Wo Specht und Bienen zuhause sind

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Unterhalb des Rodsteins soll das Gewerbegebiet Oberkochen Süd III entstehen. Dann müssen die Wiesen und Hecken einer Bebauung weichen. Acht Hektar werden sich verändern, für eine vier Hektar große durch die Firma Hensoldt bebaute Fläche.
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Oberkochen plant ein Gewerbegebiet auf dem Areal am Fuß des Rodsteins. Was das bedeutet, erläutert Dr. Martin Fanenbruck. Wer will, kann ihn am Sonntag, 27. Juni, dorthin begleiten.

Oberkochen

Am Hang unterhalb des Rodsteins soll das neue Gewerbegebiet Oberkochen Süd III entstehen. „Acht Hektar misst das Areal, das dazu benötigt wird – eine Fläche, die biologisch wertvoll ist“, sagt Dr. Martin Fanenbruck. Der Biologe erläutert bei einer Feldbegehung die Details, warum die Fläche so bleiben soll, wie sie ist.

Die Sonne scheint an diesem Vormittag. Ein Teil der Wiesen ist bereits gemäht. „Bedauerlich“, meint der engagierte Biologe. „Sonst hätten Sie noch viel mehr gesehen von der Vielfalt, die diese Fläche auszeichnet.“ Es sei ihm ein Anliegen, deutlich zu machen, was verloren gehe, wenn an dieser Stelle Oberkochens ein Gewerbegebiet entsteht. Der Gemeinderat hat das Vorhaben bereits auf den Weg gebracht und einen Vorentwurf verabschiedet. Jetzt geht es am Montag im Gemeinderat weiter – mit der Vergabe der Ingenieurleistungen von knapp einer halben Million Euro.

Doch was spricht laut Fanenbruck gegen eine Bebauung?

„Deutlich erkennbar sind die Hecken und Feldgehölze, die sich wie ein Band entlang der B 19 im oberen Kochertal ziehen“, macht der Biologe auf den regionalen Grünzug aufmerksam. Die Bänderstruktur – aus fünf bis sechs Reihen von Hecken und alten Obstbäumen im Wechsel mit Wiesen – bilde einen Korridor. „In diesem seien die einzelnen, ökologisch wertvollen Inseln vernetzt. Denn dazwischen befinden sich Mähwiesen. „Diese kennzeichnen eine hohe Artenvielfalt“, sagt Fanenbruck über diese drei Hektar große Fläche, die teilweise FFH-Status besitze. Gerade Hecken und Wiesen verhindern, dass Siedlungs- und Industrieflächen zusammenwachsen und Barrieren für Tiere entstehen.

Worin besteht der besondere Wert des Areals? Der besondere Wert der Mähwiesen sei über viele Jahre entstanden, weil sie extensiv bewirtschaftet und nur zweimal im Jahr gemäht werden. Die Mahd werde als Heu entnommen. Dadurch entstehe eine nährstoffarme, Fläche. „Auf dieser erhalten seltenere Pflanzen einen Standortvorteil“, erklärt Fanenbruck. Etwa gegenüber schnellwachsenden Arten wie Löwenzahn. Fanenbruck sagt, dass dort 50 verschiedene typische Wiesenpflanzenarten gezählt werden. „Mit jeder einzelnen Pflanzenart stehen mindestens jeweils zehn Insektenarten direkt oder indirekt im Zusammenhang. Die 500 verschiedene Insektenarten seien Nahrung für Kleinsäuger, Reptilien und Vögel.

Im Zusammenhang mit den Hecken und Feldgehölzen nennt Fanenbruck Singvögel, Wildbienen und diverse im Holz bohrenden Insekten. „Letztere sind Nahrungsquelle für Singvögel und Spechte“, sagt der Biologe. Singvögel wie die Mönchsgrasmücke oder die seltenere Dorngrasmücke brauchen jeweils etwa einen halben Hektar Feld. So leben, laut Fanenbruck, auf dem Areal sieben bis acht Singvogelarten mit jeweils zwei bis drei Brutpaaren. Diese umzusiedeln funktioniere nicht. „Die verschwinden einfach, wie alles andere auch, wenn wir das Gebiet überbauen“.

