Die destruktive Macht der Scham

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Harald Hahn in Buchenwald
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Harald Hahn bringt sein Stück „Monolog mit meinem asozialen Großvater - ein Häftling in Buchenwald“ auf die Bühne des städtischen Theaters Aalen im Alten Rathaus.

Aalen

Harald Hahn. Jahrgang 1966. Geboren und aufgewachsen auf dem Aalener Rötenberg. Damals ein sozialer Brennpunkt. Hauptschule mit Ach und Krach, eine ungeliebte Bäckerlehre, Zivildienst, danach „Bielefelder Oberstufenkolleg“, Abitur, Studium. Heute Diplom- und Theaterpädagoge, Autor, Dozent, Supervisor, Theatermacher, Schauspieler, Sänger, Lebenskünstler, wohnhaft in Berlin.

Lange hinter sich gelassen hat Hahn seine Rötenberger Zeit, vergessen hat er sie nicht, so wenig, wie seine Familiengeschichte, die ihn bis heute umtreibt.

Beispielsweise die Erinnerung an seinen Großvater. Der war neun Monate als „Asozialer“ im KZ Buchenwald eingesperrt. Er kam frei und blieb dennoch gefangen, gebrochen. Aber in seiner Familie dominierte nicht Mitgefühl, sondern Schweigen und Scham. Grund für Hahn, seinem Großvater etwas zu geben. Seinen „Monolog mit meinem asozialen Großvater“. Zu sehen ist das Ein-Personen-Stück an Aalens städtischem Theater am 11. und am 12. März im Alten Rathaus.  

Ein sehr privates Stück

„Mein Dank gilt Intendant Tonio Kleinknecht und dem Theater, für die Chance, mein Stück in meiner Heimatstadt aufzuführen“, sagt Hahn. Und er bekennt, wie nahe ihm das Projekt geht.  „Am Anfang dachte ich, es würde ein Stück nur über meinen Großvater werden. Doch beim Schreiben wurde mir immer klarer, dass das auch ein Stück über mich werden würde. Und über die sozialen Umstände, die mich partout zu etwas anderem machen wollten, als ich es dann doch geworden bin“, lacht er.

Hahn erinnert sich an die Initialzündung, für das Projekt, das sehr lange in ihm reifte. 1993, als Freiwilliger für „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in USA, besuchte er in Philadelphia einen Workshop für Menschen aus NS-Täter- und Opferfamilien. „Eine der Leiterinnen stammte aus einer jüdischen Familie, die mit Ausnahme der Mutter komplett ermordet worden war. Der Vater der anderen war SS-Wächter in Dachau. Eine der beiden sagte etwas, das ich nie vergessen werde: Es gebe da eine Gemeinsamkeit in den Täter- und den Opferfamilien: das Schweigen“, erzählt Hahn.  

In Täter- und auch Opferfamilien war dieses Schweigen am tiefsten, hat Hahn danach herausgefunden. „Bestimmt wurde nur in den wenigsten deutschen Haushalten aufrichtig über diese Zeit gesprochen. Bei uns bestand das Geheimnis eben darin, dass Opa im Lager war, als sogenannter Asozialer. Wobei Geheimnis hier bedeutet: Man wusste das schon irgendwie in meiner Familie, es wurde in Andeutungen darüber gesprochen, wenn der Großvater nicht dabei war. Aber die Geschichte wurde mit den Jahren immer vager. Es gab sogar zwei Meinungen darüber, welches Lager es denn gewesen sei, Dachau oder Buchenwald“, berichtet Hahn.

Es war Buchenwald

Es war Buchenwald. Das hat Hahn an Ort und Stelle recherchiert. Dorthin verschleppt wurde, den Akten zufolge, Anton Knödler, Kalkwerksarbeiter, geboren und wohnhaft in Mögglingen, Vorstrafen nicht bekannt, am 5. Juli 1938. Zusammen mit 50 weiteren Männern, im Zuge der sogenannten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ (ASR).

Hahn blickt in die Vergangenheit: Bereits im Januar 1938 habe Heinrich Himmler angeordnet, die Festnahme aller arbeitsfähigen Männer vorzubereiten, die „nachweisbar in zwei Fällen die ihnen angebotenen Arbeitsplätze ohne berechtigten Grund abgelehnt oder die Arbeit zwar aufgenommen, aber nach kurzer Zeit ohne stichhaltigen Grund wieder aufgegeben haben“. Diese Leute seien „asozial“ und müssten durch Lagerhaft diszipliniert werden.

