Geschichten von Gut und Böse

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Mit Eröffnung der Frankfurter Buchmesse beginnt die Lesezeit. Die Redakteurinnen und Redakteure der Schwäbischen Post und Gmünder Tagespost haben in ihren Regalen gestöbert und ihre Lieblingsbücher herausgesucht. Hier ihre Tipps für den Leseherbst.

Besondere Vater-Tochter-Beziehung

Jan Weiler: Der Markisenmann, Heyne-Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Jan Weiler kann witzig - wie in „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, er kann melancholisch – wie in seinen „Kühn“-Büchern, und nun auch Vater-Tochter-Genre: „Der Markisenmann“, Weilers jüngstes Buch, handelt von einer besonderen Vater-Tochter-Beziehung. Die 15-jährige Kim, Schulschwänzerin und Gelegenheitsdiebin, wird von ihrer Patchworkfamilie in den großen Ferien zu ihrem Vater abgeschoben, den sie noch nie gesehen hat. Der ist unbeholfen, schrullig, vor allem aber der erfolgloseste Vertreter aller Haustürgeschäfte. Bis Kim beschließt, mit ihm Klinken zu putzen, um seine 3406 Markisen im 70-er-Jahre-Design in Braun-Orange an den Mann zu bringen. Ihre Tour durchs Ruhrgebiet wird der Aufbruch in eine Reise zu lange gehüteten Familiengeheimnissen, die in der DDR wurzeln. Ein Buch, so skurril wie sentimental, zu Tränen rührend vor allem in den letzten beiden Kapiteln - einfach gelungen. Bea Wiese

Jan Weiler: Der Markisenmann. Heyne Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Cover Räuberleben Lukas Hartmann

Intensive Wirkung ohne Romantik

Sie mögen keine historischen Romane? Auch, wer diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet, kann dieses Buch von Lukas Hartmann getrost auf seine Lektüreliste setzen. Es ist spannend und entfaltet eine intensive Wirkung - ohne jegliche Romantik. Denn der Schweizer Autor nimmt seine Leser mit in eine Zeit, die sich in der heutigen Gesellschaft kaum einer vorstellen kann. Und trotzdem gibt es Parallelen zu heute. Gut recherchiert,  erzählt der Autor aus der Sicht des sensiblen Schreibers Wilhelm Grau von der Jagd des Oberamtmanns Jacob Schäffer auf den gefürchteten Räuber Hannikel und dessen Sippe.  Herausgekommen ist dabei ein beeindruckend realistischer Blick auf die Landesgeschichte, ein Bild der Zeit, kurz bevor die Französische Revolution auch in Süddeutschland Wirkung zeigt.  Faszinierend und erschütternd. Anke Schwörer-Haag  

Lukas Hartmann: Räuberleben. Diogenes, 346 Seiten, 13 Euro

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Selbstzerstörerische Geschichte

Es kann nicht gut ausgehen, das ist schnell klar bei Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Es ist die Geschichte von vier Männern und ihrer in der Collegezeit beginnenden Freundschaft. Und dabei ist es vor allem Judes Geschichte, obwohl der so wenig von sich preis gibt. Seine nicht zu verbergenden körperlichen Qualen lassen lange die Freunde und die Lesenden nur stückchenweise erahnen, welche seelischen Abgründe sein Leben bestimmen. Dabei lebt er den amerikanischen Traum - vom Waisenjungen zum erfolgreichen, gut situierten Topanwalt in New York. Er erfährt von vielen Seiten wohlwollende, fürsorgliche, elterliche und seine Grenzen respektierende Freundschaft und schafft es sogar, sich auf eine Beziehung einzulassen. Doch dass sein Trauma, verursacht durch schwere Misshandlungen und Missbrauch in Kindheit und Jugend, die Oberhand behalten wird, ist allgegenwärtig. Yanagihara reißt einen hinein in diese selbstzerstörerische Geschichte, indem sie die Freunde  so greifbar und einnehmend beschreibt, so viele Hoffnungs-Köder auswirft, dass man sich, wie Jude, immer wieder aufs Neue davon überzeugen muss, dass es kein gutes Ende geben kann. Anja Müller

