Das Haus der vergessenen Gitarren

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Bei einer Session auf dem Sofa unterhalten sich Claudius Zott und Kolja Bannasch über das Projekt „Worm Hole“. Foto: opo
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Kolja Bannasch hat in einem baufälligen Haus Hunderte verrottete Gitarrenbodies und -hälse entdeckt und das Projekt „Wormhole“ gegründet, bei dem die Instrumente nun restauriert werden.

Aalen

Einen wahren Schatz hat Kolja Bannasch gehoben – und verschenkt. Der Mann ist leidenschaftlicher Musiker. Viele hier kennen ihn noch als Gitarristen der Band „Life’n‘nature“. Inzwischen lebt und arbeitet er in München als Teamleiter Wirtschaftliche Jugendhilfe bei der Landeshauptstadt. Nun hat er eine tolle Geschichte aufgetan.

Über Beziehungen erhielt Kolja Bannasch Zugang zu einem verlassenen, einsturzgefährdeten Haus in Franken. Ein „Lost Place“ - und was für einer. Er holte sich die Genehmigung und durchstöberte das Haus. Wo das Gemäuer (noch) steht, darf er nicht verraten, das war Bedingungen der Gemeinde.

Gruselfaktor inklusive

„Wenn man in das Haus geht, umfängt einen der typische morbide Charme alter Gemäuer – ein gewisser Gruselfaktor inklusive“, sagt er. Das Haus sei einst ein Wirtshaus gewesen. Es gebe dort einen uralten, etwa 100 Meter langen Eiskeller - in den nackten Fels gehauen. „Bei jeder Biegung kam das Gefühl auf: Was erwartet uns um die Ecke?“ Uns, weil Kolja seinen alten Kumpel, den Ellwanger Musiker Claudius Zott, mitgenommen hatte.

„Eine gehörige Portion Nervenkitzel war dabei, als wir uns durch die Berge an gestapeltem Holz, Möbeln und Schutt arbeiteten. In einigen Räumen sind die Decken runter- oder der Boden durchgebrochen. Als wir die Treppe ins Obergeschoß hoch sind, krachte ein loser Holzbalken genau zwischen Claudius und mir auf den Boden. Glück gehabt“, erzählt er. Und was für ein Glück, denn da lagen sie: Hunderte Gitarrenbodies und -hälse.

Eldorado und Elefantenfriedhof

„Der erste Eindruck war schiere Ungläubigkeit. Für einen, der sich viel mit Gitarren befasst, war das fast ein Eldorado“, erinnert sich Bannasch. Fast, denn die Euphorie wich schnell leichter Melancholie. „All diese Gitarrenbodies waren in kleinen Schreinereien in mühevoller Handarbeit gebaut worden, und nun lagen sie hier rum, dem Untergang geweiht. Die sicher rund 1.000 Gitarrenhälse waren durch Wurmbefall verloren. Der Raum erinnerte irgendwie an einen Elefantenfriedhof. Traurig.“

Kolja Bannasch hat recherchiert. „Nach meinen Informationen hat die Gitarrenteile dort ein inzwischen verstorbener Geigenbauer gelagert, um sie irgendwann zu verarbeiten oder am Ort ein kleines Instrumenten-Museum zu eröffnen. Dazu kam es jedoch nicht.“

Die Teile waren in einem schlechten Zustand. Es gab gravierende Bearbeitungsmängel. „Vermutlich waren sie Ausschuss aus der Produktion von Rohlingen durch die vielen Heimwerker, die die deutsche Instrumentenbau-Industrie belieferten. Zudem waren die Rohlinge vom Holzwurm befallen. Dennoch waren sie viel zu schade, um sie wegzuwerfen. Ich musste etwas tun, die Dinge zum Leben erwecken, irgendwie“, erinnert sich Kolja Bannasch.

Das Projekt „Wormhole“ startet

Er nahm etwa 50 Rohlinge mit und hatte eine zündende Idee: Er gründete die Facebook-Gruppe „Wormhole“. Hobby- oder Profigitarrenbauer konnten sich hier gegen eine Spende an die Bürgerstiftung der Gemeinde eines der Relikte sichern. Einzige Bedingung: Das „Wormhole-Logo“, das Koljas Schwester entwickelt hatte, sollte drauf und die Teilnehmer sollten via Facebook immer wieder den Baufortschritt oder eben die Niederlagen dabei dokumentieren.

