Eulenflug und ratternde Züge

+
Foto: Jan-Philipp Strobel
  • schließen

Die Jazzmission Schwäbisch Gmünd präsentiert mit Heidi Bayers "Virtual Leak" Jazz, frei und melodiös.

Schwäbisch Gmünd.  Alles im Fluss. Was die in Köln lebende Jazz-Trompeterin Heidi Bayer am Freitagabend mit ihren drei Bandkollegen im Gmünder a.l.s.o.-Kulturcafé bot, war ein langer spannender Fluss voller spielerischer Überraschungen und Kontraste. Ungewohnt die Bandzusammensetzung mit Trompete oder Flügelhorn, Heidi Bayer – und Altsaxophon, Johannes Ludwig.

Wie die beiden mit ihren Instrumenten kommunizieren, zeugt von großer Vertrautheit. Sie sind im einen Moment mit ihrem Spiel ganz nah beieinander, um im nächsten getrennte Wege zu gehen; legt der eine mit einer Improvisation los, legt die andere einen ruhigen Melodieverlauf drunter – zwei Individuen, die sich in der Jazz-Musik gefunden haben.

Die meisten der gut zehn Stücke, die sie in Gmünd spielen, sind von Heidi Bayer komponiert und zumeist temporeich. Karl Degenhardt an den Drums sorgt mit seinen ausgefeilten Schlagtechniken für zusätzlichen Drive. Vierte im Bunde ist Lisa Wulff am Kontrabass, die mit ihrem behäbig wirkenden Instrument nicht weniger energiegeladen spielt als der Rest der Band.

Virtual Leak kommt ohne Harmonieinstrument wie Klavier oder Gitarre aus. Die Musik konzentriert sich auf das Wesentliche, wie bei „Hot Train“: Ein Zug rattert vor sich hin, Reifen quietschen – jazziger Impressionismus, der sich mit klarer und reduzierter Sprache äußert.

Bayers Markenzeichen ist neben ihrem warmen Sound wie sie freies Spiel und melodiöse Passagen verknüpft. Gleich beim ersten Stück „Eifel Blues“ ist klar, wohin die Reise geht: Jazz-Standards lässt sie selbstbewusst links liegen, ein freier Ausdruck ist mehr ihr Ding. Wie ein langer Bewusstseinsstrom fließt das Stück vor sich hin, die Strömung zumeist stark und das Publikum lässt sich mitreißen.

Aus dem Stück „Hedwig’s Flight“ spricht Bayers Begeisterung für Harry Potter. Wie ein Eulenflug hebt die Musik an, rasend geht es durch himmlische Gefilde und die Magie ist mit Händen zu greifen. Ein banaleres Thema hat das Stück „If it helps“, nämlich Schokolade, wie die Musikerin verrät. Es beginnt kraftlos und matt, bis der Energieschub wirkt und der gewohnte Drive wieder da ist.

Bei „Brac“, benannt nach einer Insel in Dalmatien, fasziniert, wie das freie Spiel immer wieder zum Leitmotiv zurückkehrt, und bei „Shores“, komponiert von Johannes Ludwig, zeigt die Formation, dass sie auch die epische Spielweise beherrscht.

Einen fulminanten Schlusspunkt setzte schließlich die zweite Zugabe, die reine Improvisation war.

Zurück zur Übersicht: Ostalb-Kultur

Kommentare