HanyaYanagihara: Ein wenig Leben. Piper, 960 Seiten, 18 Euro

Wir alle sind Widerlinge von Santiago Lorenzo

Anarchisch, spanisch, gut

Spanien ist Buchmesse-Gastland – und das hier ist spanischer Humor porexcelencia. Wie man ihn kennt aus den Filmen von Alex de la Iglesia, den Clever&Smart-Comics und natürlich dem „Don Quijote“: Jenem 400-jährigen Klassiker ähnelt Lorenzos moderner Schelmenroman auch im Tonfall, selbst in deutscher Übersetzung. Lorenzo erzählt vom handwerklich begabten, aber unbeliebten Manuel, der vor einem Missgeschick mit der Polizei aus Madrid in ein komplett verlassenes Bergdorf flieht. Dort richtet sich der 25-Jährige als genügsamer Robinson ein, bis plötzlich neureiche Banausen das Nachbargrundstück als Wochenendhaus beziehen: konsumfreudig, lärmend, primitiv. Manuel muss sich verstecken und beschließt, das Haus der widerlichen Nachbarn kreativ und gehässig zu sabotieren. Voller Wortspiele und -schöpfungen. Anarchisch, spanisch, gut. Bernhard Hampp

Santiago Lorenzo: Wir alle sind Widerlinge. Heyne, 240 Seiten, 20 Euro

„Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez

Einzelne Schicksale unter dem Brennglas

Es ist ganz sicher kein Buch für Zwischendurch:  „Hundert Jahre Einsamkeit“  von Gabriel García Márquezist ein Epos, für das man Zeit und Muße braucht. Erzählt wird - über mehrere Generationen hinweg - die manchmal komische, aber meistens doch eher traurig-tragische Geschichte der Familie Buendía. Wortgewaltig werden die einzelnen Schicksale unters Brennglas genommen, wobei im Mittelpunkt Aureliano Buendía steht, der als Oberst der Revolutionsarmee in den Bürgerkriegswirren mit 17 Frauen 17 Söhne zeugt, die alle den Namen Aureliano tragen werden. Und nein, das sind nicht die einzigen Namensdoppelungen in diesem wunderbar geschriebenen Roman, in dem man als Leser oft zurückblättern muss, um nochmals nachzuschlagen, mit wem man es jetzt gerade wieder zu tun hat – was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut. Versprochen! Zumal es mittlerweile auch tolle Lesehilfen gibt: Weil das Buch so viele Fans hat, kann man den Familienstammbaum der Familie Buendía zwischenzeitlich nicht nur bei Wikipedia nachlesen, man kann ihn sich auch als Wandposter bestellen – damit behält immer den Überblick. Alexandra Rimkus

Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit. Fischer-Taschenbuch, 528 Seiten, 13 Euro

Bonnie Tsui: Warum wir schwimmen

Unterhaltsam und faszinierend

Wenn Sachbuch, dann so. Zugegeben: Wer nicht gern schwimmt, wird nicht unbedingt gleich Bravo schreien, wenn er diesen Titel liest. Aber auch für Schwimmmuffel dürfte das Buch der amerikanischen Journalistin sicherlich ungemein spannend sein. Bonnie  Tsui hält zwar nicht damit hinter dem Berg, dass der Mensch schon ziemlich waghalsig ist, wenn er sich schwimmend ins offene Meer oder ins Eiswasser begibt. Was ihn aber nicht davon abhält. Quallen am Shelley Beach in Australien, Schwimmen in Richtung Alcatraz und zurück bei 14 Grad Wassertemperatur, Schwimmkurse im Pool eines Palastes im Irak, der einst Sadam Hussein gehörte, Samureikämpfer, die sich in  voller Rüstung lautlos im Wasser bewegen, ein Besuch beim "Seehund-Mann" Gudlaugur Fridthorsson in Island - die Autorin schreibt über Traditionen, Rekorde, Wagnisse und die Faszination des Schwimmens, die es überall auf der Welt gibt. Gegliedert ist das Buch in fünf Bereiche: Überleben, Wohlbefinden, Gemeinschaft,  Wettkampf und Flow. Zu finden sind darin lehrreiche, unterhaltsame und faszinierende Geschichten, die man nie vergisst. Versprochen. Dagmar Oltersdorf

Bonnie Tsui: Warum wir schwimmen. Harper Collins, 319 Seiten, 22 Euro 

Stephen King, "Billy Summers"

