Das schamlose Los eines Schmuddelkinds

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Harald Hahn ist auf dem Rötenberg geboren und Pädagoge, Theatermacher und Schauspieler.
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„Monolog mit meinem asozialen Großvater“ heißt das Stück, das Harald Hahn in Aalen zeigt.

Aalen. Gerne hätte Harald Hahn mit seinem Großvater über Weimar, Schiller, Goethe – und Buchenwald gesprochen. Über das KZ spricht man jedoch nicht. Warum?

Davon handelt die epische Szenenfolge, die der auf dem Rötenberg in Aalen geborene Pädagoge, Autor, Theatermacher und Schauspieler, um nur einige seiner Beschäftigungen zu nennen, jetzt auf der Theaterbühne im Alten Rathaus an zwei Abenden ausgebreitet hat.

Hahn hat sich durchgeboxt

Eigentlich ist der Mann ja gelernter Bäcker. Seine Lehre hat er absolviert, als der Rötenberg noch ein sogenanntes Problemviertel war. Zu einer Zeit, als die Kinder armer Leute – wie heute immer noch – ziemliche schlechte Chancen hatten, auf der Karriereleiter einige Sprossen nach oben zu gelangen. Harald Hahn hat sich durchgeboxt. Kleine Brötchen bäckt er nicht, Mordslaibe schon. Einen davon hat er in seinem Stück „Monolog mit meinem asozialen Großvater“ aufgeschnitten. In den 60 Minuten legt er dabei auch Schicht um Schicht von sich selbst frei.

Es treten auf: Enkel Harald, der Opa, der Enkel als kleiner Junge mit roter Clownsnase (weil Kinder und Narren die Wahrheit sagen?), ein rechtslastiger schwäbischer Hausmeister mit Besen – und ein brutaler KZ-Wärter mit einer furchterregenden, niederträchtigen Lache. Der erzählt von der Gaudi, als er den Opa verdroschen hat, weil der sein Bett nicht ordentlich gemacht habe. Ist vielleicht auch ein bisschen viel verlangt von einem armen Schlucker, der für ein ordentliches Bett wohl dankbar gewesen wäre, bevor er für neun Monate als „Asozialer“ ins KZ gesperrt worden war.

Grund genug, für die Familie, diese „Schmach“ totzuschweigen und sich zu schämen. Für den schwarzen Winkel, den man diesen Menschen angenäht hat. Wie den Juden den Judenstern. Wie befreiend wäre das gewesen, wenn alle, die wussten und sahen, aufgestanden wären. So bleibt die Scham; nicht über das eigene Versagen, sondern über das „schwarze Schaf“ in der Familie.

Der Kalkwerksarbeiter Anton Knödler also wurde im Juli 1938 im Zuge der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ (ASR) in Buchenwald eingesperrt. Im April 1939 wurde er anlässlich von Hitlers 50. Geburtstag im Rahmen einer Amnestie freigelassen – und postwendend zur Marine eingezogen. Ein Foto zeigt Opa in Uniform. Sollte sich die Familie deshalb nicht mehr schämen?

Keine Chance. Hat die Oma, eine überzeugte Nationalsozialistin, wie Hahn recherchiert hat, mit ihrem Mann gesprochen? Wenig. Und was ist mit den Unterlagen über Opas Schicksal, die man verbrannt hat? „Wega dr Schand“, verrät Oma.

75 Jahre später hat der Bundestag die einst stigmatisierten Menschen als Opfer des NS-Regimes anerkannt. Das Fazit, das der Enkel indes zieht, ist so ernüchternd wie real: „Ich glaub ja Opa, die Vergangenheit ist nicht vergangen – sie lebt in uns fort.“

Beim sich anschließenden Publikumsgespräch hat der Diplom-Pädagoge nochmals unterstrichen, um was es ihm vor allem geht: um soziale Gerechtigkeit. ⋌Wolfgang Nußbaumer

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