Unterschiedliche Interpretation

Wie Verwaltung und Parteien auf einen Brief reagieren.

In einem Brief an die Gemeinderäte schreiben die Grünen, dass das Gewerbegebiet vom Regierungspräsidium (RP) „als nicht genehmigungsfähig gewertet“ werde. Weshalb sie die Gemeinderäte bitten, in der Sitzung am Montag der entsprechenden Vorlage nicht zuzustimmen.

Bürgermeister Peter Traub sowie die Stadtverbände von SPD und CDU, die Fraktionssprecher von SPD, CDU und Freien Wählern widersprechen der Grünen-Erklärung in einer Stellungnahme. In dem Schreiben heißt es: „Zutreffend ist, dass das RP einen sogenannten Zielkonflikt zwischen dem Bebauungsplan der Stadt und dem Regionalplan sieht, weil sich im Bebauungsplangebiet ein sogenannter regionaler Grünzug befindet.“ Das RP habe die Genehmigungsfähigkeit des geplanten Gewerbegebiets 'Oberkochen Süd III' aber noch gar nicht prüfen können. Dieser Zielkonflikt könne nur durch ein sogenanntes Zielabweichungsverfahren gelöst werden. Das RP weise in seinem Schreiben an den Ortsverband der Grünen darauf hin, dass ein solches Verfahren auf der Grundlage vorliegender Planunterlagen nicht möglich sei. Die Stadt habe den nötigen Antrag für das Verfahren noch nicht gestellt. Damit fehle dem RP die Entscheidungsgrundlage. Traub rechnet mit entsprechenden Ratsbeschlüssen und einem Antrag noch vor der Sommerpause.

Auf Nachfrage räumt die Ortsverbandsvorsitzende der Grünen, Adelinde Pfistner, Abstimmungsmängel innerhalb des Grünen-Ortsverbands ein. „Uns geht es vor allem darum, hohe Ausgaben zu verhindern, bis das endgültige Ergebnis des RPs vorliegt.“aki

Diese Mähwiesen kennzeichnen eine hohe Artenvielfalt.“

Dr. Martin Fanenbruck, Biologe

Gemeinderat, eine Petition und eine Führung

Die Oberkochener Stadträte haben sich bereits mehrheitlich – ohne die Zustimmung der Grünen – für einen Vorentwurf für das Gewerbegebiet Oberkochen Süd ausgesprochen. In der Sitzung am Montag, 28. Juni, 18.30 Uhr, geht es erneut um das Thema. Die Stadtverwaltung will weitere Planungsarbeiten in Höhe von 466 000 Euro vergeben.

Mit einer Petition hat Adelinde Pfistner, Vorstandsmitglied der Oberkochener Grünen, eine Online-Petition gestartet. Momentan haben knapp 1000 Personen diese Petition unterzeichnet, die sich an Bürgermeister Peter Traub richtet und gegen „den Flächenfraß vor unserer Haustür“. Ziel dieser Petition ist es laut den Grünen, „stadtnahe, sensible Mähwiesen und Grünflächen als Lebensraum für Ameisenstädte, Zauneidechsen und Fledermäuse zu erhalten“.

Führung auf dem Areal unterhalb des Rodsteins: Der Ortsverband der Grünen Oberkochen lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger zur naturkundlichen Führung im geplanten Gewerbegebiet Oberkochen Süd III unterhalb des Rodsteins mit Biologe Dr. Martin Fanenbruck ein. Die Führung startet am kommenden Sonntag, 27. Juni, um 11 Uhr am Oberkochener Bahnhof und dauert circa zwei Stunden. aki

Auf dem Areal finden viele verschiedene Tiere Lebensraum.
Feldbegehung mit dem Biologen Dr. Martin Fanenbruck (l.), der Bundestagsabgeordneten Margit Stumpp und dem Kreisrat Karl Bux.
Da krabbelts im Kescher.
Martin Fanenbruck ist erfolgreich.
Leckere Pollen.
Eine Blindschleiche.
Martin Fanenbruck in der Wiese.
Da krabbelts.
Ein Käfer im Gras.

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