Wespels Wort-Wechsel

Demagogie und Demagogen

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Manfred Wespel

Manfred Wespel schreibt über Demagogen in der Geschichte

Wirft man heute jemandem vor, er betreibe Demagogie, handle demagogisch oder sei ein Demagoge, dann ist das ein schwerer Angriff, denn unter einem Demagogen versteht man jemanden, der andere politisch aufhetzt oder sie durch leidenschaftliche Reden verführt (so auch im Duden nachzulesen). Das war nicht immer so. Ausgangspunkt ist ein griechisches demos (Volk) und agein (führen, leiten, regieren). In der früheren attischen Demokratie (der Volksherrschaft) verstand man unter einem Demagogen einen herausragenden Volksführer. Perikles etwa wurde mit diesem Ehrentitel bedacht. Schon früh bekam das Wort eine negative Bedeutung und die Monarchien benutzen nach dem Wiener Kongress Demagogie als Kampfbegriff gegen Vertreter von liberalen und demokratischen Bestrebungen.

„Wollt ihr den totalen Krieg?“Natürlich gab und gibt es Demagogen. Savonarola brachte die Bürger von Florenz dazu, alles, was er für Luxus erklärte (vornehme Kleider, weltliche Bücher, Schmuck) auf dem Scheiterhaufen der Eitelkeiten zu verbrennen. Als Göbbels in seiner Sportpalastrede 1943 den totalen Krieg forderte, stimmte ihm „das Volk“ frenetisch zu, und Trump wiegelte seine Anhänger so auf, dass sie das Kapitol stürmten. Wenn heute jemand die Massen aufhetzt, Vorurteile für eigene Zwecke ausnutzt, Lügen und fake News verbreitet und zu Ausschreitungen provoziert, dann darf man das als Demagogie brandmarken – aber nur dann! Ansonsten bewegt sich dieser Vorwurf zwischen Beleidigung und Verleumdung.

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