Kings andere Seite

Billy ist ein Auftragskiller, der gerade seinen nächsten Job vorbereitet. In einer für King typischen Manier nimmt sich der Autor viel Zeit dafür, scheinbar banale Dinge ausführlich zu beschreiben, das Sonderbare aber einfach hinzunehmen. Es dauert knapp die Hälfte des Romans, bis das Tempo anzieht. Bezeichnenderweise ist erst dann der Auftragsmord – dessen Tat eher eine Nebensächlichkeit darstellt – erledigt. Dann entfaltet sich eine faszinierende Tiefe. Billy Summers ist nicht nur Killer und Kriegsveteran, sondern auch selbst ein Autor, der seine Geschichte in einem Roman im Roman erzählt. Kein (OK, kaum) Horror, keine übernatürlichen Wesen, sondern die Autobiografie eines ungewöhnlichen Helden ist dieser jüngste Stephen-King-Roman. Stellt man den Inhalt auf eine andere Ebene, so erinnert der Erzählstil eher an eine Art innere Selbstreflexion über das Schreiben an sich und die altbekannte Frage von Gut und Böse. Empfehlenswert für alle, die Stephen King gern lesen und ihn einmal in dieser lebendigen, komplexen und vielschichtigen Geschichte von einer anderen Seite erleben wollen. Tobias Dambacher

Stephen King: Billy Summers. Heyne, Taschenbuch, 736 Seiten, 14 Euro

Malla Nun: Ein schöner Ort zum Sterben.

Fesselnder Krimi

Ich mag ja gern solche Thriller, in denen Politik eine Rolle spielt. Auch interessiere ich mich für die jüngere Geschichte im Süden von Afrika. Daher liebe ich die Romane von Malla Nunn, in denen Detective Sergeant Emmanuel Cooper ermittelt. „Ein schöner Ort zum Sterben“, so heißt der Titel des ersten Cooper-Krimis von Mala Nunn. Er spielt im Südafrika des Jahres 1952, zu einer Zeit also, in der die Rassegesetze des Apartheid-Regimes den Alltag der Menschen bestimmen. Cooper soll in einer burischen Kleinstadt einen Polizistenmord aufklären. Doch Dünkel, Rassismus und politische Ränke erschweren die Wahrheitsfindung – und bringen den Detective selbst in große Gefahr. Gut, dass Zulu-Constable Shabalala und der alte Arzt Zweigman Cooper unterstützen.

Mala Nunn schreibt klar, klug und in großen Bildern. Sie schafft es, die Zeit der Segregation und der Unterdrückung in all ihren Facetten abzubilden – und nebenher einen ungemein fesselnden Krimi mit einem Helden zu liefern, von dem man mehr lesen möchte. Jürgen Steck 

Mala Nunn: Ein schöner Ort zum Sterben. Argument-Verlag, 406 Seiten, 15 Euro

Lektionen

Spiel mit dem Guten und dem Bösen

Allen Ernstes: Ich empfehle Ihnen ein Buch, das ich noch nicht zu Ende gelesen habe. Das liegt daran, dass ich seit 1992 fast jeden Roman des britischen Schriftstellers Ian McEwan gelesen habe. Ich mag sein fortwährendes Spiel mit dem Guten und dem Bösen. Wie in "Schwarze Hunde", einem meiner liebsten Bücher überhaupt. Ich mag seine Art zu erzählen. Und ich mag, wie er weltgeschichtliche Ereignisse in das Leben seiner Charaktere hineinholt. Wie er zeigt, wie ein Ereignis, die Terroranschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 zum Beispiel, sich im Leben eines Individuums finden. Dieses Leben beeinflussen. McEwans Roman "Saturday" erzählt davon. In "Lektionen", vor wenigen Tagen erst erschienen,  baut McEwan dieses Thema aus. Die Ereignisse, die in das Lebens seines Protagonisten Roland Baines hineinspielen, reichen von der Kuba-Krise über Tschernobyl und 9/11 bis zur Corona-Pandemie. Als Kind begegnet er einer Frau, seiner Klavierlehrerin, die ihn gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Als erwachsener Mann verlässt ihn seine Frau und überlässt ihm das gemeinsame Kind. Baines beginnt, die Rastlosigkeit seines Lebens zu ergründen. Die ersten 100 Seiten waren so gut, dass sie viel für die weiteren 620 versprechen. Michael Länge

Ian McEwan: Lektionen.  Diogenes-Verlag, 720 Seiten, 32 Euro

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