„Ziel bei Wormhole ist es, aus dem Ausschuss funktionsfähige Instrumente zu bauen. Einerseits um die Gitarrenteile vor dem Untergang zu retten. Andererseits um Nachhaltigkeit zu demonstrieren und den Heimwerkern, die einst die deutsche Instrumentenbau-Industrie, wie Höfner und Framus, groß machten, ein gewisses Denkmal zu setzen. Schließlich haben diese Instrumente einen gewissen Anteil am Sound der Beat-Ära“, erklärt Bannasch.

Was sind das nun für Gitarren?

„Nach unsere Recherchen, handelt es sich um Bodies des Höfner-Gitarrenmodells 4572, das von der Form her an die berühmte Gibson ES angelehnt ist - B.B. King nannte seine Lucille. Es könnte aber auch Ausschuss aus der Produktion von Bodies des Ovation-Modells 'Tornado' sein. Höfner hatte die Bodies Ende der 1960er Jahre zunächst einzig für die amerikanische Firma Ovation hergestellt und im Anschluss ein eigens Modell daraus gemacht. In einem Body habe ich einen Datumsstempel gefunden, der auf Dezember 1967 datiert. Die Bodies sind also bereits 55 Jahre alt.“

Ein bunter Haufen macht mit

Die Facebookgruppe schlug ein, 1200 Mitglieder sind inzwischen weltweit dabei. Sie kommen aus Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Österreich, Luxemburg, Norwegen, Schweiz und einer sogar von den Farörer Inseln.

Alle Wormhole-Projektteilnehmer eint das gemeinsame Ziel, die Bodies für die Ewigkeit zu konservieren. „Es ist ein bunt gemischter Haufen, das geht von Ersttätern bis zu Profis“, sagt Kolja und listet einige auf: Alt-Hippie Tim Bliss aus Cornwall ist Rentner, züchtet Papageien und engagiert sich in sozialen Projekten in Äthiopien. Jurist Kevin Haus aus Nordrhein-Westfalen kann keinen Akkord spielen. Trotzdem hat er sich im ersten Lockdown selbst das Gitarrenbauen beigebracht. Aksel A. Botni von den Faroer Inseln arbeitet als Hochsee-Fischer, wenn er nicht gerade Gitarren baut oder restauriert. Christian Hackl hat in München/Schwabing eine Mode-Boutique. In seiner Freizeit lässt er sich in seinem Werkstatt-Keller außergewöhnliche Instrumentenmodelle einfallen, wie eine Kleinserie an Bass-Ukulelen im klassischen Fender Precision-Design.

E-Gitarren - das Logo muss drauf

Bislang seien vornehmlich E-Gitarren entstanden, aber auch ein E-Bass sowie eine Bariton-Gitarre seien dabei. Nachdem die Body-Form vorgegeben ist, hatten die Gitarrenbauer bei der weiteren Gestaltung freie Hand, einzige Bedingung: Es muss in Form des einheitlichen Logos einen Bezug zum Projekt Wormhole erkennbar sein.

Viele entschieden sich, in Hommage an die Höfner 4572, für ein sehr am Original angelegtes Instrument. Es gebe aber auch Teilnehmer, die den Body bemalen, mit Intarsienarbeiten versehen oder komplett neu furnieren. „Zwei fertigten sogar die Hardware (Bridge, Tremolo, Pickup-Abdeckungen) in detaillierter Handarbeit selbst“, freut sich Kolja Bannasch.

Deutscher Beitrag zum Beat

Dass es in englischsprachigen Ländern USA, Großbritannien, oder Australien offenbar eine größere Fangemeinde für deutsche Gitarren als hierzulande selbst gibt, hat Kolja Bannasch überrascht. „Vielleicht liegt es daran, dass Höfner in den 50er und 60er Jahren auch im Ausland erschwinglicher war als die großen Hersteller Gibson und Fender. Auch Paul McCartney hat sich seinerzeit in Hamburg ja nicht den teuren Fender-Bass gekauft, sondern den günstigeren Violinen-Bass. Der Rest ist Geschichte.“

Das Projekt „Wormhole läuft noch bis Ende des Jahres. Wer es verfolgen will, kann dies auf Facebook unter https://www.facebook.com/groups/projworm.

Ein Video, in dem sich Kolja Bannasch und Claudius Zott über das Projekt unterhalten, in dem das Haus zu sehen ist und in dem die beiden in die Saiten greifen, gibt es unter https://www.youtube.com/watch?v=eidY4jzvq-s.

Versteckte Gitarren. Foto: privat

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