In einer ersten Welle im Frühjahr 1938 habe Buchenwald dadurch rund 4000 Zwangsarbeiter für den Lageraufbau erhalten. In der auch als „Juni-Aktion“ bekannten zweiten Verhaftungswelle, sei sein Großvater festgesetzt worden. Der Radius erweiterte sich nun auch auf jüdische Männer. „Mein Großvater hat das Lager immerhin überlebt. Im April 1939, anlässlich von Hitlers 50. Geburtstag, wurde er im Rahmen einer Amnestie freigelassen und sogleich zur Marine eingezogen. Der Führer brauchte jetzt Soldaten“, sagt Hahn.

Geheimnis und Scham

Das Geheimnis um diese Geschichte in Hahns Familie beruhte auf Scham. „Unglaublich. Schämen sollen hätten sich doch jene, die Hitler getragen und ermächtigt hatten. Aber so funktionierte das damals eben nicht. Die Mehrheit verweigerte einfach jede Scham“, sagt Hahn.  

In seinem Theaterstück legt Hahn diese Verweigerung einem prototypisch, gedankenlos-rechten schwäbischen Hausmeister in den Mund: „Woisch, jetzt muss doch endlich Schluss sei mit dem alte Glomp, was han denn die Amis g‘macht? Do schwätz niemand drüber!“ 

Für ihn habe die Lager-Geschichte seines Großvaters noch Jahrzehnte später wie eine „amtliche Aufforderung“ gewirkt, sich zu schämen: „für meine erlebte Armut und Ausgrenzung. Dafür, nicht dazuzugehören, anders zu sein. Eben geborener Rötenberger.“ 

In seinem Stück versuche er, diese Scham in vielfältiger Weise zu bearbeiten, sagt Hahn. „Neben Monologen, in dem ich Opa etwa aus seiner Akte vorlese, gibt es auch eine Clownsnummer. Darin isoliere ich die Scham von allem Gesellschaftlichen, um sie im Kern zu fassen: Ich schlüpfe in die Rolle des Kindes, das sich beim Pommes-Essen mit dem Opa mit Ketchup bekleckert und sich dann ganz furchtbar schämt“, erläutert Hahn.

Scham wirkt auch politisch

Scham sei eine machtvolle Emotion, sagt er, und sie habe eben auch eine politische Ebene: „In meinem Rötenberg gab es nicht wenige, die sich erfahrenes Unrecht selbst zum Vorwurf machten, anstatt dagegen aufzubegehren. So schützt die Scham immer eben auch die Hackordnung der Gesellschaft“, meint Hahn . 

„Geschichte ist nicht einfach vergangen, sie lebt in der Gesellschaft weiter fort“, ist er überzeugt. So sei es auch mit dieser „Be-Schämung“ der sogenannten Randgruppen. „Diese Spuren finden sich nicht nur in der Art, wie man bis heute über Menschen redet, die nicht arbeiten können oder tatsächlich nicht im herkömmlichen Sinne wollen. Sondern auch in der Gesetzgebung: Erst in jüngster Zeit hat das oberste Gericht existenzbedrohende Sanktionen gegen das Verweigern von Arbeit für verfassungswidrig erklärt“, erläutert er. Und er verweist darauf, dass der Bundestag erst im Februar 2020 - gegen die Stimmen der AfD - die seinerzeit als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ stigmatisierten Menschen als Opfer des NS-Regimes anerkannt hat.

„Bis dahin war das Schicksal jener, denen in den Lagern der schwarze Winkel auf die Kittel genäht wurde, im toten Winkel der Aufarbeitung versteckt“, nennt Hahn eine weitere Motivation für sein Stück. „Persönliche Zeugnisse gibt es von diesen Menschen kaum und das Erinnern an sie kann herausfordernd sein: Dem saufenden Großonkel gedenken, der mitunter gewalttätig wurde? Der obdachlosen Großmutter, die sich prostituierte? Nur zögerlich beginnt die Gesellschaft, sich mit den unbequemen Opfern auseinanderzusetzen. Wenn mein Stück dazu beitragen kann, freut es mich“, meint Hahn. „Im Anschluss gibt's jeweils ein Publikumsgespräch. Ich bin gespannt“, endet er.

Zu sehen ist „Monolog mit meinem asozialen Großvater“ am Freitag, 11. und am Samstag 12. März, jeweils ab 20 Uhr im Alten Rathaus in Aalen. Der Vorverkauf läuft. Wegen Corona dürfen jeweils nur 30 Gäste kommen.

„Geschichte ist nicht einfach vergangen, sie lebt in der Gesellschaft weiter fort.“

Harald Hahn, Theatermacher
Szene aus Monolog mit meinem asozialen Großvater
Szene aus Monolog mit meinem asozialen Großvater
Harald Hahn als prototypischer Rechter in seinem Stück.
Harald Hahn spielt die Scham Kind
Harald Hahns Großvater war im KZ Buchenwald eingesperrt. Hahn hat dies vor Ort recherchiert.

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