die Meldung von Fliegerangriffen. „Da musste ich auch abends nach Feierabend Dienst machen“, sagt sie.

Schlimm sei die Mobilmachung gewesen. Blandina Gentner kommen Tränen in die Augen. Einer ihrer Brüder und zwei Schwiegersöhne sind im Krieg gefallen. Der Glaube an Gott und tägliches Beten hätten ihr geholfen. „Mein fester Glaube war für mich Lebenshilfe“, sagt sie. Das habe sie im Elternhaus gelernt und dies begleite sie noch heute. Dankbarkeit spricht aus ihren Worten.

Auch dafür, dass sie mit Oberkochen-Dorf und Oberkochen-Stadt quasi zwei Welten erleben durfte. „Es ist einfach toll, was aus meiner Heimatstadt geworden ist“, stellt Blandina Gentner fest.

Dass sie sozial engagiert war, weiß man in Oberkochen. Ausgangspunkt war ihr geliebter Gatte Eugen, der bis 1948 in Gefangenschaft weilte, aber immer offen für Völkerverständigung war. Die Gentners nahmen in ihrem Haus in der Weingartenstraße einen französischen Gast auf. „Zeichen der Völkerverständigung zu setzen, war unser gemeinsames Anliegen“, blickt die Jubilarin zurück. Studenten aus Südafrika lernten Familie und die deutsche Kultur bei den Gentners kennen. Offene Türen waren selbstverständlich.

Immer offene Türen

„Das war für mich als Mensch gewinnbringend“, stellt die Ehrenämtlerin fest, die Gründungsmitglied ist beim Verein für Städtepartnerschaften und Mitglied im Heimatverein ist. Die Türen blieben auch offen, wenn bei Stadtfesten Gäste Unterkunft suchten oder Praktikanten aus der Partnerstadt Dives-sur-mer Einzug hielten. „Es gab nie ein Problem, es war immer ein gemeinsames Geben und Nehmen“, stellt die Jubilarin fest.

Ja, und dann gibt es da noch die Sopranistin Blandina Gentner, die sage und schreibe 70 Jahre lang im katholischen Kirchenchor gesungen hat und im vergangenen Jahr von Chorvorstand Klaus Müller geehrt wurde.

Das Haus in der Weingartenstraße hat sie verkauft, Blandina Gentner wohnt jetzt – völlig autark – in einer kleinen, aber gemütlichen Neubauwohnung in der Bahnhofstraße. „Ich lebe noch total selbstständig und das ist ein Segen“, sagt sie beim Abschied.

Mein fester Glaube war für mich Lebenshilfe.“

Blandina Gentner

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