Anja Bihlmaier: Eine Dirigentin erzählt

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Die Dirigentin Anja Bihlmaier, gebürtige Abtsgmünderin, dirigiert erstmals das SWR Symphonieorchester.
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Die in Abtsgmünd geborene 43-Jährige ist auf der ganzen Welt gefragt. Am Mittwoch, 16. März, hat sie in der Liederhalle ein Heimspiel. Im Interview spricht sie über die Liebe zu ihrem Beruf.

Aalen

Für die Dirigentin Anja Bihlmaier ist es ein Heimspiel. Denn obwohl die aus Abtsgmünd stammende Dirigentin auf der ganzen Welt große Orchester leitet, ist sie am Mittwoch, 16. März, bei einem Konzert in Stuttgart doch erstmals dabei so nah wie nie zuvor an ihrer Heimat. Bihlmaier lebt in Den Haag, wo die 43-Jährige Chefdirigentin des Residentie Orkest ist. In der Landeshauptstadt wird sie das SWR Symphonieorchester leiten. In der Liederhalle. An dem Ort, wo sie schon als Kind Konzerte hörte. Wie sie es aus dem Zuschauerraum ans Dirigentenpult geschafft hat, wie herausfordernd dieser Weg ist, warum sie ihren Beruf so leidenschaftlich liebt - darüber spricht sie im Interview mit Dagmar Oltersdorf.

Frau Bihlmaier, es ist jetzt 10 Uhr. Wann beginnt ihr Arbeitstag?

Anja Bihlmaier: Meist um 8 Uhr. Da setze ich mich an die Partituren, arbeite mit den Noten, um 10 Uhr geht meist die Probe mit dem Orchester los. Aktuell bereite ich die nächsten Wochen vor, dazu kommen Interviews, Besprechungen und mein ganz normaler Alltag. Innerhalb von vier Wochen bin ich meist nur drei bis fünf Tage zuhause. Da muss man sich auch mal um Papierkram kümmern oder um die Blumen, die diesmal Blattläuse bekommen haben. Meist arbeite ich spät bis Mitternacht, dafür mache ich mittags eine längere Siesta.

Sie stammen aus Abtsgmünd und haben sich in einer Männerdomäne einen Platz erarbeitet. Wie schwer war das in der Rückschau?

Als ich in Freiburg mein Studium angefangen habe, war ich die einzige Studentin. Es gab keine Kommilitoninnen. Aber egal, ob man Frau oder Mann ist - man braucht eben immer nur einen am Dirigentenpult. Die Konkurrenz ist riesig, Menschen aus der ganzen Welt kommen nach Europa und Deutschland, weil sie hier den Beruf ausüben wollen. Nirgends ist die Orchesterdichte größer. Da ist es nicht leicht, überhaupt eine Einladung zum Vordirigieren zu bekommen.

Wie sieht so ein Bewerbungsverfahren für eine Kapellmeisterstelle aus?

Zunächst schickt man ein Video ein, das einen bei einem Dirigat zeigt. Dann werden bis zu 15 für eine Orchesterprobe eingeladen. Davon kommen dann zwei bis drei weiter, die eine Vorstellung dirigieren dürfen ohne Vorabprobe. Man kennt das Orchester nicht, ebenso wenig die Sängerinnen und Sänger. Anhand dessen entscheidet sich, wer die Stelle bekommt. Das ist gnadenlos, denn als junge Dirigentin hat man ja kaum Erfahrung, man hat kein Orchester, mit dem man üben könnte. Es fehlt einem quasi das Instrument zum Üben. Dirigieren ist nonverbale Kommunikation, das Orchester als Kollektiv reagiert auf das, was man zeigt. Die Technik muss also sitzen, das Dirigat muss sehr deutlich sein, denn der Abstand vom Orchester zu den Solistinnen auf der Bühne ist groß, zudem sitzen die Musikerinnen und Musiker weit auseinander im Orchestergraben.

Braucht man noch mehr als die Technik?

Man braucht eine Begabung und gute Nerven, um auszuhalten, wenn etwas „schief“ und auseinander geht. Dann stellt sich die Frage, wie man die Situation löst. Das Handwerk muss dann einfach sitzen und das Dirigat klar sein, um alle wieder zusammenzubringen. Sonst fährt das gemeinsame Musizieren an die Wand. Man muss sowohl mental als auch körperlich fit sein, wie ein Sportler. In jeder Sekunde sind ganz viele Entscheidungen zu treffen. Was mache ich beispielsweise, wenn die Flöte nicht mehr hinterherkommt. Wie fange ich sie ein? Das lernt man nur mit Erfahrung.

