Der heilige Einklang aller Wesen

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Der goldene Topf, frisch inszeniert von der Württembergischen Landesbühne.
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Die Württembergische Landesbühne bringt im Gmünder Prediger frischen Wind in E.T.A. Hoffmanns Klassiker „Der goldene Topf“.

Schwäbisch Gmünd

Ein Märchen aus der neuen Zeit“nennt E.T.A. Hoffmann sein Werk „Der goldene Topf“. Mit den Haus- und Kindermärchen etwa der Gebrüder Grimm hat das 1814 erschienene und 1819 überarbeitete Stück, das als Hoffmanns erfolgreichstes Werk gilt, wenig zu tun.Vielmehr leuchtet der Romantiker in den zwölf Vigilien, das sind Nachtwachen, die Nachtseiten der menschlichen Existenz aus und verdichtet sie erzählerisch.

Der Student Anselmus ist zwischen der rational erschließbaren Welt und dem Reich der Fantasie, das ihn zu verschlingen droht, hin und her gerissen. Nach vielen Irrungen, Wirrungen und Gefahren gibt er sich zu guter Letzt ganz dem Phantastischen und der Poesie hin und verzichtet auf eine Karriere als Hofrat.

Zwischen der Entstehungszeit und dem Heute liegen gut 200 Jahre, die das „neue Zeit“ stark relativieren. Wie also das Abitur-Sternchenthema für die Bühne umsetzen? Die Württembergische Landesbühne gastierte am Donnerstagabend mit einer spannungsreichen und bildgewaltigen Inszenierung im Gmünder Prediger.

Das überwiegend aus Schülern der Jahrgangsstufe 1 und 2 bestehende Publikum war sichtlich in Bann gezogen von dem magischen Bühnengeschehen, in dem das Bürgerliche und das Künstlerisch-Kreative im ständigen Widerstreit liegen. Das Bühnenbild ist einfach aberwirkungsvoll: Im Hintergrund liegen die Elbauen in romantisches, etwas düsterwirkendes Licht getaucht. Raffiniert ist der Fadenvorhang rundherum, in dem die Wesen wie aus einer Anderswelt auftauchen, etwa die drei grünen verführerischenSchlangen, im nächsten Moment dingen beängstigende Fratzen durch das Wirrwarr, die Unheilvolles raunen.

In eine der Schlangen, Serpentina, verliebt sich Anselmus. Deutlich zeichnet Regisseur Jenke Nordalm die sexuell aufgeladene Stimmung des Stückes nach, das sprachlich gipfelt in: „zwischen schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns“.

Sexuell aufgeladene Stimmung

Anselmus ist ein Suchender,der immer wieder wie unter Strom steht, bis sich etwas in ihm löst und entlädt. Der Archivarius Lindhorst, der in Wahrheit ein Salamander ist, bewegt sich mitfließenden, schlangenförmigen Bewegungen durch die Welt, und bei Konrektor Paulmann sind es schließlich ganz offensichtlich anzügliche Bewegungen.

Die fünf Schauspieler Timo Beyerling, Alessandra Bosch, Daniel Großkämper, Mira Leibold und allen voran Julian Häuser als Anselmus spielen passend zum Stück fluide, verwandeln sich von der Hexe zur verführerischen Frau, vom Träumer zum Realist und wieder zurück. Neben den Lichteffekten und Einblendungen trägt die Musik, die von Techno über psychedelische Klänge bis hin zu klassischem Poplied mit E-Gitarren-Begleitung reicht, zum Gelingen der Inszenierung bei. Stark zur Geltung kommt die poetische Sprache Hoffmanns durch das chorische Sprechen, das an vielen Stelleneingesetzt wird und das den Sätzen noch mehr Nachdruck verleiht. Sein „Gelispel,Geflüster und Geklinge“ ist, mit hoher Sprechkunst auf der Bühne vorgetragen,ein rechter Genuss und Romantik vom Feinsten: „Ist denn überhaupt des Anselmus’ Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?“

Ist denn die Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie?“

Anselmus, Student

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