Der nackte Verführer im Badezuber

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Ein fetter nackter Cherub sitzt in einem Badetrog im Gasthaus.
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Das Theater und die badische Philharmonie Pforzheim bringen mit der Verdi-Oper „Falstaff“ das Ränkespiel der Geschlechter mit betörender Musik auf die Bühne.

Schwäbisch Gmünd

Turbulenzen im CCS, so lässt sich am besten zusammenfassen, was das Theater Pforzheim mit der Verdi-Oper „Falstaff“ auf die Bühne brachte.

Nach der Shakespeare-Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ sowie Szenen aus „Heinrich IV.“ schrieb Arrigo Boito ein Libretto, das den 80-jährigen Giuseppe Verdi anregte, eine „lyrische Komödie“zum Zeitvertreib zu vertonen. Es war seine letzte Oper.

Ein fetter nackter Cherub sitzt in einem Badetrog im Gasthaus, säuft Wein und schlägt sich den Bauch voll. Es ist der verarmte Ritter Sir John Falstaff, der mehr Geld ausgibt, als er hat. Die beiden Spießgesellen Bardolfo und Pistola applaudieren, als Falstaff Vorhaltungen von Dr. Cajus abwehrt, der zu Recht beklagt, dass Falstaff seine Stute zuschanden geritten hat und in sein Haus eingebrochen ist.

Die beiden diebischen Begleiter weigern sich jedochmitzumachen, als Falstaff seinen Geldmangel durch Affären mit den betuchten Ehefrauen Alice Ford und Meg Page beheben will. Sie wenden sich von Falstaff ab und informieren die Ehemänner.

Verwicklungen sind also vorprogrammiert. Überzeugend ist Rhys Jenkins in seiner Rolle als Falstaff. Der fettige Leib, der über den Rand des Zubers zu sehen ist, die verschwitzten Löckchen um die Tonsurglatze, das Selbstverständnis seiner ungeheuren Anziehungskraft strotzt ausjeder Pore. Die italienischen Texte sind in Übersetzung auf dem oberen Bühnenrand nachzulesen. Voll Feuer die Musik der Badischen Philharmonie Pforzheim unter Robin Davis Taktstock. Kompliziert das Notenwerk. Wie Dramaturgin Inken Meents im Programmheft schreibt: „Ungewöhnlich, nämlich ohne Ouvertüre, direkt mit Kritik an Falstaff, beginnt sie und mit einer nicht gerade einfachen Fuge.“

Der Stoff der Oper hat nichts an Aktualität eingebüßt.„Eine Männerfigur, die sich maßlos selbst überschätzt und Besitzansprüche erhebt“, so beschreibt es Dramaturgin Inken Meents. Mit einer Musik, die den Dirigenten bei schnellen Tempi mehrere Taktarten gleichzeitig abfordert, damit Orchester und Gesang genau zusammengehen.

Eine große Herausforderung, dieses Ränkespiel, in dem Männer versuchen, Frauen zu übertölpeln, Frauen keine Opfer sind, sondern ihrerseits ein verwirrend geflochtenes Netz aus Intrigen spinnen.

Mrs Quickly bringt voller Raffinesse Falstaff in Wallung. Franziska Rabl verkörpert die gestandene Verführerin, die selbst nicht zur Verfügung steht, sondern die Botschaften bringt, die Falstaff verwirren. Ihm ist das gleich, denn er will haben, was er an Weiblichkeit vor sich sieht. Träumerisch überlegter die Wonnen, gleich drei Frauen „laufen“ zu haben. Die strenge Mutter von Nannetta, Mrs Alice Ford, und Mrs Meg Page sind die„Geldbeutel“, die Falstaff braucht. Elisandra Melián als Nannetta interessiert sich nur für Santiago Bürgi in der Rolle von Fenton und wirbelt gekonnt alles durcheinander. Obwohl ihre Mutter den trockenen Dr. Cajus als zukünftigen Schwiegersohn sieht.

Bühnenbild und Kostüme von Thomas Mogendorf zeichnen die Shakespeare-Zeit mit modernen Mitteln nach. Rechts und links ein weißer Aufbau, dem Globe-Theatre in London nachempfunden. Starre weiße „Personen“sitzen oben auf den Rängen. Ein Tisch, ein Stuhl, der Badezuber und ein paar Gestelle – schon ist der Bühnenraum gestaltet. Projektionen vermitteln, unterstützt vom Licht, Illusionen von Räumen oder Wald.

Verwicklungen und Beschuldigungen fliegen durch den Raum. Stets abgewischt von Falstaffs Ego-Überzeugung oder der Finesse der beteiligten Damen. Gekrönt von einem weißen ausufernden Geweih irrt der inzwischenbekleidete Falstaff durch einen verzauberten Wald. Wird von Elfen und Nymphen, die die Damen inszeniert haben, in die Irre geführt, nimmt es gelassen, dass er keine Dame abkriegt, Nannetta und Fenton vom Vater ohne dessen Wissen verheiratet werden, und der vorgesehene Schwiegersohn Dr.Cajus mit Bardolfo, was zu aller Zufriedenheit führt.

Turbulent, manchmal verwirrend, die Musik engagiert und immerwiederzarten Gesang übertönend, großartig die Schauspiel- und Gesangsleistung, entwickelte sich im CCS ein fulminantes Klang- und Seherlebnis, das das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss, ganz im Sinne von Falstaffs Schlusskommentar: „Alles auf der Welt ist Spaß“.

Falstaff in Gmünd.
Das Theater Pforzheim gastiert mit Verdis "Falstaff" in Schwäbisch Gmünd.
Falstaff Verdi Oper
In "Fastaff" sind die Frauen keine Opfer, sondern spinnen ihrerseits ein verwirrendes Netz aus Intrigen.
In "Fastaff" sind die Frauen keine Opfer, sondern spinnen ihrerseits ein verwirrendes Netz aus Intrigen.

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