Wann wussten Sie, dass Sie genau das machen möchten?

Am KGW hatte ich Werner Unfried als Lehrer, der mein Talent früh entdeckte. Als Oberstufenschülerin durfte ich einen Chor und Orchester mit Fünftklässlern dirigieren. Ich habe zu der Zeit Klavier und Geige gespielt, war musikbegeistert, aber danach war dann klar: da ist mein Platz. Ich wusste zu der Zeit noch nicht, dass man Dirigieren überhaupt studieren kann.

Macht Sie Ihr Beruf glücklich?

Ich genieße es, die Musik und die Ideen einer Partitur zu gestalten, gemeinsam mit den Musikern die Geheimnisse einer Partitur herauszuarbeiten. Dabei die Stärken der einzelnen Musiker und ihre individuellen Energien zu bündeln, um die Musik fürs Publikum intensiv erlebbar zu machen und eine möglichst berührende Begegnung mit dem Stück zu haben. Dann ist es der schönste Job der Welt. Nichts kann diesen gemeinsamen Moment bei Livekonzerten ersetzen.

Dirigieren heute mehr Frauen als zu Ihren Anfangszeiten?

Es sind mittlerweile schon mehr. In Skandinavien ist das überhaupt kein Thema, da würde man diese Frage gar nicht stellen. In Schweden wurde vor einigen Jahren beispielsweise eine Quote eingeführt.

Das Konzert in Stuttgart ist fast ein Heimspiel. Wie fühlt sich das an?

Ich habe bislang nur ein einziges Mal in Baden-Württemberg als Gast dirigiert, aber noch nie in der Liederhalle. Darauf freue ich mich sehr, denn als Kind war ich öfters dort. Und nun kommen meine Eltern und einige Verwandte und Freunde ins Konzert.

Werden Sie, wenn Sie im Ländle sind, Zeit für einen kurzen Abstecher nach Abtsgmünd haben?

Nein, leider gar nicht, denn ich muss sofort weiter, weil ich am Donnerstag schon wieder eine Probe in Spanien habe.

Das klingt nach viel Jetlag. Was tun Sie dagegen?

Einfach schlafen, wenn ich müde bin und Zeit habe.

Zeit - haben Sie die auch, um all die Orte kennenzulernen, an denen sie dirigieren?

Ich versuche es. In Trondheim war ich Skifahren, in Kalifornien beim Hiking, an der Nordküste in Spanien habe ich einen Surfkurs gemacht, in Schweden habe ich Elche gesehen. Man probt ja nicht den ganzen Tag. In meiner Freizeit vor Ort genieße ich die Natur. Ich liebe Begegnungen mit Menschen und anderen Kulturen. Neben dem Residentie Orkest in Den Haag leite ich ein Orchester in Finnland, das Sinfonia Lahti.

Was zeichnet das SWR Symphonieorchester aus?

Es ist ein Weltklasseorchester, mit dem man auf höchstem Niveau zusammenarbeiten kann, und die Stücke bis ins Detail ausleuchten kann.

Was steht auf dem Programm?

Das Thema ist Ungarn. Zunächst das Stück „Ramifications“ von Ligeti. Das Werk ist eine Art 3D-Gemälde bestehend aus mehreren harmonischen Klangschichten, die mikropolyphon miteinander verwoben werden – verglichen mit heutigen Kompositionen, ist es immer noch wahnsinnig aktuell und hochmodern. Dann das „Movement“ von Kurtág, ein Komponist, der viel zu wenig programmiert wird und der eine sehr präzise komponierte, aufregende Musik geschrieben hat. In diesem Fall mit Solo-Bratsche. Das Stück ist emotional und leidenschaftlich. Zuletzt Kodálys „Tänze aus Galánta“. Hierbei wurden Volkslieder der Sinti und Roma verarbeitet. Das Werk an sich ist eine Erzählung – anspruchsvoll, virtuos und farbenreich. Insgesamt also ein sehr bunt gefächertes Programm, das das Publikum sicherlich fordert. Aber am Ende begeistern wird.

Konzert: Mittwoch, 16. März, 13 Uhr, in der Liederhalle Stuttgart. Moderation: Kerstin Gebel. Tickets ab 14 Euro unter www.swr.de/swrclassic/symphonieorchester/veranstaltung

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