Dada mischt die Steuern auf

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Fiskus Landestheater Tübingen
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Dass Geschichten aus dem Finanzamt pfiffig erzählt werden können, zeigt das LTT Tübingen im Gmünder Stadtgarten.

Schwäbisch Gmünd

Ein Theaterstück namens „Der Fiskus“? Das klinge extrem öde, meint eine Kollegin. Okay, die Steuererklärung ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Doch sie geht uns alle an, weil niemand am Finanzamt vorbeikommt. Mit der Geburt erhält jeder eine Steuernummer – Superreiche, Mittelschicht und „kleiner Mann“, sie alle müssen sich dem Finanzamt stellen. Oder, wie es Dramaturg Thomas Gipfel bei der Einführung am Donnerstagabend im Gmünder Stadtgarten skizziert: Die Welt der Steuerhinterzieher und die Welt der Solidarität, die unser Zusammenleben erst ermöglicht, treffen aufeinander – guter Theaterstoff also?

In der Inszenierung des Landestheaters Tübingen auf jeden Fall, zumal das Sujet sprachlich sehr kunstvoll aufbereitet ist. Die Stuttgarter Autorin Felicia Zeller hat sich der Materie angenommen und einen ganz eigenen Sound entwickelt: Sätze werden nicht zu Ende geführt und immer wieder in leicht abgewandelter Form wiederholt, was an dadaistische Gedichte erinnert. Es ist wie ein Kreisen um einen Stoff, der sich immer wieder entzieht.

So wird die Sprache zum Sinnbild der Cum-Ex-Skandale, Steuerbetrügereien, die den Staat um Milliarden gebracht haben. Kapitalertragssteuer wurden rückerstattet, die – das ist das Kriminelle an der Sache – nie bezahlt wurden. Für den Laien ist das genaue Prozedere schwer zu durchdringen. Doch mit dem Theaterstück „Der Fiskus“ gelingt es der Autorin, die Geschichte so zu erzählen, dass klar wird, in welchen Milieus der Betrug ausgedacht wurde, wer ihn gedeckt hat und wie große Anwaltskanzleien damit beschäftigt waren, die Sache am Laufen zu halten.

Täglicher Wahnsinn

Im Mikrokosmos Finanzamt gibt es neben den ganz großen Fischen auch den ganz normalen täglichen Wahnsinn. Konfus ausgefüllte Formulare, angetackerte Belege, die niemand eingefordert hat, und Beamten, die aber auch wirklich alles von der Steuer absetzen wollen. Die Mitarbeiter müssen sich als „Existenzvernichter“ beschimpfen lassen, wo sie sich doch ihr ganzes Leben der Steuergerechtigkeit gewidmet haben, wie die langjährige Finanzbeamtin Bea Mtinnen am Ende resigniert sagt.

Stimmig sind die Outfits und Frisuren der Schauspieler (Susanne Weckerle, Jennifer Kornprobst, Hannah Jaitner, Julia Staufer und Jürgen Herold), die, passend zur Sprache, etwas Artifizielles in das graue Büroambiente bringen. Die Truppe überzeugt durch eine starke Bühnenpräsenz, die sich auch mal in den Zuschauerraum verlagert, und die Inszenierung (Regie Marlene Anna Schäfer) durch Drive und Pfiffigkeit. Öde sieht anders aus.

Fiskus Landestheater Tübingen
Fiskus Landestheater Tübingen

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