Bunte Bilderwelt des Barock

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Jan Nigges und Freunde in Gschwend.
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„Jan Nigges mit Friends“ beim Musikwinter in Gschwend. Publikum ist nach Konzertabstinenz hocherfreut.

Gschwend. Selbst kritische Beobachter wurden bei der Neuauflage des Konzerts in der Evangelischen Kirche in Gschwend davon überzeugt, dass sich die notgedrungene Warteschleife des abgesagten Konzertes aus 2021 im Nachhinein als hilfreiches Verzögerungsgeschenk entpuppte. Jan Nigges (Alt-Barockflöte) konnte zusammen mit Di-Manuele Breda (1. Violine), Judith von der Goltz (2. Violine), Shu Yuan Cheng (Viola) Julia Nilsen-Savage (Violoncello) und Kadra Dreizehnter (Cembalo) ein fulminantes musikalisches Feuerwerk produzieren, das nach längerer Konzertabstinenz bei den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern wahre Begeisterungsstürme auslöste.

Nigges brachte als informierender Moderator bei den Kompositionen von Telemann (Ouvertüre a-moll TWA 55:a2 und Sonate C-Dur TWV 41: C5) das bekannte Klischee vom „Vielschreiber“ ins Gespräch, aber die mit der Programmzusammenstellung geschickt erzeugte Spiegelung an Johann Adolf Hasses B-Dur-Flötenkantate und dem F-Dur Konzert für Blockflöte und Orchester von Johann Friedrich Fasch machte deutlich, dass Telemann (1681 bis 1767) zu seiner Zeit ein stilistisch versierter Tausendsassa war. Die Mixtur aus französischen und polnischen Stilelementen in der siebenteiligen Ouvertüre war im Hinblick auf diese Erfahrung ein überzeugender Beleg.

Barocke Musikerfahrung

Der Einsatz von historisch nachempfundenen Instrumenten (Blockflöte in barocker Griffweise, Cembalo, Streichinstrumente mit Darmsaiten, Violoncello als stachellose Kniegeige) sorgte dafür, dass das Ensemble sich ständig am schmalen Grat akkurater Stimmung bewegen musste. Oft entglitt das harmonische Klangbild innerhalb weniger Minuten aus dem idealen Tongerüst und ließ die erstaunten Zuhörerinnen und Zuhörer dann bei leicht verschwommener Klangbildung erahnen, was barocke Musikerfahrung einst gewesen sein muss.

Als versierter Solist und pädagogisch motivierter Ansager glänzte Jan Nigges in einer einzigartigen Doppelrolle. Um Dialoge mit dem Publikum bemüht („Kennt jemand Hasse?“), gelang es ihm das zusammen mit den Ensemblemitgliedern spielend.

Als Flötist kann Nigges ohne Einschränkung als Spitzenmusiker bezeichnet werden. Sei es bei rasend schnellen Läufen in windungsreichen Tongirlanden oder bei langatmigen Phrasierungen in behäbigen Adagio-Passagen: Alles klang unangestrengt, dennoch mit stabiler Stütze und scheinbar spielerisch leicht. Selten wurde die bunte musikalische Bilderwelt des Barock derart mitreißend präsentiert.

⋌Rainer Kollmer

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