Zeiss: Rückblick auf dramatische Tage

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Pressekonferenz im Jenaer Volkshaus – von rechts: Dr. Gattner, Geschäftsführer von Zeiss-Jena; Manfred Berger, Marketing- und Pressechef von Zeiss Oberkochen; Dr. Horst Skoludek, Vorstands-sprecher von Carl Zeiss Oberkochen, was er insgesamt 22 Jahr
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175 Jahre Zeiss – 77 Wissenschaftler legten in Oberkochen die Basis für die Aufarbeitung der Firmenhistorie aus lokaler Sicht.

Aalen/Oberkochen.

Ganze 175 Jahre Zeiss. Ein stolzes Jubiläum des weltweit führenden Hightech-Unternehmens, das - wie der Bundespräsident betonte - Ost und West miteinander verbindet. Diese Zeitung hat aus diesem Anlass eine viel beachtete Sonderbeilage herausgebracht. Denn nicht nur die Zeissianer, sondern die ganze Ostalb hat von dem grandiosen Aufschwung dieser Weltfirma profitiert.

Aber im Auf und Ab der bewegten Vergangenheit von Zeiss spiegelt sich auch die wechselvolle Geschichte unseres Landes. Deshalb ein Blick zurück.

Basis für Wiedererstarken

Wer legte die Basis für das Wiedererstarken von Zeiss in Oberkochen? 77 führende Wissenschaftler und Ingenieure. Die hatten die Amerikaner 1945 aus dem von ihnen besetzten Thüringern samt ihrer Familien in den Westen mitgenommen. Zunächst nach Aalen. dann nach Heidenheim, später nach Oberkochen. Einer von denen bekannte später: „So paradox wie es klingen mag: Es war unser Vorteil, dass wir keinerlei Unterlagen mitnehmen durften. So waren wir genötigt, allein auf unser Kopfwissen angewiesen zu ein. Mit Bleistiften hielten wir auf Papier fest, was wir alles neu überdacht hatten. Und so kamen wir zu völlig neuen Ergebnissen.“

Alle, die vor über 40 Jahren dabei waren, werden die dramatischen Stunden im Konferenzsaal des Jenaer Volkshauses nicht vergessen. Ernst Abbe hatte dieses Gebäude 1903 „als Stätte der Begegnung“ und Haus zum „Frohwerden“ als Teil der Carl-Zeiss-Stiftung erbauen lassen.

Die SchwäPo berichtete damals - ein Auszug:

„Anlass zum Frohsein gibt indessen dieser 22. November 1990 nicht, so richtungweisend er auch sein mag. Noch nie zuvor ist bei Zeiss eine Pressekonferenz auf ein so starkes Interesse gestoßen war. Nationale und internationale Presseagenturen, Radio- und Fernsehstationen sind vertreten.“

Am Vorstandstisch hat man sich dennoch “froh“ gegeben. Die Optikunternehmen und Glashersteller aus Oberkochen, Mainz und Jena wollen „zusammenwachsen lassen, was zusammen gehört“. Das heißt: über einen Kooperationsvertrag drängen sie alle vier wieder unter das gemeinsame Dach der Carl-Zeiss-Stiftung.

Indessen: Was sich so hoffnungsvoll anhörte, hatte eine ganz dunkle Kehrseite: die Zeiss-Betriebe in Jena mussten im Verein mit der Treuhand zuerst saniert werden. Und das bedeutete: ab Mitte 1991 wurden rund 20 000 von noch 30 000 Arbeitsplätzen abgebaut. Im 110 000 Einwohner zählenden Jena drohte nahezu jedem Haushalt das Gespenst der Arbeitslosigkeit.

Zwar hoffte man, einen bestimmten Teil der Belegschaft in Ausgründungen auffangen zu können, wie dies bereits mit weiteren 30 000 Mitarbeitern geschehen war (das Zeiss-Vorzeigekombinat Jena zählte vor dem Fall der Mauer über 60 000 Leute) – dennoch blieben viele Zeissianer in Jena auf der Strecke, zumal Mittel für Sozialpläne fehlten. Zeiss-Jena, das nach planwirtschaftlicher Rechnung früher 30 Prozent vom Umsatz als Gewinn an die Staatskasse abführen musste, war es nach Mitteilung von Hauptgeschäftsführer Dr. Gattner nicht möglich, Rücklagen zu bilden.

Entsprechend explosiv war die von Angst und Empörung genährte Stimmung in Jena. Schon am Vortag war es vor dem Werkstor zu einer Protestkundgebung gekommen, weil kein Konzept für den Erhalt und die Schaffung neuer Arbeitsplätze vorlag.

In der Pressekonferenz, zu der wieder Demonstranten drängten, wurden vom Bündnis 90 und den Grünen Flugblätter mit Forderungen nach Investitions- und Strukturprogrammen verteilt. Unter der Belegschaft wurde gegen Bonzentum und Seilschaften gewettert, wobei auch der Name Dr. Gattners fiel.

Die Jenaer sprachen von einem „typischen Beispiel, wie mit Betrieben in den neuen Bundesländern umgegangen wird“ und waren besonders verbittert, weil Hilfe aus dem Westen ausblieb. „Wo“, so fragte einer, „sollen auch schon Neuansiedlungen herkommen, wenn nicht mal das Heidenheimer Schwesterunternehmen (gemeint ist Zeiss-Oberkochen) zur Solidarität bereit ist?“ Er wertete Dr. Skoludeks Aussage, wonach kein Stiftungskapital aus Oberkochen für Sozialpläne eingesetzt werde, als blanken Zynismus und orakelte gar: „Will uns der große Bruder fressen, um etwa einen unliebsamen Konkurrenten vom Halse zu schaffen?“

Andererseits regte sich „drüben“ auch Schadensfreude. So gönnte ein Hallenser den Jenaern durchaus diesen Niedergang, „weil die schon immer etwas Besseres sein wollten“. In der Tat galten ja auch die dortigen Zeiss-Werke als wirtschaftliches Aushängeschild der DDR.

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