Deniz Yücel und seine Verbindung zu Schubart

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Der Geschichtsverein am Schubart-Gedenkstein.
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Was die beiden Journalisten gemeinsam haben und warum Schubarts Grab keines ist.

Stuttgart. Der eine ist seit mehr als 200 Jahren tot, der andere quicklebendig. Gemeinsam teilen sie die Erfahrung von Gefängnis, Berufsverbot, Drangsalierungen. Aalens bekanntester Sohn Christian Friedrich Daniel Schubart musste all das erleiden. Weil er Journalist war und den Mächtigen öffentlich in die Karten schaute, war er ab 1777 ohne Gerichtsurteil zehn Jahre auf dem Hohenasperg inhaftiert.

Mit „erschreckenden Parallelen“, so die Literaturwissenschaftlerin Dr. Barbara Potthast im Stuttgarter Hospitalhof einführend, sei es Deniz Yücel im 21. Jahrhundert fast genauso ergangen. Der Journalist und aktuelle PEN-Präsident sprach dort zum Thema „Journalismus, Pressefreiheit und Demokratie“ im Programm einer Tagung. An dieser war unter anderem auch die Schubart-Gesellschaft beteiligt.

Yücel kommt verspätet auf den letzten Drücker, nach einem PCR-Test. „Ich hatte Angst, Corona zu haben.“ Ein verhaspelter Vortrag sei aber besser als keiner. Er habe ihn auch nicht schon vor 15 Monaten gleich nach der Zusage geschrieben, sondern quasi ganz aktuell. So sei das bei Journalisten. „Sie leben von der Hand in den Mund“, würden „Gebrauchstexte mit begrenzter Halbwertszeit schaffen“.

Handwerk und Meinung

Yücel wird aktuell kritisiert, weil er sich als PEN-Präsident für die Einrichtung einer Flugverbotszone in der Ukraine eingesetzt hat. Es solle an diesem Abend nicht um die Ukraine gehen, so Yücel. Nur so viel: „Humanitäre Hilfe kann die praktische Hilfe zur Selbstverteidigung nicht ersetzen“, sagt er.

Dann geht es um das journalistische Handwerk, um die Aufgabe, Dinge einzuordnen und zu kommentieren. Um die Verortung der Medien. Yücel merkt an, dass es in den Tagesthemen eben nur einen Kommentar am Tag gebe, dieser aber nicht alle Meinungen abbilde. Dass in den Medien zwar mittlerweile mehr Diversität gebe, die aber vornehmlich individuell sei. Dagegen aber niemanden, in dem sich AFD-Wähler Ronny oder der AKP-Wähler Mustafa irgendwie ein wenig wiederfinden könnten.

Durch die sozialen Medien können jeder zum Sender werden. Das sei „im Sinne der Demokratie“. Allerdings würden Influencer nicht den Geboten des Journalismus unterliegen. Recherche bedeute eben nicht, zu googeln. Sondern Dinge herauszufinden, die nicht im Internet stehen.

Gefährlich für die Demokratie sei, dass sich Politiker und Politiker direkt an die Bürgerschaft wenden würden. Dabei würden, anders als beim Journalismus, keine Fragen gestellt. Yücel nennt Merkels Youtube-Videos und Friedrich Merz' Aussage „Wir brauchen die nicht mehr“, die er allerdings zurückgezogen habe. Anderseits würden die Medien ihrer Kontrollfunktion nicht immer nachkommen, wie etwa bei Wirecard oder auch der NSU.

Auch darum, ob „Journalisten auch um gute Ziele streiten dürfen“, geht es. Sympathie für eine Sache, so Yücels Meinung, ist legitim. Trotzdem müsse man sich dabei an die Fakten halten. Fairness und Wahrhaftigkeit seien bessere Begriff als Objektivität, die eigentlich nicht möglich sei.

Gegen Ende erzählt Yücel auch von seiner Haft. Auch er habe wie Schubart, denn Drang gehabt zu schreiben als einen Akt der „Selbstbehauptung“.

Auf Spuren Schubarts

Der Geschichtsverein Aalen hatte die Tagung in Stuttgart zum Anlass genommen, dort hinzufahren und auch nach Schubarts Spuren zu suchen. Mit Stadtarchivar Dr. Georg Wendt lüfteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Hoppelau-Friedhof am Nachmittag das „Mysterium“ um Schubarts Grab.

Das eigentlich gar kein richtiges ist, wie Wendt berichtete. Vielmehr sei der Stein ein Gedenkstein, die die Stadt Stuttgart für den Dichter errichtet habe. Der Hoppelau-Friedhof und das Gelände seien in den 60er-Jahren umgegestaltet worden zu einem Park. Irgendwo aber in der Nähe des Gedenksteins liege Schubart, der 1791 starb, aber begraben. Dagmar Oltersdorf

Deniz Yücel in Stuttgart.

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