Der Schubart-Literaturpreis 2023 geht an Julia Schoch

+
Slata Roschal erhält den Schubart-Förderpreis. Foto: Ammy-Berent

Der Roman „Das Vorkommnis“ überzeugt die Jury. Ebenso der Roman „153 Formen des Nichtseins“ von Slata Roschal, die den Schubart-Förderpreis erhält.

Aalen

Julia Schoch ist Trägerin des Schubart-Literaturpreises 2023 der Stadt Aalen“, gibt Oberbürgermeister Frederick Brütting das Ergebnis der Jurysitzung bekannt. Die Schriftstellerin erhält somit den mit 20 000 Euro dotierten Literaturpreis für ihren im dtv-Verlag erschienenen Roman „Das Vorkommnis“. Die Jury überzeugte vor allem ihre sprachlich konzentrierte und kluge Selbstbefragung über Erinnerungen und die Konstruktion eines Lebens, die von einem unerschrockenen und offenen Blick auf vermeintliche Gewissheiten zeugt – ganz im Sinne des Namensträgers des Preises.

Mit dem Schubart-Förderpreis der Kreissparkasse Ostalb, der mit 7500 Euro dotiert ist, wird Slata Roschal für ihr Debüt „153 Formen des Nichtseins“ ausgezeichnet. Der Roman ist im Homunculus-Verlag erschienen. Die festliche Preisübergabe ist am Samstag, 22. April, um 18 Uhr im Kulturbahnhof Aalen. Am Sonntagvormittag, 23. April lesen die beiden Preisträgerinnen um 11 Uhr im KubAA aus ihren preisgekrönten Romanen.

„Ich danke allen Jurymitgliedern für die ernsthafte Diskussion und sorgsame Auswahl“, sagte OB Brütting. Er freue sich, diese literarische Auszeichnung, eine der ältesten in Baden-Württemberg, gemeinsam mit der Jury und im Namen des Gemeinderats verleihen zu dürfen.

Der Jury gehören die Literaturkritikerin und Publizistin Verena Auffermann, die Literaturkritikerin und Literaturredakteurin des rbb, Anne-Dore Krohn, der Literaturkritiker und Übersetzer Denis Scheck, Köln, Dr. Stefan Kister, Kulturredakteur der Stuttgarter Zeitung, der Stuttgarter Kulturwissenschaftler Dr. Michael Kienzle und aus Aalen Oberstudiendirektor a.D. Michael Weiler an. Anne-Dore Krohn wird die Laudatio auf Julia Schoch halten, Dr. Stefan Kister wird beim Festakt die Förderpreisträgerin Slata Roschal würdigen.

Die prämierten Romane

Julia Schoch fällt in „Das Vorkommnis“ elegant und absichtlich gleich mit der Tür ins Haus. Schon im ersten Absatz sagt eine Frau zur Ich-Erzählerin: „Wir haben übrigens denselben Vater“. Ein erzählerisch genialer Anfang: Alles, was danach kommt, ist eine nachdenkliche und kluge Selbstbefragung über Erinnerung und die Konstruktion eines Lebens. Es geht Schoch nicht darum, herauszufinden, ob die Frau wirklich ihre Halbschwester ist, sondern um das, was ihr Auftauchen ins Wanken bringt - die vermeintlichen Gewissheiten oder gar Wahrheiten. Schreibend, reflektierend, analysierend versucht sie zu verstehen, warum das Auftauchen so einschneidend war. „Ich hatte Lust, in den Keller zu steigen und etwas zu ergründen, das mir selbst noch unklar war“, schreibt sie. In kurzen Abschnitten stellt die Autorin Gedanken und Fragen in den Raum, ehrlich, dringlich und zutiefst menschlich.

Überzeugt hat die Jury auch Slota Roschals Roman „153 Formen des Nichtseins“. In ihrem Romandebüt bildet die in Sankt Petersburg geborene Schriftstellerin das Aufwachsen in einer Gemeinschaft ab, in der zur russisch-jüdischen Herkunft noch die Zugehörigkeit zu einem Reich kommt, das nicht von dieser Welt ist: den Zeugen Jehovas. Sie erzählt von dem schmerzhaften Emanzipationsprozess einer jungen Frau. Der Roman dokumentiert den mühsamen und radikalen Ablösungs- und Befreiungsprozess von den Gewissheiten und Vereinnahmungen religiöser und politischer Indoktrination. Und doch wahrt die Autorin immer eine Distanz gegenüber allzu sprungbereiten Urteilen. „Während es gerade überall um die Frage von Identitäten geht, hat Slata Roschal ein Buch geschrieben, das zeigt wie sehr wir aus dem zusammengesetzt sind, was wir nicht sind“, begründet die Jury ihre Entscheidung.

Den Preis gibt es seit 1956

Die Stadt Aalen verleiht den Schubart-Literaturpreis seit 1956 in zweijährigem Turnus. Ausgezeichnet werden herausragende literarische Leistungen in der Tradition des aufklärerischen Denkens von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791). Preisträger waren unter anderen Monika Helfer (2021), Daniel Kehlmann (2019), Katja Petrowskaja (2015), Jenny Erpenbeck (2013), Peter Schneider (2009), Friedrich Christian Delius (2007), Uwe Timm (2003), Robert Gernhardt (2001), Alice Schwarzer (1997), Ralph Giordano (1995) und Peter Härtling (1974).

Julia Schoch erhält den Schubart-Literaturpreis 2023. Foto: Ulrich Burkhard

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Kommentare